Was Tagträume in uns bewirken können

Die besten Ideen kommen uns dann, wenn wir nicht bewusst nachdenken und vor uns hin träumen. Aber warum ist unser Gehirn offenbar dann am mächtigsten, wenn wir es in Ruhe lassen?

© Gemälde:  Dominique Appia / Screenshot | Instagram | designedbyfeels

Was wir alles zu sehen vermögen, wenn wir es zulassen. © Gemälde: Dominique Appia / Screenshot | Instagram | designedbyfeels

Wann immer es passt, nehme ich mich für ein paar Minuten gedanklich raus. Ich mache das ganz bewusst, weil ich mir dabei Dinge bildhaft vorstellen kann. Manchmal, da passiert es aber auch einfach so: Meine Gedanken schweifen ab, ich bin plötzlich ganz wo anders. Ich denke an später, an morgen, an gestern, oder daran, wie es wohl wäre, wenn ich fliegen könnte.

Lange dachte ich, es wäre keine gute Eigenschaft, derart verträumt zu sein. Den größten Einfluss auf dieses Denken hatte die schulische Erziehung: Wo kämen wir denn hin, wenn alle nur noch tagträumen würden? Produktiv, so lautet in meinem Bekanntenkreis die weit verbreitete Annahme, könne das ja nicht sein.

Die Wissenschaft sieht das heute anders. Die kreativsten Köpfe sind Tagträumer. Sind sie womöglich nur deshalb so kreativ, weil sie Tagträumer sind? Gibt es womöglich eine Art „Tagtraum-Gen“, das nur einige Menschen haben? Auf der Suche nach Antworten merkte ich schnell, dass unser Gehirn noch viel beeindruckender ist, als ich ursprünglich angenommen hatte.

Was ist ein „Tagtraum“?

„Ich halte es für unwahrscheinlich, dass jemand überhaupt keine Tagträume hat“, sagt Thomas Kretschmar, Wissenschaftler, Psychotherapeut und Direktor des Mind Institute in Berlin. Tatsächlich befinden wir uns aktuellen Studien zufolge rund 50 Prozent der Wachzeit in einem tagträumerischen Zustand, in dem unsere Gedanken wild umherschweifen. Nur: Die wenigsten Menschen sind sich darüber bewusst oder können benennen, was da in ihnen vorgeht.

In den Fokus von Neurowissenschaft, Psychologie und Medizin gelangten Tagträume Anfang des 19. Jahrhunderts. Wirklich analytisch betrachtet wurden sie erstmals 1899 in Sigmund Freuds Werk „Die Traumdeutung„. Zuvor waren sie eher Gegenstand philosophischer Theorien.

Salopp gesagt sind Tagträume Bilder unseres inneren Auges. Sie sind eine leichte Form der Bewusstseinserweiterung und eine Art Trance. Stärker tritt diese beispielsweise unter Einfluss psychedelischer Drogen wie LSD auf. Die Aufmerksamkeit entfernt sich von äußeren Reizen der Umwelt und unmittelbar anstehenden Aufgaben – und wendet sich der inneren, der gedanklichen Welt zu. Tagträume treten vor allem dann auf, wenn Menschen allein sind und sich in einem Zustand der völligen Entspannung befinden.

„Bei manchen Menschen sind die Tagträume sehr realistisch, sie denken beispielsweise über die Vergangenheit oder Zukunft nach“, sagt Kretschmar. Meist seien die Gedanken dabei recht praktisch: Wer zum Beispiel eine Berufsausbildung macht, wird sich immer auch vorstellen, wie er dann irgendwann an seinem Arbeitsplatz ist und diesen Beruf ausübt. Und wer eine Familie plant, wird sich irgendwann vorstellen, wie die Familie gemeinsame Dinge unternimmt.

