Was suchen junge Leute auf einer Esoterikmesse?

Zweimal im Jahr findet in Berlin eine alternative Gesundheitsmesse statt. Die Aussteller*innen versprechen Spiritualität und Heilung gegen Bares. Was erhoffen sich Besucher*innen von Aura-Chirurgie und Orgonit-Pyramiden? 

Esoterik

Den Leistungsdruck hinter sich lassen, die innere Leere mit Spiritualität füllen – auch viele junge Leute lassen sich auf Esoterik ein. © Sylvain Reygaerts | Stocksnap


Theresa hat Schmerzen im Halswirbelbereich. Sie steht vorne – roter Schal, weißes Langarmshirt, kurze blondierte Haare – und schließt die Augen. Sie hofft, dass Jörg etwas in ihrem Energiefeld finden wird. Theresa ist ein bisschen verlegen. Gut 20 Zuschauende verfolgen jede Regung in ihrem Gesicht, jede Bewegung von Jörg, dem Geistheiler und Aura-Chirurgen.

Er steht schräg links hinter ihr, in türkisfarbenem Polohemd und dunkelblauen Mokassins. „Ich gehe jetzt durch deine Energiekörper durch“, kündigt er an, die Stimme sanft und beruhigend. Jörgs Hände und Arme wirken in die Luft. Wir, die Zuschauenden, sind eingeladen, mitzumachen, mitzufühlen. „Wenn ich dort im Energiefeld arbeite, kann es sein, dass ihr das auch spürt.“

Jörg findet etwas auf Theresas linker Seite, das sie „ein bisschen blockiert“, ein bisschen bremst. Er schließt das Energiefeld wieder. „Du kannst jetzt die Augen aufmachen. Wie fühlst du dich, Theresa?“

Esoterikmesse
© Philipp Nagels

Was erhoffen sich Menschen hier?

Der Berliner Winter ist ein Boxkampf, den man bestreiten muss, bestenfalls bis zum Ende durchsteht, aber niemals gewinnt. Für jede gewonnene Runde Sonne kassiert man fünf böse, bleischwere Tage, scheißgrau und nieselnass. Es ist einer dieser Tage und ich sitze in Vortragsraum 1 der Messe „Spiritualität und Heilen 2017“ in Wilmersdorf.

Ich bin hier, um zu verstehen, was in Gottes Namen Menschen sich erhoffen, wenn sie eine Esoterikmesse besuchen. Anders gefragt: Sind Aura-Chirurgie, Feentüren und Magic-Power-Liegen gute Antworten auf diese spirituelle Obdachlosigkeit, die viele in unserem Alter verspüren?

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„Superglücklich und superzufrieden“

„Hast du bei der Fingermeditation mitgemacht?“ Sophia lacht und strahlt, als sie den Raum verlässt. „Das hat total gewirkt, das war einfach nur crazy.“ Sophia ist 21 und Theaterschauspielerin. Wir sitzen jetzt in der Cafeteria des AZV-Logenhauses. Hier stärken sich sonst Freimaurer bei Kaffee und gedecktem Kirschkuchen. Das Haus der Bruderschaft ist Veranstaltungsort der Messe.

Ich gebe zu, dass ich nichts gespürt habe. Nicht bei der kurzen Meditation, nach der Sophia und viele im Raum das Gefühl hatten, dass einer ihrer Finger etwas länger geworden ist. Und nicht bei Theresas Geistheilung.

Sophia erzählt, dass sie durch ihre Schauspielausbildung aufmerksamer dafür geworden wäre, was in ihrem Körper passiert. Sie spüre, wenn Energie fließt. „Das war total krass, ich hatte da sofort eine Verbindung zu Theresa, als ich die Augen aufgemacht habe.“

Diese Erfahrung überrascht sie nicht, eine ähnliche hat sie schon einmal auf einem Yoga-Festival gemacht. Sophia ist heute hier, weil sie mit einer Spiritualität und Esoterik wieder in Kontakt kommen möchte. Sie hatte in der Vergangenheit schon einmal eine Phase, in der sie viel meditiert hat. „Da war ich einfach superglücklich und superzufrieden.“

Seelenfrieden ist teuer

Zeit für eine kurze, unvollständige Bestandsaufnahme: Was gibt es hier eigentlich alles auf dieser Esoterikmesse? Allerhand, gelinde gesagt. In drei hellen Räumen mit hohen, verzierten Decken präsentieren die Aussteller*innen unter anderem: Aura-Fotodiagnose, Orgonits gegen Elektrosmog, Engelsitzungen, Rainbow Energie-Spiralen, professionelle Handanalyse, Lesungen aus der Palmblatt-Bibliothek.

