Was Sexting mit unserem Liebesleben macht

Die meisten Paare ziehen bei Seitensprüngen einen Schlussstrich. Was aber, wenn der Sex nur virtuell passiert?

„Ich sexte eben, um nicht zu betrügen” Unsplash / David Cohen / CC0

Anna* und Thomas* haben sich schon nackt gesehen. Sie wissen, an welchen Stellen sich Tattoos verstecken, wer wo Piercings trägt. Thomas weiß, was Anna erregt, wo sie geküsst werden will und auch worauf sie keinen Bock hat. Ihm gefällt es, dass Anna Lust auf einen Dreier hat.

Eigentlich wissen die beiden alles übereinander im Bett. Mehr als ihr Partner und seine Partnerin es tun. Anna und Thomas haben sich noch nie berührt. Zumindest nicht sexuell. Mehr als eine Umarmung und ein Küsschen links, Küsschen rechts lief nicht. Jeden Tag sitzen sie nebeneinander in Vorlesungen und Kursen in der Uni. Abends gehen sie manchmal gemeinsam mit Kolleg*innen auf ein Bier raus. Am Wochenende erledigen sie Gruppenaufgaben und Präsentationen zusammen. Sie sind Freund*innen. Ziemlich gute sogar. Aber eben nicht ausschließlich. Wenn sie abends allein im Bett liegen, sind sie mehr als Freund*innen. Dann schreiben sie, telefonieren und erzählen sich gegenseitig, was sie gerne miteinander machen möchten. Anna und Thomas setzen ihre Fantasien aber nicht in die Tat um, denn sie leben beide in Beziehungen.

 „Sexting ist wie Pornos gucken”

Thomas und seine Freundin sind seit vielen Jahren ein Paar. Eines dieser Traumpaare, bei denen alles zu passen scheint. Wo Freund*innen nur darauf warten, dass sie verkünden: Wir heiraten, ziehen aufs Land und bekommen ein Kind. Thomas argumentiert nüchtern: „Ich sexte eben, um nicht zu betrügen.“ Für ihn ist der Kontakt mit Anna nichts anderes, als Pornos zu gucken. Anna ist ihm trotzdem nicht egal, er mag sie, wie er erklärt. Verliebt sei er aber nicht. Warum er dann seine Beziehung riskiere, frage ich ihn. „Ich hätte keine Chance. Meine Freundin ist nicht offen für sexuelle Experimente. Sie würde durchdrehen, wenn sie von meinen Fantasien erfahren würde.”

[Auch auf ze.tt: Wie Paare in Fernbeziehungen online Sex haben]

Auch wenn Thomas weiß, dass seine Freundin es als Betrug sehen würde, sieht er das anders: „Anna gibt mir, was in meiner Beziehung fehlt: Sex zu einem zentralen, alltäglichen Thema zu machen und dabei an die Grenzen zu gehen.“ Und begehrt zu werden, fühle sich auch ziemlich gut an, meint er schließlich. Dazu schreiben sie in mehreren Apps. Meist schreiben sie nur über erotische Fantasien, manchmal haben sie aber auch Skype-Sex.

Das Phänomen Sexting

Klar ist, dass Sexting ein relativ neues Phänomen ist. Durch die Digitalisierung haben wir eine Auswahl von so vielen Plattformen und Apps zur Kommunikation wie noch niemals zuvor. Apps wie Snapchat ermöglichen Kommunikation, die scheinbar nie stattgefunden hat. Da sich nach dem Verschicken alle Nachrichten und Fotos wieder löschen. Die Risiken beim Sex im Netz oder am Telefon liegen auf der Hand: man serviert seine Privatsphäre der anderen Person auf dem Silbertablett. Auch Thomas kann sich nicht sicher sein, was Anna mit den Inhalten macht.

[Außerdem auf ze.tt: Wie Sex-Apps dein Liebesleben verbessern. Oder auch nicht.]

Wer aber denkt, dass nur Promis oder Jugendliche Sexting betreiben würden, täuscht sich. Laut einer Untersuchung der American Psychological Association wird geschätzt, dass acht von zehn US-Amerikaner*innen zwischen 18 und 82 Jahren Sexting-Nachrichten schreiben. Eine Metaanalyse ergab, dass Sexting unter Erwachsenen in Deutschland sogar deutlich stärker verbreitet ist als unter Jugendlichen. Jede zweite Person gab an, schon einmal ein sogenanntes erotisches Handy-Selbstporträt erstellt und versendet zu haben.

Was bedeutet Sexting für unser reales, tatsächliches Sexleben?

Was Sexting wirklich mit uns macht, dazu gehen die Meinungen auseinander. Für Ulrike Fuchs, Heilpraktikerin für Psychotherapie, zählt Sexting bereits als emotionale Affäre. „Psycholog*innen nennen dieses Phänomen eingebildete Nähe oder eingebildete Liebe. Der Onlinekontakt gaukelt Nähe vor, die real gesehen wenig Zukunft hat.“ Das liege vor allem daran, dass der technischen Kommunikation die zwischenmenschliche Chemie fehle. Zudem lasse sich eine Onlineliebe wesentlich leichter verstecken als eine Affäre, die reale Dates einfordern würde, schreibt Fuchs auf ihrem Blog.

Moralisch gesehen wirft der Sex an den Tasten einige neue Fragen im Bezug auf Treue auf. Für Thomas ist das aber kein Grund dafür aufzuhören. „Seit ich mit Anna schreibe, setze ich mich mehr mit meiner eigenen Sexualität auseinander und hab wieder Bock auf Sex. Das ist auch gut für meine Partnerin.“ Die Sexforscherin Zhana Vrangalova sieht das ähnlich. Ihr zufolge hat Sexting die gleiche Wirkung, wie das Schauen von Pornos oder das Lesen von erotischer Literatur. Es kurble das erotische Kopfkino an. „Zu wissen, dass man begehrt wird, ist selbst wiederum ein riesengroßer Turn-on“, sagt sie zu VICE. Die Autorin des Artikels Alison Stevenson sieht im Sexting eine Form, unsere Fantasien schöner und angenehmer auszudrücken: „Egal wie falsch Sexting auf den ersten Blick auch erscheinen mag, es repräsentiert doch die echte, die bessere Version von uns“, schreibt sie.

Ist fremd-sexting letzten Endes doch okay, auch wenn man in einer Beziehung ist? Thomas lacht. „Okay, vermutlich nicht. Aber es macht viel Lust. Ich bin süchtig.”


In der Serie „Sex am Schreibtisch“ schreibt unsere Autorin regelmäßig über Sex im Alltag. Manchmal über ihren eigenen, meistens über die Bettgeschichten von anderen. Ihr habt Erfahrungen, Ideen oder Vorschläge? Dann schreibt ihr gerne eine Mail.

*Namen geändert

Außerdem auf ze.tt