Was wir von Freunden lernen können, die anders sind als wir

Wie viel Unterschiedlichkeit hält eine Freundschaft aus? Hier sind Antworten von Freunden, die es wissen müssen.

Freundschaft

Ihre Herkunft ist bei Nayelli und Livia nur einer von vielen Unterschieden. © Nayelli Torres Sallas

Über die Liebe, das Leben und genveränderte Gurken denken sie das Gleiche wie wir. Ihre Hautfarbe, ihr Alter, ihr Bildungsstand? Identisch. Ihr Heimatland ist auch das unsere. Schauen wir in unser direktes Umfeld, merken wir: Unsere Freunde sind uns oft sehr, sehr ähnlich.

Natürlich gibt es auch die Freundschaften zwischen Jungen und Alten, zwischen Andersdenkenden und jene, die über Kontinente hinwegreichen. Doch der persönliche Eindruck deckt sich mit den Forschungserkenntnissen: Sie sind eher die Ausnahme.

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„Statistisch gesehen tendieren Menschen dazu, Freunde zu wählen, die ihnen ähnlich sind“, bestätigt Janosch Schobin von der Universität Kassel, der für seine Forschung sehr viele Menschen über ihre Freundschaften befragt hat. „Soziale Beziehungen zu ähnlichen Menschen bedeuten weniger Erwartungsunsicherheit. Außerdem sind die Orte, an denen wir Freundschaften eingehen, sehr stark gefiltert. In der Schule wird schon der fünften Klasse gesiebt, danach sind die Kinder aus Akademikerhaushalten oder der Arbeiterschicht ziemlich unter sich.“

Wie viel Unterschiedlichkeit hält Freundschaft aus?

Dabei ist es doch ziemlich erstrebenswert, die große Vielfalt, die die Menschheit so bietet, auch in Freundschaften zu erleben. Neue Impulse halten uns wach und stellen unsere Denkmuster und Werte auf die Probe. Laut Janosch Schobin ist eine der wichtigsten Funktionen von Freundschaft, füreinander Ratgeber zu sein. „Freunde, die anders sind, haben einen Blick auf die Realität, der uns systematisch verstellt ist. Hier kann Heterogenität in bestimmten Konstellationen wahnsinnig hilfreich sein.“

Um herauszufinden, wie viel Unterschiedlichkeit eine Freundschaft aushält, habe ich Ausnahmen gesucht – Freunde, die sich zumindest in einer Eigenschaft stark voneinander unterscheiden. Ich habe sie gefragt: Wie gehen sie damit um, dass sie verschieden sind? Die Antwort ist erstaunlich einfach.

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Nora & Hannah – Die Mutter & die Kinderlose

© Hannah Cuvalo
© Hannah Cuvalo

Waren: Kolleginnen in der Kunsthalle Bremen. Sind Freunde seit: Dreieinhalb Jahren.

Als sie Freunde wurden, waren sich Nora und Hannah noch ziemlich ähnlich – bis Nora ein Kind bekam. „Partys und Wein waren gestrichen. Und selbst die gemeinsamen Kochabende waren nicht mehr so leicht zu organisieren“, erzählt Nora.

Auch Hannah merkt, dass sich die Freundschaft verändert hat, betont aber: „Wir sind uns dadurch viel näher gekommen – vielleicht, weil ich von Anfang an dabei war.“ Wenn Nora sich mal einsam fühlt, weil sie die „krasse Erfahrung, Mutter zu werden“ als Erste gemacht hat, erzählt sie das Hannah trotzdem.

„Es ist schön zu wissen, dass man unterschiedlich leben kann und trotzdem Verbundenheit spürt. Freundschaft bedeutet ja nicht, dass man gleich sein muss“, Ist ihr Fazit.

Marina & Mohammed – Die Deutsche & der Syrer

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Kennen sich aus: Der Oxford-Kaserne, einer Flüchtlingsunterkunft in Münster. Sind Freunde seit: Einem Jahr.

Marina und Mohammed sehen das genauso: „Dass wir aus verschiedenen Ländern kommen spielt für uns keine Rolle. Weder war es Grund dafür, dass wir uns befreundet haben, noch steht es unserer Freundschaft im Wege.

Zwar haben wir bisher ganz unterschiedliche Leben geführt, aber trotzdem sind wir uns extrem ähnlich.“

Über unterschiedliche Ansichten und Erfahrungen tauschen sich die Beiden gerne aus. Streit gebe es eigentlich nur, wenn sie mal wieder zu spät kommt oder der Fahrradrowdy in ihr ausbricht, lacht Marina.

 

Thora & Angelina – Die Gehörlose & die Hörende

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© Thora Hübner

Kennen sich durch: Gemeinsame Freunde und eine Israel-Reise. Freunde seit: Zwei bis drei Jahren.

Thora ist gehörlos, Angelina nicht. Stellt so ein gravierender Unterschied eine Barriere für Freundschaft dar? „Ich bin so, Thora ist so; bewerten tue ich das gar nicht. Wir bekommen dadurch noch etwas mehr von der Welt mit.“ Die wichtigste Brücke zwischen den Beiden: Angelina spricht fließend Gebärdensprache.

„Da die Gehörlosenkultur sozial etwas anders funktioniert, hilft mir das aber auch, meinen eigenen Blickwinkel zu überdenken. Wenn uns etwas auffällt, das kulturell anders ist, dann diskutieren wir gern drüber“, erzählt sie. Außerdem baut die Beziehung offenbar wichtige Brücken, denn Thora schwärmt: „Angy hat es irgendwie geschafft, durch Kommunikation Transparenz zwischen mir und anderen Hörenden zu schaffen. Dadurch fühle ich mich zugehörig.“

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Nayelli & Livia – Die Mexikanerin & die Italienerin

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© Nayelli Torres Sallas

Kennen sich durch: Ihr Gender & Development-Masterstudium in Brighton. Sind Freunde seit: Drei Jahren.

Ihre Herkunft ist bei Nayelli und Livia nur einer von vielen Unterschieden. Die Italienerin Livia führt seit Jahren eine offene Beziehung, Nayelli lebt monogam. Livia hat unverrückbare Positionen, Nayelli will offen für möglichst viele Perspektiven bleiben. Die Mexikanerin findet die Verschiedenheit bereichernd: „Dass Menschen wie Livia existieren, gibt mir so viel Glauben in die Vielfalt des Lebens. Es wäre so langweilig, würden wir alle auf die gleiche Weise leben und lieben.“

Kommunikation ist alles

So verschieden die Freundschaften auch sind, so einig sind sich die acht Freunde: Die Bereicherung überwiegt ganz klar. Neue Perspektiven und ein erweiterter Erfahrungshorizont machen die Freundschaften so besonders.

Und wenn es doch mal Unsicherheiten oder Konfliktpotential gibt? Das Erfolgsrezept ist so simpel wie effektiv: Reden, reden, reden.