Was wir durch unsere Mimik bewirken können

Wir kommunizieren ständig. Durch Worte, aber vor allem durch Mimik. Wenn wir ihre Macht verstehen, werden wir uns künftig besser verständigen können.

Dieser Blick sagt mehr, als Worte es je könnten. C0 / Pexels

In der Artikelreihe „Wie reden wir eigentlich miteinander?“ beschäftigen wir uns mit verschiedenen Formen und Theorien der Kommunikation. Viele dieser Methoden werden beispielsweise in der Psychologie gelehrt – oft sind sie so simpel wie logisch. Sie lassen sich ohne Aufwand in unser tägliches Leben integrieren. Wir von ze.tt denken, dass eine vernünftige Debattenkultur wichtig für unser Miteinander ist.

Es gibt da diesen kurzen Moment der Wahrheit in einem Gespräch. Er dauert nicht länger als ein Wimpernschlag. Eine Millisekunde, in der wir offenbaren, was wir wirklich denken. Ob wir wollen oder nicht.

Schuld daran ist eine faszinierende Region in unserem Gehirn, das Emotionszentrum. Es arbeitet schneller als alle anderen informationsverarbeitenden Teile des Gehirns und sendet unmittelbar Signale an unsere Gesichtsmuskulatur. Wenn wir also gefragt werden, ob wir es okay fänden, ein Date zu verschieben, das uns in Wahrheit wirklich wichtig ist, wird unser Gesichtsausdruck die Antwort geben, noch bevor wir auch nur einen Ton sagen können. Man nennt das Mikroexpression.

Es ist der Grund, wieso wir stutzig über die wahren Absichten unserer Gesprächspartner*innen werden, wenn das gesprochene Wort nicht mit der Mimik übereinzustimmen scheint. Wir nehmen die Diskrepanz intuitiv wahr.

Während wir in fremden Gesichtern quasi ununterbrochen deuten, senden auch wir selbst mit unserem Gesichtsausdruck ständig Informationen an unsere Mitmenschen. Das Wissen darüber kann ein mächtiges Instrument für unsere künftige Kommunikation werden. Denn Mimik verrät mehr über unsere Gefühle, als Worte es je könnten.

Die Macht des Lächelns

Wir Menschen sind Meister*innen darin, Emotionen in Gesichtern zu erkennen. Der Anthropologe und Psychologe Paul Ekman fand in seinen jahrzehntelangen Forschungen zur nonverbalen Kommunikation heraus, dass es sieben Basisemotionen gibt, die jeder Mensch weltweit erkennt und ausdrückt, völlig egal, wie er aufwuchs und welchem Kulturkreis er angehört. Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung.

Die sieben Basisemotionen nach Ekman. © Michael Rueetschli

Durch die Mimik zeigen wir anderen unbewusst, was wir fühlen, welche Ursache dieses Gefühl möglicherweise hat und was wir vermutlich als nächstes tun werden. Gerade mit Unbekannten ist diese Art der Verständigung von Vorteil. Auch wenn wir jemanden nicht kennen und deshalb kaum einschätzen können, reagieren wir doch instinktiv auf dessen Miene. Vieles deutet darauf hin, dass unsere Mimik ein evolutionär entwickeltes Mittel für Interaktion ist. In früheren Zeiten war sie überlebenswichtig für die Menschen. Sie warnte sie vor Gefahren und machte ein Miteinander erst möglich.

[Außerdem auf ze.tt: Wie man Missverständnissen vorbeugt]

Das Lächeln, als Ausdruck der Fröhlichkeit, gilt als der mächtigste nonverbale Ausdruck. Babys sind nach wenigen Monaten bereits in der Lage zu lächeln. Sie sichern sich dadurch das Wohlwollen und die Zuneigung Fremder. „Mit dieser Verhaltensweise sind wir in der Lage, uns mit völlig Unbekannten anzufreunden“, schreibt der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld in Die Biologie des menschlichen Verhaltens über die entwaffnende Wirkung unseres Lächelns. Menschen, die lächeln, empfinden wir instinktiv als freundlich und kommunikativ.

