Was macht der G20-Gipfel mit den Menschen in Hamburg?

Die Menschen in Hamburg müssen in dieser Woche mit so einigem klarkommen. Über der Stadt schwebt Unzufriedenheit.

Die Hamburger*innen lassen sich nicht alles gefallen. © Ruth Rilinger

Hamburg ist im Ausnahmezustand. Hundertschaften der Polizei sind im Einsatz, eine 38 Meter lange sogenannte Sperrgebietszone ist in der Nähe der Szeneviertel Schanze und St. Pauli eingerichtet. Offiziell werden die „Einschränkungen für die Hamburgerinnen und Hamburger in der Stadt so gering wie möglich gehalten“. Für diese Einschränkungen sollen die Hamburger*innen Verständnis haben, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Wie sieht das ganz praktisch im Alltag aus und was macht der G20-Gipfel mit der Stadt? Viele Anwohner*innen fühlen sich belästigt, verlassen die Stadt, andere sehen den kommenden Tagen mit Spannung entgegen. Aber bei einem sind sich fast alle einig: Der Gipfel hat hier in der Stadt nichts zu suchen.

Einige fühlen sich bedroht, einige wandern aus

Nicolette Bleeker. © Ruth Rilinger

Viele Anwohner*innen im Karoviertel wandern für ein paar Tage aus, vor allem Eltern mit Kindern, erzählt Nicolette Bleeker, Besitzerin des Kinderbekleidungsgeschäfts Petit Garage. „Für mich geht die Gewalt von der Polizei aus, vom Staat“, sagt sie. Sie wisse von vielen Kund*innengesprächen, dass viele deswegen nicht demonstrieren gehen werden. „Ja, ich zum Beispiel“, unterbricht eine Kundin, die das Gespräch mitgehört hatte. „Weil ich schwanger bin. Bei dem Aggressionspotenzial, was von der Polizei ausgeht, kriegt man Angst“, sagt Sarah.

Wenn eine Stadt G20 ausrichtet, muss sie auch aushalten, dass es Proteste gibt, dass Menschen sagen: so eine Politik, nicht mit uns.“ – Nicolette

Drei andere Anwohner*innen mitten im Karoviertel direkt vor Nicolettes Geschäft erzählen, dass sie sich teilweise bedroht fühlen. Jonah, 55, fühlt sich beobachtet, bespitzelt und eingeschränkt von der Polizeipräsenz vor seinem Haus und erzählt von einem Nachbarn, der von der Polizei in seinen Hof verfolgt wurde und sich ausweisen musste. „Wir wurden nicht gefragt, ob wir das wollen. Wir hätten Nein gesagt“, sagt er und beschwert sich über zu wenig Informationen von Seiten der Polizei oder der Stadt. „Man geht Altglas wegbringen und plötzlich ist der Altglascontainer weg.“

Eine junge Frau, die auch im Karoviertel wohnt, stören die Hubschrauber, die sie seit Januar hört. „Was man uns hier zumutet, ist für eine Katastrophe gedacht“, sagt sie. Vor allem die fehlenden Infos, wo man wie als Anwohner*in durchkommt, nerven sie. Man käme mit dem Fahrrad schlecht durch, da oft die Fahrradwege von Polizeiwagen zugeparkt seien und das Auto in Wohnnähe abzustellen, könne man direkt vergessen, so die Anwohnerin. „Vor meinem Haus stehen sehr viele Polizeiwagen, die den Motor ständig laufen habe. So eine Luftverschmutzung, der wir ausgesetzt sind“, beschwert sie sich.

© Ruth Rilinger

Viele Läden im Karoviertel und der Schanze haben Plakate gegen den Gipfel in ihrem Schaufenster, einige mit der Aufschrift: „No G 20. Spare our Store!“. Einige Läden schließen, vor allem größere Ketten, sagt eine Ladenbesitzerin. Die kleineren Läden wären sich noch nicht so schlüssig. Andere haben schon Vorsichtsmaßnahmen getroffen und ihren Laden mit Brettern geschützt.

Restaurants und Kneipen müssen sich der Lage anpassen

Auch einige Restaurants und Kneipen machen Freitag und Samstag zu, andere entscheiden je nach Situation spontan. Tristan, der Geschäftsführer der Katze auf der Schanze, will die Sicherheit seiner Gäste und des Personals Freitag und Samstag nicht gefährden. „Diese Sperrgebietszone schränkt alle ein, vor allem die Bürger.“ Er findet es einen „mega Schwachsinn, das in einer Großstadt zu machen, vor allem in der Nähe der Roten Flora.“ Die meisten Ladenbesitzer*innen, mit denen ze.tt gesprochen hat, sind sich einig darin, dass mit großen Umsatzeinbußen zu rechnen ist und ärgern sich darüber, dass die Stadt keinen Schadenersatz angeboten hat.

Ein Geschäftsführer einer größeren Kette, der namentlich nicht genannt werden will, findet dennoch Positives am G20-Gipfel. Er meint, dass „Hamburg endlich mal aus dem Provinziellen herauskommt“. Er hofft, dass der Gipfel das Touristikgeschäft in der Zukunft beleben wird.

