Freies Studium: Wo Menschen ihre Bildung selbst in die Hand nehmen

Stell dir vor, du hättest sechs Monate Zeit, einer Frage nachzugehen. Das Projekt „Autodidaktisches Semester“ gibt Menschen in Berlin genau diese Möglichkeit. Wir haben mit einer freien Studierenden gesprochen.

© HandlungsSpielRaum

Freie Studierende im HandlungsSpielRaum. © HandlungsSpielRaum

Für die meisten jungen Menschen ist der Weg nach dem Schulabschluss vorprogrammiert: Auslandsjahr oder Arbeit, Studium, Praktikum, Master. Aber was ist mit den ganzen anderen Möglichkeiten, die abseits der vorgegebenen Bildungswege bestehen? Wie können alternative, unvorgefertigte Wege aussehen? Das fragten sich Joshua Conens und Valentin Niebler aus Berlin. Sie waren mit dem herkömmlichen Bildungsangebot unzufrieden, hatten genug von Konkurrenz, Konformität und Druck.

Also gründeten sie 2015 das Autodidaktische Semester im „HandlungsSpielRaum“, einem Projektraum in Berlin.

Was ist ein „Autodidaktisches Semester“?

Das Autodidaktische Semester richtet sich an Menschen, die sich bilden möchten – aber bisher nicht den passenden Rahmen dazu fanden. Menschen, die gerne selbstorganisiert, aber nicht alleine lernen möchten. Bisher fanden zwei Semester statt, das dritte startet im November 2016.

[Außerdem bei ze.tt: Ich wollte studieren, um die Welt zu retten – und landete in der Hausarbeiten-Hölle]

Wer ein solches Semester angehen möchte, braucht weder einen Schulabschluss, noch Berufserfahrung oder ähnliches. Einzige Voraussetzungen sind ein starkes Interesse an einem bestimmten Thema, der Wille und die Selbstdisziplin, es zu bearbeiten und Zeit für die regelmäßigen Treffen. Anders als bei anderen Studiengängen lernen Studierende des Autodidaktischen Semesters nur für sich. Keiner arbeitet auf gute Noten oder eine Auszeichnung hin, es geht im HandlungsSpielRaum ausschließlich um die eigenen, persönlichen Erkenntnisse. Es braucht auch keine offizielle Anmeldung, kein Gebühren. Dafür gibt es allerdings auch keine offizielle Graduierung oder Qualifikation.

„Teilnehmende können ihre selbstgewählten Inhalte in einer freien Form des Selbst-Studiums bearbeiten, welches bloß an einen zeitlichen Rahmen und den regelmäßigen Gruppen-Austausch gebunden ist“, erklärt Kathi Menne, 23, die im vergangenen Jahr zwei Semester lang autodidaktisch studierte.

Vom Studienabbruch zum freien Lernen

Kathi war eine der ersten Studierenden des freien Selbststudiums. Sie ist ins Projekt involviert, seit es im September 2015 startete. Bis dahin gestaltete sich ihr Bildungsweg sehr linear: Grundschule, Waldorfschule, Abitur, Ausland, Studium.

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Das ist Kathi, 23, aus Berlin. Sie absolvierte zwei autodidaktische Semester.

Doch irgendwas fehlte Kathi. Nach dem ersten Semester Politikwissenschaften entschied sie sich gegen die Uni. „Die Themen des Studiums waren interessant. Aber die Texte gingen alle nicht in die Tiefe, sie schrubbten bloß an der Oberfläche. Mir blieb gefühlt kaum Zeit, eigene Fragen und Gedanken zu verfolgen. Die Theorien waren vorgegeben, es blieb kein Platz für eigene, neue Gedanken“, sagt Kathi.

Sie beschloss, ihre Interessen mit Eigeninitiative zu verfolgen. „Mir gefiel die Idee des gemeinsamen Lernens, die Umgebung dabei ist sehr wichtig. Zu Hause alleine zu lernen, fiel mir schwer, obwohl ich es mir nach dem Studienabbruch vorgenommen hatte.“

Zweimal die Woche trafen sich die ersten 15 Teilnehmer*innen des Selbststudiums. „Dort besprachen wir eher unseren Lernprozess und tauschten weniger Inhalte aus“, sagt Kathi. Insgesamt investierte sie etwa 20 Stunden die Woche in das selbstorganisierte Studium. Die Frage, mit der sie sich während ihrer Zeit dort beschäftigte, hieß: Wie steht der Mensch in der Welt und wie entwickelt er sich im Wandel der Gesellschaft? Sie beschäftigte sich mit Formen der Gesellschaftsgestaltung und las viele Texte des Anthroposophen Rudolf Steiner.

Viel Freiheit erfordert viel Selbstdisziplin

Anfangs fiel ihr das selbstorganisierte Lernen schwer – auch innerhalb den Autodidaktischen Semesters. „Ich musste erstmal die Arbeitsweise finden, die zu mir passt. Irgendwann fing ich an, ein Forschungstagebuch zu schreiben. Das strukturierte meine Arbeitsweise.“ Jedes Mal, wenn Kathi sich heute zum Lernen hinsetzt, fragt sie sich erstmal: Was möchte ich heute wissen? Seitdem sie das Forschungstagebuch führt, trägt Kathi es immer bei sich. „Die wichtigen Gedanken kommen meistens, wenn man sie nicht erwartet“, sagt sie.

Im HandlungsSpielRaum. © HandlungsSpielRaum
Arbeitsergebnisse im „HandlungsSpielRaum“. © HandlungsSpielRaum

Im August 2016 schloss sie ihr zweites Semester ab. Am Ende jedes Semesters fanden bisher Veranstaltungen statt, auf denen die freien Studierenden ihre Ergebnisse vorstellen können. Die Präsentationen haben keinen vorgegebenen Rahmen: Ob lyrischer Vortrag, Diskussion oder Bewegungsübungen. Es geht mehr darum, das Semester abzuschließen, als eine „gute“ Leistung hinzulegen.

Kathi konnte ihre Frage für sich beantworten. Sie beschäftigte sich in der Zeit sehr viel mit sich selbst und inspizierte ihre Perspektive und Rolle in der Gesellschaft. Sie fand heraus, dass jedes Individuum einen eigenen Blick auf die Gesellschaft wirft und dem Gegenüber eine freie Haltung entwickeln sollte – und das sei grob formuliert.

Für Kathi war es eine sehr intensive Zeit, nicht nur inhaltlich, sondern auch zwischenmenschlich. Ein weiteres Semester möchte sie aber nicht absolvieren. „Ich habe sehr viel gelernt und für mich erschlossen. In Zukunft möchte ich aber für mich alleine weiter arbeiten. Ganz eigenständig.“


Der HandlungsSpielRaum ist das Pilotprojekt einer sechsköpfigen Gruppe aus Menschen zwischen 25 bis 43 Jahre. Seit 2012 arbeiten sie an Bildungsstrukturen, die eine selbstbestimmte Lern- und Lebensgestaltung unterstützen. Mit diesem ersten beispielhaften Ort in Berlin-Neukölln soll das Projekt einen physischen, geistigen und sozialen Raum für persönliche Potenzialentfaltung und die Auseinandersetzung mit globalen Problemen schaffen.