Seltener treten utopische Fantasien auf, erotische Vorstellungen oder unerwartete Glücksfälle, altruistische Gedanken oder ein plötzlicher Geldsegen in Form eines Lottogewinns. Besonders Kinder neigen dazu, sich in regelrechte Fantasiewelten zu begeben, häufig, um vor familiären Problemen zu fliehen. Der Film „Pans Labyrinth“ greift genau diesen Aspekt auf: Die Hauptfigur, ein junges Mädchen, erlebt die Gräueltaten des Faschismus und ihres gewalttätigen Stiefvaters. Ihre kindliche Imagination hilft ihr, in ein Labyrinth zu fliehen, und hat so beinahe eine erlösende Wirkung auf sie.

Kretschmar erklärt: „Je mehr Gefühle wahrgenommen werden, desto eher schweifen die Gedanken in das Fantasiereich ab.“ Wenn Tagträume jedoch allzu realistisch seien, könnte das auf eine mangelnde Fähigkeit zur eigenen Gefühlswahrnehmung hinweisen. Von Mensch zu Mensch unterscheide sich die Intensität der Tagträume drastisch. Während sich manche ganz pragmatisch ihr Abendessen bildhaft vorstellen, lebten andere förmlich in ihren imaginären „Luftschlössern“.

Warum genau das so ist, weiß die Forschung noch nicht genau: Womöglich liegt es an unterschiedlichen Persönlichkeitsfaktoren. Bestimmte Erinnerungen, Erfahrungen, Einstellungen könnten besonders fantasievolle Wachträume verstärken – oder diese abschwächen. Das würde zumindest erklären, wieso manche meiner Bekannten sich ihrer Tagträume nicht bewusst sind: Sie treten bei ihnen weniger intensiv auf.

Das Gehirn kennt keine Pausenfunktion

Gute Ideen kommen mir oft dann, wenn ich sie nicht erwarte – und vor allem gar nicht darauf abziele, in dem Moment eine Idee zu haben. Ich bin dann zum Beispiel draußen und jogge. Oder sitze im Auto und fahre eine längere Strecke bei wenig Verkehr auf der Autobahn. Wenn ich also etwas mache, das nicht meine ganze Konzentration beansprucht, beginne ich in Tagträume abzuschweifen. Warum ist das so?

„Das Gehirn ist ein assoziatives Netzwerk“, sagt Kretschmar. Wenn wir an eine ganz konkrete Sache denken, etwa an die Lösung für ein Alltagsproblem wie ein umgeworfenes Weinglas, werde ein Gehirnareal aktiviert. Weitere, die mit dem aktivierten Gehirnareal intensiv vernetzt sind, aktivierten sich mit, sodass sich neue Gedanken aufdrängen. Wir wissen dann, was zu tun ist: Den vergossenen Wein sollten wir besser schnell aufwischen, weil er sonst Flecken hinterlässt.

Wenn wir hingegen nicht an eine konkrete Sache denken, arbeitet unser Gehirn anders – aber es arbeitet. Bei Versuchen zur Hirnarbeit stießen Forscher Ende der neunziger Jahre nämlich auf ein sonderbares Phänomen, wie der Psychologe und Autor Steve Ayan in einem Beitrag für Spektrum schreibt: Selbst das unbeschäftigte Gehirn zeigt ein stabiles Aktivitätsmuster. Das Gehirn ruhe nie, nicht einmal nachts, wenn wir schlafen. Es kenne keine Pausenfunktion. Das heißt: Entweder es assoziiert, oder es ist tot. Festgestellt haben die Neurowissenschaftler das, in dem sie die Hirnaktivität der Probanden zwischen ganz konkreten Aufgaben aufzeichneten.

In dem 2001 erschienenen Fachartikel „A default mode of brain function“ wurde erstmals aufgeschrieben, was da passiert: Ein Netzwerk aus vier neuronalen Schaltstellen im Gehirn wird beim Tagträumen stärker aktiv. Die Forscher bezeichnen es als „default mode network“ (DMN). Der Grad der Vernetzung zwischen diesen weiträumig im Gehirn verteilten Arealen beeinflusst unter anderem, wie kreativ eine Person ist, wie leicht sie sich der eigenen Gedanken bewusst wird („Metakognition“) und wie gut sie die Perspektive anderer einnehmen kann.

