Kein Vor und kein Zurück: Was heute in Budapest passierte

Am Keleti, dem Ostbahnhof in Budapest, herrscht Chaos. Für tausende Flüchtlinge gibt es weder ein Vor noch ein Zurück. Diese sechs Fakten müsst ihr über die Ereignisse wissen.

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Obwohl der Bahnhof wieder offen ist, sind alle Fahrten nach Westeuropa abgesagt worden. Die Flüchtlinge warten weiter. © Matt Cardy/Getty Images

1. Die ungarische Regierung schirmt das Land mit einem 175 Kilometer langen Zaun gegen den Flüchtlingsstrom ab

Täglich kommen schätzungsweise 1500 Flüchtlinge über die serbische Grenze nach Ungarn. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, dem Irak und afrikanischen Staate, um nach Westeuropa weiterzureisen. Die ungarische Regierung fühlt sich überrannt. Deshalb errichtet Ungarn zurzeit einen 175 Kilometer langen Grenzzaun. „Wir machen das nicht aus Spaß, sondern weil er notwendig ist“, schrieb Ministerpräsident Viktor Orbán in einem Gastbeitrag für die FAZ.

2. Eine Weiterreise nach Westeuropa ist für Flüchtlinge selbst mit gültigem Ticket nicht möglich

Getreu ihrer Abschirmungspolitik verhindert die ungarische Regierung Flüchtlingen die Durchreise. Die Befürchtung ist groß, dass die einmal geöffneten Tore noch mehr Flüchtlinge über die serbische Grenze locken. Dadurch gerät der Keleti, Budapests größter Bahnhof, aktuell zum Nadelöhr: Seit Dienstag campieren zwischen 2000 und 3000 Flüchtlinge vor dem Gebäude, weil der Zugverkehr nach Westeuropa unterbrochen ist. Selbst mit gültigem Ticket ist eine Reise etwa nach Österreich nicht möglich. Bislang war die Situation ruhig – doch die Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge warten, sind katastrophal.

3. Als die Reisesperre aufgehoben wurde, wuchs das Chaos

Heute hob Premier Orbán die Reisesperre auf. Daraufhin strömten die Flüchtlinge wieder in den Bahnhof.

300 Menschen pressten sich in einen Zug nach Österreich. Zynischer Weise trug er diese Aufschrift: „1989 – Europa ohne Grenzen“. Der Slogan gedenkt dem Paneuropäischen Picknick – einer Friedensdemonstration nahe Sopron, bei der für drei Stunden symbolisch die Grenzen zwischen Österreich und Ungarn geöffnet wurden.

Der erste Zug fuhr gegen Mittag ab. Doch die Mitreisenden konnten sich nicht lange darüber freuen: Die Polizei stoppte den Zug offenbar nach 40 Kilometern Fahrt im Vorort Bicske, dort befindet sich ein Auffanglager für Flüchtlinge. Als die Menschen in Bussen in dieses Auffanglager transportiert werden sollten, kam es laut Reuters am Bahnhof von Bicske zu Tumulten. Die Polizei soll Flüchtlinge festgenommen haben.

Medienberichten zufolge schaltete das Bahnhofspersonal verwirrende Reiseangaben auf den Anzeigen. Offenbar wollte die Polizei die Flüchtlinge auf diese Weise vom Bahnhof locken und in Auffanglager bringen. Einen späteren Zug nach Graz hat die Polizei hingegen passieren lassen.

4. Die Presse soll nicht berichten

Die ungarische Polizei behindert offenbar eine detaillierte Berichterstattung über die Ereignisse.

5. Die Politik streitet unterdessen über eine gerechte Flüchtlingsverteilung

Orbán hat Migranten öffentlich gebeten, nicht nach Ungarn zu kommen: „Bleibt in der Türkei, das ist besser für euch und eure Kinder.“ Die Schuld am Bahnhofschaos wälzte die ungarische Regierung derweil auf Deutschland ab: Der Flüchtlingsansturm sei kein europäisches, sondern ein deutsches Problem – die Bundesrepublik habe Syrer „an den gedeckten Tisch eingeladen“. Um den tobenden Premier zu beruhigen und in einen Diskurs einzusteigen, haben sich heute sowohl der EU-Parlamentarierer Martin Schulz (SPD) als auch EU-Präsident Donald Tusk mit ihm getroffen. An der Haltung der ungarischen Regierung ändert das allerdings nichts.

6. Aktivisten helfen

Während sich die Politik träge und überfordert um die Flüchtlingspolitik streitet, versuchen Helfer am Ostbahnhof in Budapest, die Flüchtlinge zu unterstützen.

Einige haben inzwischen via Facebook einen Konvoi eingerichtet, um die Flüchtlinge nach Österreich zu transportieren. Unter anderem berichtet Zeit Online-Autor Robert Misik davon, wie er zum Schlepper wurde. Und auch in München sind zahlreiche Helfer aktiv, um die ankommenden Flüchtlinge zu empfangen.