Markus. © Ruth Rilinger

Auch Markus, 44, aus dem Allgäu und zur Zeit geschäftlich in Hamburg, freut sich eher über den Gipfel und den Protest dagegen: „Endlich wird in Hamburg mal etwas geboten“, sagt er und schaut begeistert auf den ankommenden Demozug Lieber tanz ich als G20.

Ich find’s gut, dass endlich was los ist in Hamburg und auch, dass friedlich dagegen demonstriert wird.“ – Markus

Dann verabschiedet er sich, um schnell Fotos vom ersten Wagen und den tanzenden Leuten zu machen.

Noah oder der Lumpenhändler, wie er sich selbst scherzhaft nennt, ist Ladenbesitzer im Karoviertel. Er hat die bunte Aufschrift „Bin weg. G20 Bier holen“ an seinem Ladenfenster. Er wird für ein paar Tage in den Urlaub fahren und überlegt gerade, ob er seinen Laden mit Brettern verbarrikadieren soll oder nicht, weil die Versicherung im Ernstfall nicht zahlen würde. „Ich will den Wahnsinn hier nicht mitkriegen. Ich hab keine Angst, aber ich fahr weg“, sagt er. Ein anderer Anwohner kommt vorbei und grüßt ihn.

© Ruth Rilinger

Till wohnt auch im Karoviertel und hat sich dazu entschieden, nicht wegzufahren. „Ich bleib hier, weil ich neugierig bin. Ich guck mir das an“, sagt er. Auf die Frage, was der G20-Gipfel mit Hamburg macht, antwortet Noah, dass es auch eine positive Seite hätte. Seiner Meinung nach geht der Widerstand durch alle Gesellschaftsschichten. Während wir darüber sprechen, werden wir von Lieselotte unterbrochen, die schwer bepackt aus dem Hauseingang herauskommt und erzählt, dass sie jetzt für ein paar Tage wegfährt. „Das wird eine Schikane für uns die kommenden Tage“, sagt sie und verabschiedet sich. „Bevor das losgeht, fahr ich weg.“

Aktivist*innen machen sich Sorgen

Am Grünen Jäger, im kleinen Park auf dem Pferdemarkt, finden sich am Dienstag Nachbar*innen und Anwohner*innen ein. Etwa 35 Netzwerke haben sich zusammengeschlossen, um den sogenannten Arivati-Park zu organisieren, den Park der Ankommenden, wo Themen wie Urban Citizenship und Flucht zur Sprache kommen.

© Ruth Rilinger

Lola Loope, wie sich eine Aktivistin am Infostand selber nennt, sieht die positiven Nebenwirkungen des G20-Gipfels. „Es ist Schwachsinn, den G20 mitten in der Stadt zu machen, aber wir machen aus Scheiße Gold“, sagt sie und erklärt, dass ein Goldstück der Arivati-Park sei, wo Menschen ins Gespräch kommen und sich kennenlernen können. „Es ist eine totale Kontaktbörse, man lernt nette Leute kennen. Heute erst habe ich einen Iraker mit ein paar Kurden hier um die Ecke verknüpft.“ Sie findet gut, dass sich Leute zusammenschließen und gemeinsam etwas machen.

Niels Boeing, Aktivist im Netzwerk Recht auf Stadt ist auch im Arivati-Park aktiv. Die Grundhaltung hier sei: „Wir lassen uns nicht vorschreiben, wo wir hingehen. Wir sind ja schon da, wir lassen uns nicht vertreiben.“ Aber Sorgen machen ihm die Tage nach dem Gipfel. „Die Stadt wird nicht mehr dieselbe sein“, sagt er. „Jedes große Ereignis dieser Sorte mit diesem Sicherheitspaket modernisiert die Sicherheits- und Kontrollpolitik.“ Boeing befürchtet, dass man den Gipfel als Anlass nehmen könnte, danach ein „Großreinemachen in der linken Szene“ einzuleiten. Er kritisiert auch, dass am Wochenende Listen von Linksextremen mit einzelnen Namen veröffentlich worden seien. Trotzdem findet auch er positiv, dass es Menschen politisiert und zusammenbringt.

Während sich viele Anwohner*innen gegenüber ze.tt vor allem über die Polizeipräsenz und die auch nachts kreisenden Hubschrauber beschweren, sind andere davon genervt, mobil eingeschränkt zu sein oder Zwangsurlaub nehmen zu müssen, weil sie befürchten, nicht mehr zur Arbeit zu kommen. Viele Kitas und Schulen halten die Eltern dazu an, ihre Kinder zu Hause zu behalten. Lieferanten kommen oft nicht mehr zu ihren Kund*innen. „Es ist super nervig. Ich bin mitten auf St. Pauli, alles ist abgesperrt. Ich musste mir zwei Urlaubstage nehmen, weil ich in der Innenstadt arbeite und da alles verbarrikadiert ist. Dass das mitten in einem linken Viertel ist, ist einfach super Kacke,“ sagt etwa eine junge Frau auf der Demo Lieber tanz ich als G20 am Mittwochabend.

