Was macht eigentlich ein Nachtbürgermeister?

„Eine Stadt ohne Nachtleben ist nicht dynamisch“, sagt Amsterdams Nachtbürgermeister Mirik Milan. Er sorgt dafür, dass die Nacht attraktiv bleibt. Und sicher.

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"Das Leben der Menschen verlagert sich immer stärker in die Nacht", sagt der Nachtbürgermeister Amsterdams. © neo.n/photocase.de

Mehr als 1.500 Bars und Clubs laden in Amsterdam zum Feiern ein, es gelten sehr liberale Drogen- und Prostitutionsgesetze. Damit Amsterdam auch weiterhin eine Partyhochburg, aber gleichzeitig sicher bleibt, gibt es dort Mirik Milan.

Milan ist seit vier Jahren offizieller Nachtbürgermeister der holländischen Hauptstadt. Hauptberuflich war der 35-Jährige eigentlich Event-Manager. 2012 wählten ihn Partyveranstalter*innen und DJs zum „Organisator der Nacht“. 2014 wurde er wiedergewählt, diesmal gab es auch eine offene Online-Abstimmung, an der sich alle Bürger beteiligen konnten. Mirik ist ein „Offizieller der Nacht“, wie er es nennt. Mittlerweile hat er es geschafft, sein Ehrenamt zum Beruf zu machen. Amsterdams (richtiger) Bürgermeister merkte, wie wichtig Milan für das Nachtleben ist.

„Das Leben der Menschen verlagert sich immer stärker in die Nacht“

Die Stadt beteiligt sich nun zur Hälfte an seinem Gehalt – die andere Hälfte wird durch Spenden finanziert. „Natürlich gibt es Probleme: Gewalt, Alkoholexzesse, Drogen. Aber das Nachtleben steht für viel mehr positive Erlebnisse: für kulturelle, soziale und kreative Begegnungen. Das Leben der Menschen verlagert sich immer stärker in die Nacht, denn hier kommt Kreativität zusammen und die Menschen sind weniger Zwängen ausgesetzt“, sagt Milan.

Milans erklärtes Ziel ist es, eine bessere Stadt zum Leben und zum Feiern zu schaffen. Eine Stadt, die nicht nur tagsüber, sondern auch nachts sicher ist. Die für alle etwas im Angebot hat. Daher erstellt Milan immer wieder neue Partykonzepte und sorgt dafür, dass mehr kulturelle Veranstaltungen angeboten werden, wie Ausstellungen, Konzerte und Theaterstücke. Dass Clubs, die außerhalb des Zentrums liegen, einfach und sicher zu erreichen sind und dass dunkle Plätze beleuchtet werden. Seine Hauptaufgabe ist das Vermitteln: Zwischen der Partyszene, den Anwohnern und der Politik.

Milans Arbeit ist notwendig: 2002 kippte die Amsterdamer Partystimmung. Clubbesitzer protestierten gegen die teils strikten Vorgaben der Stadt, wie die Sperrstunde. Politiker wiederum hatten das Gefühl, das Nachtleben würde ihnen entgleiten – sie brauchten einen Zugang, jemanden, der die Regeln der Nacht kannte, dem aber auch Partyveranstalter und DJs zuhörten: einen Nachtbürgermeister.

Einige Ziele hat Milan in den letzten vier Jahren schon erreicht: „Insgesamt zehn Bars und Clubs dürfen seit 2013 rund um die Uhr öffnen. So können wir endlich mit Berlin und London konkurrieren. Und es gibt weniger Lärm und Gewalt auf den Straßen, weil nicht alle gleichzeitig aus dem Club gehen“, sagt Milan. Tagsüber böten ausgewählte Locations verschiedene Angebote, von Kunstausstellungen bis hin zu Yoga-Kursen. „So wird dem jeweiligen Viertel etwas zurückgegeben“, sagt er. Sein nächstes Vorhaben: Restaurants sollen länger geöffnet haben, damit es auch bis nach Mitternacht gutes und gesundes Essen gibt, nicht nur Fast Food.

„Wir wollen keinen ‚Gin-Tonic-Bürgermeister‘“

Nicht nur in Amsterdam, sondern auch Städten wie Toulouse, Zürich und Paris gibt es mittlerweile Nachtbürgermeister. Ende April hatte Mirik Milan seine Kolleg*innen und solche, die es werden wollen, zum weltweit ersten Nachtbürgermeistergipfel eingeladen. Die Interessierten kamen aus Turin, London, Tokyo, San Luis de Potosí in Mexiko; von überall auf der Welt. Beim Gipfel tauschten sie sich über Infrastruktur, Sperrstunden und Sicherheitskonzepte aus.

Adelina Lobo Guerrero war aus Mexiko für den Gipfel angereist. Ihr größter Wunsch ist es, Nachtbürgermeisterin ihrer Heimatstadt zu werden. „Das Nachtleben muss mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Es gehört zum Leben dazu, aber es wird sich nicht darum gekümmert. Besonders schlimm ist es im Bereich der Sicherheit. In Mexiko kann eine Frau nicht alleine mit dem Taxi fahren – es ist zu gefährlich. Viele gehen deswegen nicht mehr feiern.“, erzählte sie auf dem Gipfel.

Massimo Lapolla aus Turin stimmt ihr zu, der Lokalpolitiker möchte der erste Nachtbürgermeister Italiens werden: „Wir wollen keinen ‚Gin-Tonic-Bürgermeister‘“, erklärt er. „Wir nehmen das sehr ernst. Nachts arbeiten viele Leute, nicht nur Barkeeper und Kellner, auch Ärzte und Bäcker. Wir wollen eine Stadt, in der alle öffentlichen Dienste für jeden 24 Stunden lang verfügbar sind.“

Damit ist er genau beim Thema von Christophe Vidal, dem Nachtbürgermeister von Toulouse: „Mein Verein ‚Toulouse Nocturne‘ erhebt Studien über die Nachtökonomie, also konkret: Wie viele Leute arbeiten nachts? Damit gehen wir dann zu den Politikern und finden gemeinsam Lösungen für diese Menschen, die oft vergessen werden.“

Kein Nachtbürgermeister für Berlin

Seit über einem Jahr fordern die Grünen auch für Berlin eine*n Nachtbürgermeister*in gefordert. Die Partei hätte ihn gern als neutralen Ansprechpartner für Anwohner- und Partygänger*innen. „Für Berlin lehne ich das Konzept definitiv ab“, sagt jedoch Lutz Leichsenring, Sprecher der Berliner Clubcommission. „In so einer Stadt kann es das Gegenteil bewirken, wenn nur eine Person versucht, bestimmte Dinge zu erreichen. Das hängt dann viel zu sehr von dieser Person ab.“

Das Netzwerk aus Clubbetreibern und Kulturschaffenden unterstützt die Berliner Clubs und versucht im Bedarfsfall zu vermitteln. Vor allem sei die Clubcommission aber „unbequem“, wie Lutz mir sagt, denn „wir wollen kein Disneyworld in unserer Stadt“. Positiv an dem Konzept in Städten wie Amsterdam findet er allerdings: „Es ist schon einmal ein Erfolg, dass Politiker die Probleme anerkennen und das Nachtleben nicht nur als Störfaktor sehen. Es hat nämlich einen enormen ökonomischen, kulturellen und gesellschaftlichen Faktor für die Städte.“ Vielleicht ist das ja doch ein Anreiz für deutsche Städte, mal über einen „Offiziellen der Nacht“ nachzudenken.