An einem Stand hängt ein laminierter Zeitungsartikel aus der echo am Sonntag, Überschrift: „Kümmel besiegt alle Krankheiten“. Die geneigte Leserschaft findet Literatur mit Titeln wie Seelenverträge Band 11 – Der Weg aus der Krise und Der Ruf der weißen Büffelkalbfrau. Ein Anbieter von Magnetschmuck wirbt mit Joey Kelly als Testimonial. Hilfreich auch das folgende Plakat: „Nicht genug Bargeld dabei? Augen zu und Karte durch!“ Wenn man hier seinen Seelenfrieden nicht findet, scheitert es zumindest nicht am Angebot – oder an den Zahlungsmodalitäten.

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Esoterikmesse
© Philipp Nagels

„Die meisten Besucher hier sind schon eher älter, aber unsere Kunden auf der Website sind sehr heterogen. Da gibt es auch viele jüngere“, berichtet Mathias, 31. Er produziert und verkauft die sogenannten Orgonits. Sie sollen unter anderem gegen Elektrosmog helfen. Orgonits bestehen aus in Harz gegossenen Kristallen und Metallspänen, so wird mir erklärt. Es gibt sie in verschiedenen Formen, etwa als Pyramiden oder Anhänger. Mathias stellt die Orgonits in Handarbeit her. Pyramiden mit einer Grundkantenlänge von 13 Zentimetern kosten um die 90 Euro, sogenannte Chembuster bis zu 600 Euro. Die Produkte basieren auf den Ideen des umtriebigen und umstrittenen Forschers Wilhelm Reich. Der hatte in den 1940er-Jahren die sogenannten Orgonenergie postuliert. Eine Art Lebensenergie, die in von ihm gebauten Orgonakkumulatoren konzentrierbar und in der Therapie einsetzbar sei.

Der Physiker Albert Einstein überprüfte die Wirkung der Akkumulatoren und konnte sie nicht bestätigen. Sie wurden in den USA später gesetzlich verboten. Die Orgontheorie fand auch sonst keinen nachhaltigen Eingang in die wissenschaftliche Forschung.

Esoterikmesse
© Philipp Nagels

„Die Welt rennt auf eine Sackgasse zu“

Das Schlendern durch die Ausstellungsräume hat mir bei einiges ausgelöst: Erstaunen, Erschrecken, Ungläubigkeit und durchaus den ein oder anderen Lacher, aber nicht den Eindruck, dass man hier ein spirituelles Obdach findet. Vielleicht suche ich falsch?

„Dieses weite Feld der metaphysischen Fragen hat sich für mich beantwortet“, erzählt Robin, 23, Surfertyp auf den ersten Blick. „Nicht dadurch, dass ich etwas gelesen habe, sondern dadurch, dass ich in mich gegangen bin, dass ich drinnen geschaut habe.“ Robin hat Psychologie studiert, sich viel mit Philosophie beschäftigt. Das Aha-Erlebnis hatte er aber bei einem Thailand-Urlaub. Seitdem meditiert er täglich zwei bis drei Stunden.

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„Für mich ist klar, dass die Welt auf eine Sackgasse zurennt. Wir merken, dass sich hier etwas zusammenzieht. So kann es nicht weitergehen, es müssen Veränderungen kommen.“ Die möchte Robin selbst mit herbeiführen. Er sieht sich als „prophet-in-progress“, der inkarniert wurde, um „die Leute hier hochzubringen“. Robin sagt das mit Überzeugung und einem Lächeln. Auf der Messe sucht er nicht nach Lösungen, sondern nach Kontakten in der Branche. Er kennt seinen Weg bereits.

