Was kreative Menschen gemeinsam haben

Autoren wie J. R. R. Tolkien, Stephen King oder George R. R. Martin schufen ganze Universen – in ihren Köpfen. Wie machten sie das? Wieso können nicht alle Menschen derart kreativ sein?

© Flickr | Eddi van W. | CC BY 2.0

Das Geheimnis der Kreativität ist immer noch nicht ganz gelüftet. © Flickr | Eddi van W. | CC BY 2.0

Ich war noch ein Kind, als ich mit J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe in Berührung kam. Ich erinnere mich noch genau an den Kinobesuch mit meinem Vater. Erst danach begann ich, die Bücher zu lesen. Ich kann sagen, dass Tolkiens Geschichten mich bis heute prägen.

Bis heute stelle ich mir aber auch Fragen: Wie kann es nur möglich sein, dass ein Mensch ein solches Universum kreieren kann – in seinem Kopf? Und wieso können offensichtlich nicht alle so eine schöpferische Kraft aufbringen? Auch wenn ich mich grundsätzlich für einen „kreativen Menschen“ halte – etwas von dieser Größe erschaffen zu können, scheint mir gänzlich unmöglich. Tolkien erfand ein Konstrukt aus einer tausendjährigen Historie, aus verschiedenen Sprachen und unzähligen Völkern, nur um darin dann Geschichten wie die vom Ring der Macht zu erzählen. Was passierte da in seinem Kopf?

„Nennen Sie möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein“

Man sagt, dass die Idee für „Der Herr der Ringe“ in Tolkien vor ziemlich genau 100 Jahren zu reifen begann, als er ein kurzes Gedicht las. In diesem Moment müssen in ihm kreative Prozesse begonnen haben, über die Kreativitäts- und Hochbegabungswissenschaftler bis heute forschen.

Mit Joy Paul Guilfords Studie Creativity aus dem Jahr 1950 rückte die in der Forschung bis dahin vernachlässigte Kreativität in den Blickpunkt psychologischer Studien. Guilford beschrieb das „divergente Denken“ erstmals als einen eigenen Aspekt der Intelligenz. Gleichzeitig machte er Versuche und Vorschläge, wie man es messbar machen könnte. Im Gegensatz zum „konvergenten Denken“, das versucht eine korrekte Lösung zu finden, zielt es darauf ab, möglichst viele und einzigartige Lösungen zu generieren. „Nennen Sie möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein“, lautete eine von Guilfords ersten Fragen an Versuchsteilnehmer.

Die moderne Wissenschaft forscht auf dieser Grundlage seit Jahrzehnten zu diesem Thema. Sie beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, ob und wie Intelligenz, sprich Hochbegabung, und Kreativität zusammenhängen. Eine definitive Antwort gibt es nicht, wie die Psychologin Tanja Baudson in einem Beitrag für das „MinD-Magazin“ erklärt. Klar ist: Hohe Intelligenz und umfangreiches Wissen allein garantieren noch keine Problemlösung. „Wenn man Intelligenz als Fähigkeit zum Finden von Lösungen definiert, ist Kreativität möglicherweise die Fähigkeit zum Finden von Problemen.“

Die Merkmale der Kreativen

Was den meisten von uns bekannt sein dürfte, ist, dass unsere linke Hirnhälfte für rationales Denken zuständig ist und die rechte für Kreativität. In Wahrheit ist es aber etwas komplexer: Was in uns passiert, wenn wir „kreativ“ sind, ist ein Zusammenspiel aus vielen neuronalen Vorgängen und Verbindungen, aus Emotionen, Erfahrungen, Erinnerungen und Wissen.

Die Kreativität gibt es nicht“, sagt Kurt Heller, Hochbegabungsforscher, Professor an der LMU München und Mitwirkender vieler Studien. Damit einhergehend gebe es auch nicht die typischen Künstler*innen: Kreative Persönlichkeiten lassen sich schwer einordnen. Es ist eher ein Zusammentreffen aus unterschiedlichsten Einflüssen und Verhaltensweisen in einer Person. „Bestimmte ‚Kreativitäts-Gene‘ konnten bisher nicht nachgewiesen werden, wohl aber hirnphysiologisch günstige oder ungünstige Bedingungen für kreatives Schaffen. Auch äußern sich kreative Ideen und Handlungen nicht nur bereichsspezifisch, sondern auch alters- und expertiseabhängig.“

Dennoch gibt da offenbar einige Charakteristiken und Verhaltensmuster, die Kreative gemeinsam haben:

  • Sie sind neugierig.
  • Sie sind risikobereit.
  • Sie haben ein ästhetisches Verständnis.
  • Sie sind flexibel.
  • Sie streben nach Erkenntnissen.
  • Sie folgen ihren Leidenschaften.
  • Sie haben den Drang, Neues zu entdecken.
  • Sie haben kein Problem damit, von Normen abzuweichen.
  • Sie haben keine Angst vor Komplexität.
  • Sie sind zielfixiert.

Spannend in diesem Zusammenhang ist auch folgende Beobachtung: Kreative Einfälle oder Problemlösungen erscheinen häufig in einem tagträumerischen Zustand. Das erklärt zum Beispiel, warum uns so viele originelle Ideen unter der Dusche kommen, wenn wir völlig entspannt sind. Wenn wir gerade intensiv denken wollen, greift unser Hirn immer auf die Empfindungs- und Gedächtnismuster zu, die am leichtesten greifbar sind – also am „logischsten“ sind. In völlig entspanntem Geisteszustand jedoch können Verbindungen aktiviert werden, die nicht so naheliegend und ansonsten eher schwächer präsent sind.