Mimik ist zudem ansteckend und kann eine Form der Empathie sein: Wenn uns ein Mensch anlächelt, dann lächeln wir nicht nur aus Höflichkeit zurück, sondern auch, weil wir auf diese Weise erfahren, was er empfindet. Diese einfache Nachahmung macht es uns möglich, uns regelrecht in andere hineinzufühlen. Und weil wir um die Wirkung des Lächelns schon seit den ersten Lebensmonaten wissen, erkennen wir ein falsches Lächeln sofort. An den Augen, oder wenn es gerade einfach nicht in die Situation passt.

Aber Lächeln bedeutet noch mehr für uns: Allein, wenn wir einen freundlich lächelnden Menschen ansehen, wird ein Belohnungsareal in unserem Gehirn aktiviert, das für positive Gefühle sorgt. Das Gleiche passiert auch beim Prozess des Lächelns – wenn wir also die Mundwinkel nach oben schieben –, wie die verstorbene Motivationstrainerin Vera Birkenbihl in einem sehr lustigen, viralen Video erklärt:

Wie wir aus der Mimik unserer Mitmenschen lernen

Es gibt ein aktuelles, hervorragendes Beispiel, an dem man den Lerneffekt aus Mimik beobachten kann: Donald Trump. Wer an seine geschürzten Lippen bei öffentlichen Auftritten denkt, seinen bewusst kämpferischen Ausdruck, der weiß: Dieser Mann will um jeden Preis ernst genommen werden. Sein gekünsteltes Lächeln als Reaktion auf politische Gegner*innen erinnern uns an ein bockiges Kleinkind. Es könnte ein Grund dafür sein, dass so viele Menschen ihn nicht ernst nehmen können. Trumps Gesicht ist ein offenes Buch und er scheint es nicht wirklich unter Kontrolle zu haben.

Aber: „Auch wenn die meisten Elemente der Mimik des Gegenübers häufig instinktiv richtig gedeutet werden, so bleibt die Interpretation immer subjektiv“, schreibt die Kommunikationsexpertin Giselle Chaumien-Wetterauer. Dennoch sollten wir gerade in wichtigen Gesprächen besonders aufmerksam auf Signale achten, die uns fremde Gesichtsausdrücke liefern. Denn auch wenn wir schon längst vergessen haben, was Gesprächspartner*innen damals gesagt haben, werden wir noch lange wissen, wie ihr Gesichtsausdruck war.

Wir können das schon im nächsten Gespräch ganz einfach testen. Wenn wir etwa Freund*innen eine Anekdote erzählen, können wir ganz bewusst auf deren Mimik während der Geschichte achten. In der Regel läuft nämlich auch das unbewusst ab: Wir erzählen; und wenn unser Gegenüber gelangweilt wirkt, verkürzen wir, brechen ab, kommen schneller zum Punkt. Wenn es uns hingegen mit weiten Augen anschaut, schmücken wir unsere Erzählung aus.

Wenn wir nun gezielt darauf achten würden, wie unsere Gegenüber auf Vorschläge reagieren, lernen wir daraus über sie – und über uns:

  • Hoch- oder zusammengezogene Augenbrauen, geschürzte Lippen oder Stirnrunzeln zeigen: Unser Gegenüber zweifelt.
  • Eine hochgezogene Oberlippe oder gerümpfte Nase zeigt: Unser Gegenüber lehnt den Vorschlag ab.
  • Häufiges Blinzeln oder ein gesenkter Blick zeigt: Unser Gegenüber ist anspannt, nervös und unsicher.
  • Glatte Stirn oder entspannter Blick zeigt: Unser Gegenüber ist aufgeschlossen und freundlich gesinnt.

Dennoch gibt es beim Deutungsversuch ein paar sehr wichtige Regeln, um nicht vorschnell und reaktiv falsch zu urteilen:

  • Eine einzelne Geste bedeutet noch gar nichts: Erst wenn sich die Anzeichen häufen oder lange anhalten, kann man davon etwas ableiten.
  • Der Kontext ist entscheidend: In welcher Situation steckt unser Gegenüber gerade? Steht es unter Druck? Fühlt es sich unwohl?
  • Keine Scheinkausalität bilden: Manchmal wirken einzelne Eigenschaften einer Person so dominant auf uns, dass wir ihre gesamte Gefühlswelt nicht mehr wahrnehmen.