Die Vorgehensweisen der Tagtraumforscher erinnert an die von Archäologen oder Geologen, wenn sie stundenlang in Kleinarbeit Gesteinsformationen abklopfen. Sie beschaffen sich „Gedankenproben“, und zwar bevorzugt dann, wenn Probanden besonders dröge Testaufgaben bearbeiten. Denn: „Unsere Gedanken gehen vor allem dann auf Wanderschaft, wenn es nichts Besseres zu tun gibt und wir keine Aufgabe erledigen, die besondere Aufmerksamkeit erfordert“, schreibt Ayan. Anders gesagt: Je langweiliger eine Situation ist, desto eher tagträumen wir.

Forscher der University of British Columbia in Vancouver zum Beispiel langweilten ihre Probanden, während diese an Hirnscanner angeschlossen waren: Sie sollten jede Zahl, die auf dem Bildschirm erschien, per Tastendruck bestätigen, außer wenn es sich um eine „3“ handelte. Unterdessen wurden sie immer wieder gefragt: „Woran denken Sie gerade?“ Nicht verwunderlich, dass sie immer dann patzten, wenn sie gerade beim tagträumen erwischt wurden. „Wer vorübergehend nicht bei der Sache ist, macht eher Fehler“, schreibt Ayan. In der Fachsprache nennt man das „stimulus-independent thought“, übersetzt „reizunabhängiges Denken“. Viel deute darauf hin, dass die oben beschriebene Aktivität des Hirns im „Default-Modus“ der neuronale Ursprung dieses Zustands ist.

Glücklicherweise ist der Output des Gehirns dabei nicht halb so langweilig wie die Tests. Denn nur allzu häufig beginnen die wirklich kreativen Denkprozesse erst dann, wenn wir tagträumen. Der Grund ist beinahe lächerlich logisch: Erst wenn wir uns innerlich komplett von einer Frage oder einem Problemen lösen, kann die Sache im Kopf von alleine arbeiten. So sind in der Vergangenheit große Geschichten entstanden. Joanne K. Rowling sagt zum Beispiel, die Geschichte von Harry Potter habe ihren Ursprung in einem Tagtraum während der Zugfahrt: Sie habe den Zauberer mit Blitznarbe plötzlich ganz klar vor sich gesehen, der Rest passierte dann von allein. „Kreativere Träumer haben eine offene Beziehung zum Phantastischen und sind eher in der Lage, die Regeln und Fakten unserer Welt auszublenden. Wer in der Lage ist sich vorzustellen, dass er auf einem anderen Planeten lebt, auf dem unsere Gesetzmäßigkeiten nicht gelten, der kann auch kreative Lösungen im Alltag entwickeln“, erklärt Psychotherapeut Kretschmar.

Es ist schon faszinierend: Das Hirn scheint aus allen Bildern, Erlebnissen und Erfahrungen unseres Lebens also von ganz allein Neues zu kreieren – wenn wir es in Ruhe lassen.

Tagträume „heilen“ das Gehirn

Hin und wieder sehe ich während des Einschlafens ganz klare Bilder vor mir, obwohl ich noch nicht ganz im Schlaf versunken bin. Wenn ich dann nochmal kurz aufwache, etwa durch eine zugefallene Tür, erinnere ich mich genau an diese Bilder. Es wirkt wie eine Zwischenstufe zwischen Wachen und Schlafen. Und tatsächlich: Diese Vorstufe des Nachttraums ist gleichzeitig das tiefste „Level“ des Tagtraums. In dem Bereich ist es der „Gipfel des Möglichen“, wie Brigitte Holzinger, Psychotherapeutin und Leiterin des Wiener Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung und an der Medizinischen Universität Wien tätig, sagt. Es ist ein Zustand völliger Entspannung, die Kognition und Wahrnehmung sei zwar gelockert, aber eben noch da. Das ist auch der Unterschied zum luziden Träumen in der Nacht, bei dem die Wahrnehmung der Außenwelt weitgehend fehle.

