Was wir von Wühlmäusen über Sex und Beziehung lernen können

Prärie-Wühlmäuse führen meist monogame Beziehungen. Forscher*innen machen dafür vor allem ein Hormon verantwortlich: Oxytocin. Auch der menschliche Körper produziert es. Welche Parallelen lassen sich daraus ziehen?

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Es waren kalte Nächte, die der Säugetierforscher Lowell Getz und seine Kolleg*innen in den 1970er Jahren auf den Weiden von Illinois verbrachten. Sie wollten die Populationen verschiedener Arten zählen und wärmten sich mit Whiskey, schreibt Abigail Tucker im Smithsonian Magazine. Auch Prärie-Wühlmäuse mögen Whiskey und Getz füllte das Getränk in Fallen für die Tiere. Eine Entdeckung ließ ihn staunen. Ihm fiel auf, dass die Tiere häufig in Paaren auftauchten – je ein Männchen und ein Weibchen. Manchmal ging ihnen dasselbe Paar Monate später gemeinsam in die Falle.

Die Tiere hatten offensichtlich feste Partner*innen – anders als 97 Prozent aller Säugetiere. Auf der Suche nach dem Grund entdeckten Forscher*innen ein Hormon, mit dem sich seither dutzende Forschergruppen beschäftigen: Oxytocin. Es macht die Tiere monogam und wird unter anderem während und nach dem Sex ausgeschüttet.

Noch überraschender war eine zweite Beobachtung. Die nahen Verwandten der Prärie-Wühlmäuse, die Bergwühlmäuse, leben polygam. Sie haben weitaus weniger Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn. Forscher*innen gelang es, monogame Prärie-Wühlmäuse polygam umzupolen. Sie schalteten Rezeptoren für Oxytocin im Hirn aus. War das Bindungshormon entdeckt worden?

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Je ausgiebiger Wissenschaftler*innen den Stoff untersuchten, desto magischer schien er zu werden. Hier ein paar Beispiele, wofür Oxytocin bei Wühlmäusen verantwortlich sein soll:

  • Spritzt man weiblichen Tieren Oxytocin ins Hirn, bilden sie danach engere Beziehungen zu ihrem Partner.
  • Durch Kuscheln steigern sie die Ausschüttung von Oxytocin und beruhigen so Artgenossen, die gerade eine schlechte Erfahrung gemacht haben.
  • Weibchen legen sich schneller auf einen Partner fest, wenn sie Oxytocin bekommen hatten.
  • Ein eng mit Oxytocin verwandtes Hormon, Vassopressin, wirkt ähnlich: Verabreicht man Männchen einen Stoff, der die Ausschüttung von Vasopressin unterbindet, gehen sie keine festen Beziehungen ein.
  • Nicht alle männlichen Wühlmäuse leben monogam. Manche ziehen zwar mit dem Weibchen die Kinder auf, vergnügen sich jedoch außerhalb des Nests mit anderen Weibchen. Diese Tiere haben andere Rezeptoren für Vasopressin als die treuen Tiere.

Eine Erklärung für die starke Wirkung der beiden Hormone: Die Rezeptoren befinden sich im Hirn in der Nähe des Sucht- und Belohungszentrums – Oxytocin als Liebes- und Bindungsdroge.

„Liebe machen wie eine Wühlmaus“

Auch der Mensch hat Rezeptoren für Vasopressin und Oxytocin. Und auch beim Menschen fördern körperliche Nähe und Sex die Produktion von Oxytocin. Vieles, was wir über die beiden Hormone wissen, stammt aus der Forschung über Wühlmäuse. Lassen sich die Beobachtungen auch auf den Menschen übertragen?

Oxytocin-Expertin Beate Ditzen ist zurückhaltend. Die Psychologin und Paartherapeutin forscht an der Universität Heidelberg zur Wirkung von Oxytocin auf Menschen. „Was Liebe, Bindung und Treue angeht, finde ich die Wühlmausforschung sehr schwer unmittelbar auf den Menschen übertragbar“, sagt sie. Ihr Kollege René Hurlemann von der Universität Bonn sieht es ähnlich: „Wir sollten uns davor hüten, die Ergebnisse eins zu eins auf den Menschen zu übertragen“, sagt er.

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Dennoch sind Oxytocin-Forscher*innen nach wie vor auf Tierversuche angewiesen. Das liegt daran, dass man das menschliche Hirn nicht so detailliert untersuchen kann wie das einer Wühlmaus. Versuche, bei denen bestimmte Neuronenstränge ausgeschaltet werden oder das Hormon direkt ins Hirn gespritzt wird, sind beim Menschen undenkbar. Und so wissen Forscher*innen noch immer nicht genau, wie und wo Oxytocin im Gehirn  genau wirkt.

Unklar ist nach Angaben von Ditzen etwa, ob Männer und Frauen deutliche Unterschiede bei dem Hormon zeigten, oder ob monogame Menschen eine höhere Oxytocin-Rezeptordichte haben als eher polygam veranlagte.

Das magische Spray

Auch wenn nicht geklärt ist, welche Mechanismen beim Menschen im Hirn genau wirken – unstrittig ist, dass der Stoff auch bei uns wirkt, und dass Parallelen zu den Nagetieren erkennbar sind. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Paarbindung, wirkt im Belohnungssystem und wird ebenfalls durch Sex, körperliche Nähe und Wärme freigesetzt. Es soll für größeres Vertrauen in andere Menschen und mehr Empathie verantwortlich sein.

Ditzen konnte etwa in einer Studie nachweisen, dass streitende Paare versöhnungsbereiter sind, wenn man ihnen Oxytocin als Nasenspray verabreicht. Hurlemann und sein Team fanden heraus, dass Männer ihre Partnerinnen attraktiver fanden, wenn sie zuvor Oxytocin bekommen hatten.

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Dennoch ist es nicht gesichert, ob Nasensprays mit Oxytocin (in der Apotheke gegen Rezept erhältlich) oder mehr Sex eine Beziehung automatisch harmonischer und treuer machen. „Wir haben das im Labor unter standardisierten Bedingungen getestet“, sagt Ditzen. Das lasse sich nicht mit einem chaotischen Alltag vergleichen, wo keine Zeit bleibt, vor dem Streiten Nasenspray zu nehmen – oder erstmal zusammen ins Bett zu steigen.

Zudem ist völlig unklar, wie das Hormon bei längerfristiger Einnahme wirkt. Dass es wirklich „liquid trust“ ist, wie im Internet angepriesen – unwahrscheinlich. „Insgesamt weisen die Daten nicht darauf hin, dass Oxytocin als Allheilmittel wirken oder jeden sozialen Konflikt kitten kann„, sagt die Forscherin. 

Erst recht sollte man nicht so weit gehen, wie Andrew Marshall, der ein Buch über die Nager und Sex geschrieben hat. Der Titel: „Liebe machen wie eine Wüstenwühlmaus: Sechs Schritte zu einem erfüllten und monogamen Sexleben“.