Wie schon erwähnt: Wir wiederum reagieren in der Regel unbewusst auf mimische Reaktion. Aber wir können versuchen, daraus in wichtigen Situationen bewusste Reaktionen zu machen. Etwa durch gezielte Nachfragen: „Ich sehe, du zweifelst?“ oder „Ich sehe, du findest das gut?“

Dadurch gewinnen wir nützliche Informationen für die Zukunft. Welche Themen interessieren unsere Gegenüber? Und falls sie es nicht interessiert: Wie spreche ich, damit ich trotzdem voll und ganz wahrgenommen werde? Wie kann ich pointierter argumentieren?

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Im Großen und Ganzen geht es dabei um mehr Achtsamkeit für Gesprächsdynamiken. Sie wird uns eine Hilfe sein, in der Beziehung, bei der Arbeit und bei politischen Debatten. In Konfliktsituationen könnten wir künftig versuchen, zunächst sehr bewusst aus der Mimik unserer Gesprächspartner*innen zu lesen, während wir sprechen – und danach sehr bewusst zuzuhören, wenn sie sprechen. Anschließend werden wir in der Lage sein, sehr viel bewusster zu antworten.

Wie wir aus unserer eigenen Mimik lernen

Auch aus unserer eigenen Mimik können wir lernen. Dazu genügt es, ehrlich zu sich selbst zu sein. Zurück zum eingangs erwähnten Moment der Wahrheit im Gespräch: Wie oft wurden wir durch unseren Gesichtsausdruck schon mit unserer eigentlichen Meinung ertappt? Wie oft mündete das in einen Streit?

Ich selbst kenne solche Situationen aus der Beziehung oder der Arbeit nur zu gut: Wenn ich so zurückdenke, kommt es mir so vor, als entgleise mir nach einer Frage manchmal sprichwörtlich das Gesicht. Ich zeige dann unbewusst, dass mir ein Vorschlag nicht passt, indem ich die Stirn runzele oder den Mund verziehe. „Aha, deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, passt dir das nicht“, ist oft die schnippische Reaktion. Dann versuche ich meistens zu glätten. Aber alles, was ich gegensätzliches sagen werde, wird weiterhin daran gemessen, wie ich zu allererst reagierte, nonverbal.

Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch die Wahrheit.“ – Friedrich Nietzsche

Was das zeigt? Unser Gesicht lügt nie. Zumindest nicht, wenn wir unbewusst agieren, was wir die meiste Zeit tun. Mit unserer Mimik verhält es sich ähnlich, wie mit dem Prinzip des Bauchgefühls. Der erste Reflex ist meistens richtig. Wir könnten mit unseren instinktiven Reaktionen daher achtsamer werden: Warum passt uns das oder warum passt uns das gerade nicht?

[Außerdem auf ze.tt: Wie man aufrichtig um Entschuldigung bittet]

Natürlich ist das nicht einfach. Wir Menschen sind daran gewohnt, unsere Emotionen normalerweise zu verbergen. Das ist ein Schutzmechanismus, wir haben gelernt, dass Schweigen manchmal zielführender ist. Womöglich liegt deshalb der größte Trick für eine gelungenere nonverbale Kommunikation darin, sich über seine eigene Mimik bewusster zu werden.

Es gibt immer einen Grund, wieso wir so reagieren, wie wir reagieren. Aber eigentlich doch eher selten einen, unsere Reaktion anschließend verbergen oder wegreden zu wollen. Denn unsere wahre Meinung zeigen wir ja ohnehin, unserem Emotionszentrum im Hirn und den Mikroexpressionen sei dank.

Wenn wir es schaffen, diese erste Reaktion diplomatisch zu erklären – indem wir unsere Gegenüber offen dazu einladen, über sie zu sprechen – tun wir uns und ihnen einen Gefallen: Das Gespräch wird nämlich mit Sicherheit konstruktiver, als wenn wir die offensichtliche Wahrheit verschweigen würden.

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