Die Lüge um den LaGeSo-Toten: Wenn Helfer selbst Hilfe brauchen

Ein Helfer des Berliner Landesamts für Gesundheit und Versorgung (LaGeSo) verbreitete die Falschmeldung, dass ein syrischer Asylbewerber nachts gestorben sei. Der Vorfall und die Reaktionen sagen viel aus über die Flüchtlingssituation in der Hauptstadt.
© Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Kerzen vor dem LaGeSo in Berlin für einen angeblich verstorbenen syrischen Flüchtling. © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Er war einer der Helfer am Berliner LaGeSo, die den größten Einsatz gezeigt haben. Er galt als zuverlässig und überaus engagiert, sagen seine Kollegen vom Verein „Moabit hilft“ und Journalisten, die die Lage am LaGeSo seit längerem beobachten. Er hat sich um viele geflüchtete Menschen gekümmert. Manche von ihnen hat er während der Anhörungen im Amt begleitet. Amadullah, einem afghanischen Flüchtling, hat er eine Unterkunft in einem Hostel besorgt und ihn öfter zum Essen eingeladen. Er hat warme Klamotten organisiert. Er hat eigene Berührungsängste abgebaut. Er war über Monate im Einsatz, in voller Anspannung. Dafür verdient dieser Helfer unsere Hochachtung.

Am Mittwoch veröffentlichte eine Reyna B. von „Moabit hilft“ auf Facebook einen Post, in dem sie sich auf Informationen des Helfers bezog, der angab, vor dem LaGeSo sei ein 24-jähriger Syrer in der vorherigen Nacht gestorben. Die Angaben waren widersprüchlich: War der junge Mann vor dem LaGeSo gestorben oder auf dem Weg ins Krankenhaus? In welches Krankenhaus wurde er gebracht? Plötzlich war der junge Mann, der das Gerücht in die Welt setzte, nicht mehr zu erreichen. Er verbarrikadierte sich in seiner Wohnung. Während die Presse erste Zweifel anmeldete, gab „Moabit hilft“ in einer hastig einberufenen Pressekonferenz an, dem Helfer zu vertrauen. Abends stellte sich dann raus: Der Tod des jungen Syrers war erfunden.

Das Schlimme an der Falschmeldung ist: Niemand – nicht die Politik, nicht der Verein Moabit hilft, nicht die Presse – schien überrascht, dass vor dem LaGeSo jemand sterben könnte. Als würden alle darauf warten. Die ehrenamtlichen Helfer warnen seit Monaten davor. Und am Mittwoch war es dann angeblich soweit.

Im Moment weiß niemand, wieso der junge Mann plötzlich austickte und die Falschmeldung verbreitete. Wollte er mit drastischen Mitteln erreichen, dass sich die Lage am LaGeSo endlich verbessert?

Dass er an diesen extremen Punkt gelangt ist, hat auch mit der Unfähigkeit des Berliner Senats zu tun. Der Verein „Moabit hilft“ leistet seit Monaten herausragende Arbeit, wo die Politik versagt. Trotzdem ist für manche Menschen Hilfe vielleicht auch eine Möglichkeit, etwas zu bekommen, das ihnen sonst fehlt. Nicht selten wird diese Art von Hilfe obsessiv, erschöpft die Helfenden und endet im Burnout.

Natürlich ist es gut, zu helfen. Helfen wird auch weiter wichtig bleiben. Wir sollten unseren Blick endlich auch auf die Menschen richten, die helfen. Wer sind sie? Warum helfen sie? Manchmal kann es das Verheerendste sein, wenn helfende Menschen eigentlich selber Hilfe brauchen.

Update – Erklärung des Helfers

Gestern Abend meldete sich der junge Helfer dann per Facebook zu Wort. Er entschuldigte sich ausführlich. Hier der Text im Wortlaut:

„Ich möchte mich hiermit bei euch aus tiefstem Herzen entschuldigen. Es tut mir unendlich leid, dass ich viele Menschen mit meiner falschen Aussage verletzt habe. Ich übernehme für das, was daraus folgte und möglicherweise noch folgen wird, die volle Verantwortung.

Viele von euch haben mich in den vergangenen Monaten persönlich kennengelernt, mit einigen von euch bin ich mittlerweile eng befreundet. Für die, die mich nicht kennen, möchte ich kurz erklären, wie es dazu kam:
Seit einigen Wochen merke ich zunehmend, dass mich mein ehrenamtliches Engagement mehr und mehr an die Grenzen der psychischen und auch körperlichen Belastung bringt. Mehrfach wollte ich mich zurück ziehen, habe es aber nicht geschafft.

Gestern Nacht kam ich von einer Feier mit syrischen Freunden und hatte ziemlich viel Alkohol getrunken. Zu viel! Da es wirklich einen jungen Mann gibt, der sich vorm LaGeSo eine schlimme Grippe/Mandelentzündung zugezogen hat, muss ich mich in eine Geschichte hinein gesteigert haben, die ich in diesem Moment wohl selbst geglaubt habe.
Heute morgen konnte ich mich an fast nichts mehr erinnern, erst im Laufe des Tages wurde mir klar ,was ich angerichtet habe. Da ich mein Handy ausgeschaltet hatte, wurde mir das Ausmaß erst am frühen Nachmittag klar.

Ich habe mich dann mit der Polizei in Verbindung gesetzt und mehrere Stunden eine Aussage gemacht. Ich habe erklärt, dass niemand gestorben ist. Bis zum Abend habe ich mit kaum jemanden von euch gesprochen gehabt, auch wollte ich nie eine Pressekonferenz oder ähnliches abhalten.

Ich weiß, dass ich viele damit sehr verletzt habe. Allen voran Reyna, die ich unbeabsichtigt mit hinein gezogen habe.

Ich wollte wachrütteln, etwas verändern und habe dabei in einer Mischung aus Betrunkenheit und nervlichem Zusammenbruch ein völlig falsches Mittel gewählt. Anders kann ich mein Handeln nicht erklären.

Ich werde mich sofort aus allen Gruppen zurückziehen. Jeden Fall, den ich noch betreue, werde ich an andere Helfer abgeben. Euch allen wünsche ich viel Kraft

Es tut mir so wahnsinnig leid.“