Auch Leonard Buhrz und sein Freund Felix, die in St. Pauli wohnen, wissen noch nicht, ob sie überhaupt zur Arbeit kommen werden. „Ich müsste eigentlich über die Hohe Luftbrücke, aber da stehen Scharfschützen, da kann man nicht lang“, sagt Felix. „Außerdem nervten die Hubschrauber, die nachts mit Suchscheinwerfern über St.Pauli gekreist sind, extrem“, sagt Leonard.

Anwohner*innen können nachts schlechter schlafen

Auch ältere Leute in St. Pauli klagen über die lauten Hubschrauber mit Suchscheinwerfern, die unter anderem das Fernsehsignal stören. „Ich werde mitten in der Nacht von starkem Licht geweckt und dachte, die landen gleich im Garten. Das ist eine große Unverschämtheit“, sagt Anke, 63, die ohnehin nachts schlecht einschlafen kann.

Anke. © Ruth Rilinger

Edith, eine junge Mutter, sitzt bei Anke im Wohnzimmer und erzählt, dass sie auch am Dienstagabend nicht einschlafen konnte. „Ich finde es eine Dreistigkeit, dass wir hier belästigt und in unseren Grundrechten eingeschränkt werden, dafür, dass sich Politiker und sogar Diktatoren mitten in der Stadt treffen können“, sagt Edith, die aus Angst vor Wasserwerfern und Steineschmeißer*innen ihr Auto in einem anderen Stadtteil geparkt hat.

Auch eine Altenpflegerin, die auf der Schanze wohnt und arbeitet, macht sich Sorgen um ihre Patient*innen: „Meine Patienten haben oft den Krieg noch mitgekriegt, wenn sie die Polizeifronten sehen und Zeuge von Gewalt werden, löst das viel in ihnen aus. Da kommen Erinnerungen hoch.“ Viele trauten sich gar nicht mehr diese Tage vor die Tür zu gehen und wussten oft gar nicht, dass die normalen Geschäfte, wie der Lidl oder Rewe auf der Schanze, schließen würden, sagt sie. „Die meisten sind politisch neutral, haben aber Angst zwischen die Fronten zu geraten, wie etwa eine ältere Patientin von mir, die zweimal unwillentlich in eine Demonstration geraten ist, aber nicht mehr sprechen kann“, so Müller. Die meisten ihrer Patient*innen würden es so als Zumutung empfinden, den Gipfel mitten in der Stadt zu veranstalten. Sie mache sich auch Gedanken darüber, wie das überhaupt gehen solle, wenn im Notfall ein Krankenwagen durchkommen muss.

Es erinnert ein bisschen an einen Kriegsausbruch.“

Sogar Obdachlose wandern zum Teil aus. Christoph, ein fünfzigjähriger Obdachloser auf der Reeperbahn, sagt, er wird die kommenden Tage nicht im Stadtzentrum verbringen. „Wir gehen hier weg. Woher sollen wir wissen, ob die Polizei uns vielleicht schlägt, wenn es hier losgeht.“ Er erzählt außerdem, dass in den letzten Tagen verstärkt Kontrollen stattgefunden haben, an dem Ort, wo sie zur Zeit schlafen. Und das zwei- bis dreimal pro Tag, teilweise auch morgens um fünf Uhr, wo sie schreiend geweckt wurden und dann alles nach Waffen durchsucht wurde. „Die Hamburger Polizei ist ja meistens ganz in Ordnung, aber diese ganzen Polizisten aus anderen Städten nicht. Berliner sind die schlimmsten“, sagt er und fragt noch, ob man den Gipfel denn nicht irgendwo in den Alpen hätte stattfinden lassen können.

Ponny. © Ruth Rilinger

Auch Ponny, 19, der zwar gerade eine Bleibe zum Wohnen hat, aber mit Freund*innen auf der Straße bettelt, erzählt, dass er in den letzten 18 Stunden fünfmal kontrolliert wurde. Bei einer Kontrolle hätten auswärtige Polizisten einfach seine Antidepressiva-Tabletten beschlagnahmt. „Das ist richtig scheiße, die haben die einfach mitgenommen, weil sie dachten, es sind Drogen oder so. Aktuell habe ich keine mehr und muss mich erst wieder neu einstellen lassen.“ Eine Dienstaufsichtsbeschwerde hat Ponny schon geschrieben und hofft, dass es Auswirkungen hat.

Welche weiteren Auswirkungen der G20 Gipfel noch auf Hamburg und seine Bewohner*innen haben wird, wird sich erst die nächsten Tage zeigen. Eines aber habe sich schon gezeigt. „Die Stadt wacht auf. Die letzten Tage hat sich das widerborstige Hamburg gezeigt“, sagt ein junger Familienvater, der mit seiner Familie Mittwochabend auf der Demo Lieber tanz ich als G20 teilnahm.

„Eigentlich befinden wir uns in einem skandalösen Zustand, in dem die Polizei macht was sie will. Da muss man Gesicht zeigen. Das Positive daran ist, dass Leute wieder näher zusammenrücken.“

© Ruth Rilinger

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