Verschwörungstheorien? Ja, auch die.

Damit ist Robin seinem Freund Monir, 28, einen Schritt voraus. Der hat selbst noch keine so tiefen spirituellen Erfahrungen gemacht. Sein Zugang zu diesen Themen ist bisher eher ein weltlich-materieller.

„Ich habe mir jahrelang Fragen gestellt. Wir haben ein Finanzsystem, das perfekt dafür geeignet ist, die Menschen arm zu halten. Ist das Zufall?“ Monir ist Physiker, hat seine Doktorarbeit kurz vor Abschluss abgebrochen. „Dann bin ich auf die Seite eines Geistheilers gestoßen. Ich bin vorher eigentlich ein rationaler Physiker gewesen und dachte dann erst: So ein Quatsch! Und dann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen.“ Monir spricht von Strukturen und spirituell niedrig entwickelten Kräften, die die Menschen energetisch ausrauben, Kriege schaffen und Kinder hungern lassen.

Mir liegt das Wort Verschwörungstheo-… auf der Zunge, als Monir einräumt, dass viele Leute diese Gedanken als Verschwörungstheorien bezeichnen würden. „Das muss jeder selbst entscheiden, für mich passt das alles sehr gut zusammen.“ Er habe seinen Zugang zum Geistlichen wiederentdeckt und wolle hier auf der Messe einfach mal schauen, was das Universum ihm so bietet.

„Dieses Leistungsorientierte kotzt uns an“

Der erste Messetag ist fast zu Ende, ich treffe Sophia noch einmal in der Cafeteria. Sie hat inzwischen weitere Vorträge gehört, zwei davon haben ihr gefallen. Bei den Aussteller*innen und ihren Produkten sei sie allerdings skeptisch gewesen. Ich möchte wissen, woher ihr Bedürfnis nach Spiritualität kommt. Sie erzählt eine Anekdote: „Ich hatte gestern so einen Yogitea, da war ein Spruch drauf von wegen: ‚Glaube an Gott und arbeite noch härter an dir selbst’ oder so. Das fand ich so schrecklich.“

Sophia muss etwas lachen, wird dann wieder ernst. „Ich glaube, das ist etwas, was viele ankotzt in unserer Generation. Dieses Leistungsorientierte. Du musst halt arbeiten, um wer zu sein, oder arbeiten, um was zu erreichen. Oder arbeiten, um glücklich zu sein.“

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Zudem: die Vielzahl der Optionen im Leben. In der Schule bekomme man alles vorgesetzt und danach müsse man sich plötzlich entscheiden. „Da macht man lieber gar nichts und ist in so einer Schockstarre und das macht einen auch nicht glücklich. Es ist wie in diesem Lied von AnnenMayKantereit“, sie fängt an zu summen, „und du wirst 21, 22, 23 – und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst.“

Ihr Resümee: „Wir sind einfach von unserer Natur weggekommen, von dem Urzustand, der gut für uns ist. Weil wir einfach unsere Bedürfnisse gar nicht mehr spüren.“

Esoterikmesse
Die Auswahl ist groß auf der Esoterikmesse. | © Philipp Nagels

Und wirkt es?

Ich erinnere mich an den ersten Vortrag, bei dem ich rein gar nichts gespürt habe. Der Geistheiler Jörg hatte Theresa gefragt, wie sie sich nun fühlte. Alle hingen gebannt an ihren Lippen. „Ganz gut“, sagte sie. „Am Anfang ist mir ganz warm geworden, dann hatte ich das Gefühl, dass mein Herz sehr stark schlägt, aber nicht, weil ich vorne stehe und aufgeregt bin, das war was anderes.“

Einige aus dem Publikum attestierten ihr, dass sie viel entspannter aussähe, ihre Augen plötzlich strahlten, ihre Schulter nicht mehr verspannt wirkten, sie ganz anders da stünde. Eine Frau fragte, ob die Schmerzen im Halswirbelbereich denn besser geworden wären.

Theresa zögerte einen Moment und sagte dann: „Nee, also …, aber das wird bestimmt.“

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