Was man bei Uni-Gruppenarbeiten wirklich lernt? Dass sie abgeschafft gehören

Wer wegen einer Gruppenarbeit nicht schon mal aus dem Fenster springen wollte, hat nicht studiert.

Gruppenarbeiten sind das Waterboarding des Universitätsbetriebs. © Stocksnap/Brodie Vissers

Es ist Montag, 12 Uhr. Die meisten Studierenden im Seminar blinzeln noch verschlafen aus ihren Wollpullis und knabbern an ihrem Chia-Samen-Frühstückspudding. Nach Inputreferat, Stuhlkreisdiskussion mit doppelt quotierter Redner*innenliste und abschließender Reflexionsrunde, kündigt die Seminarleitung die Königsdisziplin in der Kategorie Studierende quälen an: Gruppenarbeiten. Die weisere Hälfte der Seminarteilnehmenden beginnt, rhythmisch den Kopf gegen die Tischplatte zu hauen.

Das Ideal der Gruppenarbeit sieht so aus: Aufgeweckte Studierende erarbeiten sich selbstständig Seminarinhalte. Sie teilen sich die Arbeit gerecht auf, diskutieren Fragen und Probleme bei Rotwein und selbstgedrehten Zigaretten. Am Ende haben alle mehr gelernt, als wenn ein Prof einfach alles vorgeleiert hätte.

Gruppenarbeiten, die so ablaufen, sind so selten wie Schatztruhen am Ende des Regenbogens. Ab und zu trifft man eine*n Langzeitstudierende*n, der*die so was irgendwann damals vorm Krieg schon mal erlebt haben will. Allen anderen ist es nicht vergönnt. In der Realität sind Gruppenarbeiten das Waterboarding des Universitätsbetriebs. Und das läut so ab:

1. Akt: die Terminverhandlungen

Die Probleme beginnen schon in der Terminfindungsphase. Per E-Mail suchen drei der fünf Gruppenmitglieder in einer mehrwöchigen Verhandlungsphase ein Datum, an dem alle Zeit haben. Alle sind wahnsinnig eingespannt mit diversen Referaten, Poweryogakursen und dem hippen Kunstprojekt, bei dem man Mülleimer auf der Straße verschönert, sodass auch ja bald die Mieten in dem betroffenen Viertel steigen. Zumindest will niemand zugeben, dass sie*er die Abende hauptsächlich mit Netflix auf dem Sofa verbringt, man will ja nicht als Verlierer*in aus dem Stressvergleich gehen.

[Außerdem bei ze.tt: Vorlesungen sind verschwendete Lebenszeit]

Nachdem der Betreff der E-Mail inzwischen Re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re:re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: lautet, haben Jochen, Kerstin und Anne endlich einen Termin gefunden: Montag um 20 Uhr. Eine Stunde später kommt eine Mail von Sabine: „Hey ihr Lieben, sorry, dass ich zwei Wochen zum Antworten gebraucht habe, ich checke meine Mails nicht so häufig. Ich bin eigentlich an allen Tagen Recht flexibel. Nur montags kann ich nicht. Wie schaut es bei euch aus?“ Wäre das Leben ein Comic, würden Jochen, Kerstin und Anne jetzt Haare raufend auf ihren mobilen Endgeräten herumhüpfen.

Um den Terminfindungsprozess fortan effizienter zu gestalten, wird eine Doodle-Umfrage erstellt. Nach weiteren zwei Wochen haben alle außer Jens ein Zeitfenster von zwölf Minuten gefunden, in dem sie Zeit haben. Jens hat bisher auf keine E-Mail geantwortet, erscheint nie im Seminar, steht aber auf der Liste der Gruppenmitglieder. Nun ja, egal.

2. Akt: das erste Treffen

Es ist Mittwoch, 13 Uhr. In zwanzig Minuten findet das Gruppentreffen statt. Da kommt in der WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Gruppenarbeit 😊💪🎓“ eine Nachricht von Kerstin: „Hey ihr Lieben, ich schaff’s heut leider nicht, hab mir beim Poweryoga den Fuß verknackst.“ Daraufhin Jochen: „Gute Besserung. Dann lass es uns doch lieber verschieben, ich hab noch super viel für mein Business-Plan-für-Einsteiger-Seminar zu tun. Sagst du Sabine Bescheid?“

13:20 Uhr. Sabine sitzt am verabredeten Ort. Sie hat kein Smartphone. Hauptsächlich aus Imagegründen.

3. Akt: das zweite erste Treffen

Irgendwie kommt irgendwann doch das erste Gruppentreffen zustande. Damit ist der schwierigste Teil der Gruppenarbeit bereits geschafft. Meist findet die erste Zusammenkunft frühestens eine Woche vor Präsentation der Ergebnisse statt. Um einen Mensatisch sitzend hebt Jochen sofort sein Bein und markiert sein Revier mit einem Bombardement aus Foucault-Zitaten und anderen Literatur-Querverweisen.

Anne, die als einzige Notizen dabei hat, ist von dieser pseudointellektuellen Zaubershow so eingeschüchtert, dass ihr ihre Notizen plötzlich trivial erscheinen und sie sich kein Wort mehr zu sagen traut. Kerstin muss nach zwanzig Minuten schon wieder los zum Poweryoga. Und Sabine hat den Text nicht gelesen. Von Jens hat immer noch niemand etwas gehört.

[Außerdem bei ze.tt: Fachbegriffe und Namedropping: Uniseminare können verdammt ausgrenzend sein]

Am Ende des Treffens ist man etwa so weit, wie vor dem Treffen, aber immerhin hat man eine offene Datei erstellt, in der nun gemeinsam gearbeitet werden soll. Anne fügt ihre Notizen als Arbeitsgrundlage ein. In den nächsten Tage ergänzt Jochen ein Foucault-Zitat. Kerstin verbessert Rechtschreibfehler. Sabine hat kein Google-Konto und kann deshalb nicht auf die Datei zugreifen.

4. Akt: Showtime

Der Tag der Präsentation rückt näher. Angesichts wichtiger Poweryogaseminare, Foucault-Lesegruppen und Mülleimerkunstaktionen einigt man sich schließlich darauf, dass die Notizen von Anne super sind und keiner weiteren Bearbeitung bedürfen.

Am Abend vor der Präsentation stellt sich heraus, dass Jens doch keine Unikarteileiche ist. „Hey, ich hab gesehen, wir sind zusammen in einer Gruppe“, schreibt er per Mail. „Habt ihr da schon was zu gemacht?“

Zur Präsentation sind schließlich alle fünf anwesend. Anne, die als einzige Ahnung von der Materie hat, präsentiert einem vor sich hin dämmernden Publikum das Ergebnis. Die anderen vier stehen nickend und moralisch unterstützend im Hintergrund. Nach zwanzig Minuten ist der Spuk vorbei, alle fallen erleichtert auf ihre Stühle zurück und sind froh, wieder im Meer der vor sich hin Dämmernden zu versinken.

Am Ende hat immerhin Anne etwas Wertvolles gelernt: Menschen sind scheiße und das Leben ist kein Ponyhof.

Vorhang zu.