Was Obama in Berlin wirklich über Trump sagte

Der scheidende US-Präsident sprach bei seinem letzten Deutschlandbesuch erstmals eine beruhigende Tatsache an: Trump wird im Januar feststellen, dass er nicht all seine Versprechen wird halten können.

© Screenshot | Tagesschau

So viel wird Trump vermutlich wirklich mitzureden haben. © Screenshot | Tagesschau

Barack Obama ist eloquent, seine Reden sind durchchoreographiert. Pausen sind kalkuliert und so gesetzt, dass sie seinen Worten Nachdruck verleihen. Aber als er am Donnerstag in Berlin mit der Bundeskanzlerin vor die Presse trat, musste er spontan und live auf eine sensible Frage zu Donald Trump antworten. Es war einer der seltenen Momente, in denen der US-Präsident eine echte und nicht kalkulierte Nachdenkpause brauchte.

Die letzte Frage der Pressekonferenz. Ein ARD-Journalist fragte Obama (im eingebetteten Video ab 1:19:11): „Die Ernennung von Stephen Bannon zum Chef-Berater, das Treffen mit Farage, der Rückzug prominenter Republikaner aus dem Transition Team; was konkret lässt Sie hoffen, dass der gewählte Präsident doch noch ein berechenbarer, ein verlässlicher Präsident und Partner Europas und der Welt werden wird?“

„Ich bin immer optimistisch“, sagte der US-Präsident zunächst mit seinem typisch-charmanten Lächeln. Ein Kniff, um sich noch etwas Zeit zu verschaffen. Dann blickte er kurz nach unten, atmete tief durch und dachte noch einen Moment lang nach. Von der Beantwortung einer solchen Frage hängt viel ab: Wie kann er, als noch amtierendes Staatsoberhaupt, die Problematik Trump so ansprechen, dass er gleichzeitig bei der Wahrheit bleibt – aber nicht in der Gunst der kommenden mächtigsten Mannes der USA sinkt?

[Außerdem auf ze.tt: Vier Studierende wollen die Trump-Propaganda stoppen]

„Trump wird schnell merken, an welchem Schreibtisch er jetzt sitzt“

Vorab: Obama blieb natürlich opportun. Ein genaues Analysieren seiner folgenden Antwort lohnt sich aber. Er sprach nämlich zum ersten Mal durch die Blume davon, wie wenig Einfluss der kommende US-Präsident wirklich haben wird, sobald er ins Weiße Haus einzieht – und sich nicht besinnen sollte. Bei Trump dürfte das ohne fremdes Zutun bekanntlich schwierig sein. Obama aber vertraut offensichtlich selbstreinigenden Prozessen der Menschheit.

Im Oval Office habe er Zeiten erlebt, in denen die Probleme nur so auf ihn einprasselten, sagte Obama. Die Menschen seien oft gleichzeitig mit politischen Problemen, Grundsatzproblemen und internationalen Problemen zu ihm gekommen. Sein Team sei deshalb oft entmutigt und deprimiert gewesen. „Ich sagte ihnen dann, ich kann nur optimistisch sein, weil die Chancen, dass ich als Barack Obama überhaupt einmal Präsident werde, so gering waren.“ Er spielte dabei auf seine Stellung als erster schwarzer US-Präsident an. „Ich habe in meinem Leben so viel positive Veränderung in den USA und in der Welt gesehen. Das zeigt mir, dass Geschichte nicht in einer geraden Linie verläuft, sondern im großen Ganzen immer in Richtung Gerechtigkeit, Freiheit und zu einem besseren Leben für die Menschen führt.“

[Außerdem auf ze.tt: So versucht das Netz, das Trump-Trauma zu verarbeiten]

Was Obama damit eigentlich sagte: Im Weißen Haus kann man gar nicht anders, als sich den Dynamiken und Zwängen der Geschichte und Gesellschaft zu beugen. Und dass aus den Tiefs, den Kriegen und Problemen, den Streits und Debatten der Menschheitsgeschichte, letzten Endes doch immer etwas Gutes entstanden ist – auch wenn es in den jeweiligen Situationen nicht so wirkte.

„Meine Hoffnung hat viel mit den Verantwortungen zu tun, die man hat, wenn man in diesem Büro arbeitet“, sagte Obama. Das könne ihn in diesem konkreten Fall nur optimistisch stimmen. Man werde im Weißen Haus mit sehr ungewohnten Herausforderungen aus der USA und dem Rest der Welt konfrontiert. „Das zwingt einen dazu, sich zu fokussieren. Und das benötigt Ernsthaftigkeit.“ Wer diesem Job nicht mit Ernsthaftigkeit begegne, der sei ihm nicht gewachsen, denn das verursache Probleme.

Im Klartext bedeuten Obamas Worte: Wenn sich Donald Trump nicht zusammenreißt und sein neues Amt, wie von ihm gewohnt, als Entertainer antritt, wird er definitiv scheitern. „Selbst wenn man einen guten Job macht: Auf diesem Schreibtisch landen täglich sehr viele unterschiedliche Dinge. Man hat Gegner, man wird kritisiert – das merkt man recht schnell, wenn man erstmal da sitzt“, sagte Obama. „Ich glaube, auch der gewählte Präsident wird ziemlich schnell zu spüren bekommen, dass die Forderungen und die Verantwortungen eines US-Präsidenten keine sind, die man leichtfertig behandeln kann.“

[Außerdem auf ze.tt: Trotz dieser unglaublichen Fehltritte wurde Donald Trump US-Präsident]

In einem großen, komplexen und diversen Land könne man nur dann erfolgreich sein, wenn man gut zuhöre – und mit vielfältigen Menschen zusammenarbeite.“Ich hoffe, dass genau das passieren wird. Und tue alles, um zu helfen, dass es passiert“, sagte Obama. Eine gezielte Anspielung: Trump ist nicht gerade für sein Attribut bekannt, besonders aufmerksam zuhören zu können. Zusätzlich scharrt er gerade Menschen um sich, die er aus seiner Laufbahn als Geschäftsmann seit Jahrzehnten kennt. Diese Dinge werden ihm im Oval Office womöglich auf die Füße fallen, so gut seine Berater*innen auch sein mögen.

Obama gab Trump mit seiner Antwort also einen subtilen Seitenhieb mit auf dem Weg: Wer nicht möchte, dass die Stimmung kippt, wird dem generellen Wunsch der Menschen nach Freiheit und Unabhängigkeit nachgeben müssen. Das eint sie nämlich alle, ob sie rechts oder links ticken. Im Wahlkampf mögen Trumps Showmaster-Fähigkeiten noch gut funktioniert haben – als US-Präsident wird er sich allerdings noch umsehen.