Holzinger erforscht mit ihrem Team vor allem die therapeutische Wirkung des Klartraums. Sie bietet geführte Meditationen an, bei dem sich die Teilnehmer in Hypnose versetzt werden – also das Tagträumen lernen. „Wir haben herausgefunden, dass es bei manchen Menschen keine visuellen Ausprägungen des Tagträumens gibt. Wir wissen nicht genau, woran das liegt“, sagt sie. Bei diesen Menschen seien andere Sinne mehr ausgeprägt: Sie nehmen mehr über Gerüche oder das Hören wahr und schafften dadurch Assoziationen im Gehirn, die andere durch ihre Bildeinflüsse schafften.

Einer der Gründe dafür, dass Menschen sich bewusst in einen tagträumerischen Zustand versetzen möchten, könnte der oben beschriebene neuronale Effekt der Vernetzung sein. Das Hirn formatiert, es ordnet Zusammenhänge ein, verarbeitet Erinnerungen, oder kurz: es heilt sich selbst. Psychologen fanden zudem heraus, dass wir konstruktiv an unserer Zukunft arbeiten, wenn wir uns alternative Verläufe unseres Lebens in der Vergangenheit vorstellen. Man spricht von „kontrafaktischem Denken“. Es mildere die Last des Geschehenen und gebe uns die Kraft, nach vorne zu denken.

Das alles sind klare Indizien dafür, dass Tagträumen alles andere als „Zeitverschwendung“ ist. Natürlich kann niemand ununterbrochen traumversunken durch das Leben steuern – aber hin und wieder hilft das „fallen lassen“ unserem Gehirn, wieder auf Spur zu kommen. Zu viel Tagträumen, also ein ungesundes Maß an Gedankenspielen, gibt es übrigens entgegen einiger Artikel der jüngsten Vergangenheit nicht. Die Autoren saßen allesamt einem Denkfehler auf: Sie verwechselten diesen Zustand mit dem des „Grübelns“. Denn während sich Tagträumer von einer Assoziation zur nächsten hangeln, bleiben Grübler meist bei einem in der Regel negativen Gedanken stehen und versuchen diesen geradezu zwanghaft „auszugrübeln“, schreibt Psychologe Ayan.

Das ständige Umkreisen vermeintlicher Fehler oder persönlicher Defizite sei ein häufiges Kennzeichen, in milderer Ausprägung auch ein Risikofaktor für depressive Störungen: „Das können Neuropsychologen heute bereits gut anhand der Hirnaktivität nachvollziehen: Konzentrieren sich depressive Menschen auf eine bestimmte Testaufgabe, dämpfen sie das ‚default mode network‘ (DMN) in ihrem Gehirn nicht so stark wie gesunde Kontrollprobanden.“ Forscher deuteten dies als ein Anzeichen für die erhöhte Selbstfokussierung von Depressiven: Sie sind auch dann mit sich selbst beschäftigt, wenn es eigentlich um etwas anderes geht.

„Psychisch gesunde Menschen sind sich sehr im Klaren darüber, was Traum ist und was Realität“, sagt Kretschmar. Tagträumen allein sei in keinem Maß zu viel. „Generell ist mehr Tagträumen sogar gesund für die Psyche, da sie wie auch der Schlaf eine Verarbeitung von Gedanken und Gefühlen ermöglicht, die somit nicht verdrängt werden.“ Auch Holzinger empfiehlt, sich seinen Tagträume bewusst zu werden uns sich auf sie einzulassen – denn dann könne man von ihnen profitieren: „Außerdem ist es eine herrliche Phase der Lebenszeit. Wir sind ohnehin laufend angespannt – wieso sich dann nicht in diesen Zustand der Entspannung begeben?“

Ich jedenfalls konnte gute Argumente für all diejenigen sammeln, die meinen, meine Träumerei sei Spinnerei. Und habe gelernt: Ich werde genau so weiter machen wie bisher. Und mich immer dann gedanklich rausnehmen, wenn es passt. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, kann sich bei folgender Playlist entspannen – und herausfinden, zu was unser Gehirn in der Lage ist, wenn wir abschweifen. Dream on!

White Box

Throwback Thursday: "Entre Les trous de la memoire" by Dominique Appia , c. 1975 #designedbyfeels

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