Albert Einstein zum Beispiel soll einerseits über eine besonders ausbalancierte Kombination aus mächtiger Aufmerksamkeit und mathematischem Wissen und andererseits über zeitweiliges „Abschalten“, also die Fähigkeit zu müßigen Gedankenspielen, verfügt haben.

Es weist außerdem einiges darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischer Labilität geben könnte: Wie viele andere Künstler*innen zog Johann Wolfgang von Goethe aus seinen seelischen Leiden schöpferische Kraft. Das ist paradox und zynisch: Einige der besten und erfolgreichsten Lieder und und Geschichten entstanden nur, weil jemand großen Schmerz oder Verluste erleiden musste.

Auch die Macht des Zufalls ist nicht zu unterschätzen. So können bestimmte neue Ereignisse sich mit alten Erkenntnissen verbinden und so ein neues Muster im Gehirn entstehen – einer der möglichen Ausgangspunkte für einen kreativen Prozess. Bei Tolkien etwa könnte das oben erwähnte Gedicht gewesen sein, dass er 1916 in die Finger bekam. Es geht darin um die germanische Figur „Èarendel“, der „allzeit aus sich selbst leuchtet“, quasi das Gute personifiziert.

Wie funktioniert der kreative Prozess?

Wenn Künstler*innen mitten in einem kreativen Prozess stecken, also schreiben, malen, zeichnen, oder musizieren, und sich plötzlich ganz aus der Umwelt zurückziehen, spricht man vom „Flow State“. Sie sind dann in „der Zone“. Die Erklärung ist faszinierend: Etwas zu erschaffen erfordert intensivste Konzentration. Während dieser Phase verschwindet das Körperbewusstsein, ja sogar die Identität. Weil ihre Gedanken die komplette Aufmerksamkeit benötigen, werden sie selbst und ihre Bedürfnisse also völlig irrelevant. Es ist wie ein Rausch, in dem die eigene Existenz für kurze Zeit unterbrochen ist.

Gehen wir noch einen Schritt zurück, zur Entstehung des Prozesses. In frühen Studien zum Erfindungsprozess und künstlerischen Schaffen wurde er von verschiedenen Forschern in diese Stadien unterteilt:

  1. Die Vorbereitungsphase: Durch vor sich hin leben werden im Kopf Informationen gesammelt, Probleme definiert, Interesse oder ein grobes Ziel erklärt.
  2. Die Inkubationsphase: Das ist die eigentliche Geburt der Kreativität. Es wird irgendwann unbewusst eine „Lösung“ auf die entdeckten Probleme gefunden (Stichwort Tagträumen).
  3. Die Illumination: Das Aha-Erlebnis, der Moment, wenn es dann endgültig „Klick“ im Kopf macht und festgestellt wird, dass man tatsächlich etwas Neues schaffen könnte.
  4. Die Verifikation: Die Gedanken werden darauf abgeklopft, wie plausibel sie sind. Sie werden erprobt, die Lösung wird bewertet.

Dahinter steckt die Annahme, dass ein kreativer Denkprozess weitgehend ohne Wissensbasis abläuft – und vor allem ohne die Gesetze der Logik. Während einige Hochbegabungsforscher das entschieden bestreiten, könnte aber genau das die Erklärung für das Ende von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ sein.

Outside the box

Tolkien selbst schrieb 1966 im Vorwort zu „Der Herr der Ringe“, dass das Buch nach seiner Absicht keine tiefe Bedeutung oder Botschaft habe: „Es ist weder allegorisch, noch hat es irgendeinen aktuellen Bezug. Der wirkliche Krieg hat weder in seinem Verlauf noch in seinem Ausgang eine Ähnlichkeit mit dem Krieg der Sage. Hätte er als Vorbild gedient, so hätte man sich des Rings sicherlich bemächtigt und ihn gegen Sauron verwendet; und Sauron wäre nicht vernichtet worden, sondern unterworfen, und Barad-dur nicht zerstört, sondern besetzt.“

Es wäre ein logisches Ende gewesen. Die tragische Geschichte darüber, dass unsere selbstauferlegten Zwänge stärker sind als wir selbst. Man stelle sich das einmal vor: Dieser Mann hat zwei Weltkriege miterlebt. Wie viel Leid er gesehen haben muss, wie viel Trauer, Verzweiflung, Missgunst, Hass. Wer würde da nicht erwarten, dass er die Welt in seiner Geschichte ins endgültige Chaos stürzen lässt?

Tolkien aber entschied sich gegen diesen logischen Ausgang der Geschichte. Die Hauptfiguren, Frodo und Sam, schaffen es, sich im letzten Moment der Stärke von Freundschaft bewusst zu werden, der von Verständnis und Anteilnahme. Trotz des Zwiespalts, der sich während ihrer Reise auftat und entgegen allen negativen Einflüssen, passiert etwas Gutes: Sie entscheiden sich nicht für Macht für Einzelne, sondern Frieden für Alle.

Auch wenn Tolkien selbst sich nicht bewusst war, welchen Symbolcharakter und welchen Erfolg seine Geschichte dadurch erreichen würde: Sie bleibt für mich das schönste Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn Menschen outside the box denken.