Was Warten für Geflüchtete bedeutet

Der Weg nach Europa ist für viele Geflüchtete nicht nur weit, er kostet auch viel Zeit. Eine junge Wissenschaftlerin hat untersucht, was Warten mit Asylsuchenden macht.

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Migranten stehen Schlange im Registrierungszentrum Moria auf der griechischen Insel Lesbos. © Carl Court/ Getty Images

Warten ist Alltag für Asylsuchende. Sie warten darauf, dass ihr Asylantrag beantwortet wird, dass sie finanzielle Unterstützung oder Sachleistungen bekommen, ob sie in Abschiebehaft landen und anschließend abgeschoben werden. Sie führen ein Leben in Ungewissheit.

„Warten stellt das verbindende Element zwischen den verschiedenen Lebenssituationen von Asylsuchenden dar. Warten ist die Konstante in ihrem Leben.“ So beschreibt Nina Violetta Schwarz den Alltag von Geflüchteten. Die Doktorandin an der Humboldt Universität in Berlin ist 2012 für ihre Masterarbeit nach Zypern gereist und hat mit Geflüchteten gesprochen, die in Haftanstalten festsitzen. Seit Jahren arbeitet sie mit Geflüchteten in Deutschland und an den Rändern der EU zusammen. Sie hat uns erklärt, was Warten mit ihnen macht.

Warten verdeutlicht Machtverhältnisse

Warten zeigt die asymmetrische Beziehung zwischen Migranten und den staatlichen Autoritäten auf. Polizisten und Grenzschützer versuchen durch Zäune und Absperrungen die Geflüchteten an ihrer Weiterreise zu hindern. Sie können entscheiden, wer weiter darf und wer nicht.

Migranten warten im Dezember an der griechisch-mazedonischen Grenze auf Einlass. Mazedonien hat entschieden nur noch Geflüchtete aus Syrien, Irak und Afghanistan reinzulassen. © Sakis Mitrolidis /afp / Getty Images
Migranten warten im Dezember an der griechisch-mazedonischen Grenze auf Einlass. © Sakis Mitrolidis / afp / Getty Images

Durch Warten soll Migration reguliert werden

Warten ist der Versuch, die Bewegung der Geflüchteten zu unterbrechen oder zu verlangsamen, sie temporär aufzuhalten, um dadurch die Migration zu kontrollieren. Aktuell geschieht dies unter anderem entlang der Route von Griechenland über den Balkan nach Deutschland und Skandinavien, durch Zäune wie beispielsweise in Ungarn sowie durch Festnahmen und Inhaftierungen.

Geflüchtete wollen von einer LaGeSo-Mitarbeiterin im Oktober eine Nummer zur Registrierung bekommen. © Odd Andersen /AFP/Getty Images
Geflüchtete warten im Oktober vor dem LaGeSo in Berlin auf eine Nummer zur Registrierung. © Odd Andersen / afp / Getty Images

Warten bedeutet Ungewissheit

Die Asylsuchenden wissen nicht, ob und wie lange sie in einem Land bleiben dürfen und wann darüber entschieden wird. Zuvor mussten viele von ihnen bereits wochenlang an europäischen Grenzen ausharren. In Hotspots in Griechenland und Italien – Haftlager, die als Transitzonen deklariert werden – sollen Geflüchtete derzeit für unbestimmte Zeit festgehalten werden.

Geflüchtete, die auf der griechischen Lesbos ankommen, werden zur Registrierung in das sogenannte "Hotspot"-Flüchtlingslager Moria geschickt. © Carl Court/ Getty Images
Geflüchtete, die auf der griechischen Lesbos ankommen, werden zur Registrierung in das sogenannte „Hotspot“-Flüchtlingslager Moria geschickt. © Carl Court/ Getty Images

Warten bedeutet, immer vorbereitet zu sein

Asylsuchende müssen darauf vorbereitet sein, asylrelevante Dokumente vorweisen zu können. Viele versuchen daher stets, persönliche Unterlagen und Dokumente zur Hand zu haben, die über ihren Aufenthaltsstatus entscheiden können.

Im Registrierungszentrum in Heidelberg sitzen im Januar Flüchtlinge in einem Wartesaal. © Uli Deck/ dpa
Im Registrierungszentrum in Heidelberg sitzen im Januar Flüchtlinge in einem Wartesaal. © Uli Deck/ dpa

Warten vereint die Geflüchteten

Während des Wartens schließen sich einige Geflüchtete zu Gemeinschaften zusammen, solidarisieren sich und tauschen sich aus. Sie teilen oft eine ähnliche Geschichte und können von den Erfahrungen Anderer profitieren.

Menschen wärmen sich am Feuer neben dem Registrierungszentrum Moria. © Carl Court/ Getty Images
Menschen wärmen sich am Feuer neben dem Registrierungszentrum Moria. © Carl Court/ Getty Images

Im Warten entsteht Widerstand

Die Ungewissheit und die Erfahrungen mit staatlicher Willkür führen teilweise dazu, sich als Gruppe gegen die herrschende Ordnung zu stellen. Die sozialen und politischen Kämpfe von Geflüchteten für ihr Recht auf Bewegungsfreiheit sind seit dem letzten Sommer stärker, lauter und sichtbarer geworden.

Migranten protestieren im Dezember an der griechisch-mazedonischen Grenze gegen die Entscheidung Mazedoniens nur noch Geflüchtete aus Syrien, Irak und Afghanistan durchzulassen. © Armend Nimani / afp /Getty Images
Migranten protestieren im Dezember an der griechisch-mazedonischen Grenze gegen die Entscheidung Mazedoniens nur noch Geflüchtete aus Syrien, Irak und Afghanistan durchzulassen. © Armend Nimani / afp / Getty Images