Weiches Leder, raues Handwerk: Warum Eva Schuhmacherin geworden ist

Eva ist eine von nur hundert Schuhmacher*innen aus den letzten drei Ausbildungsjahren deutschlandweit. Doch trotz Massenware und Schuhen vom Discounter – es werden wieder zunehmend begabte Handwerker*innen gebraucht.

Eva stellt sich eine Glasscheibe auf den Schoß, legt ein Korkteil senkrecht an und schnitzt den sogenannten Kappen, ein Korkteil, das später in die Sohle eingearbeitet wird. Seit Januar ist die 27-jährige Leipzigerin ausgelernete Schuhmacherin. Wer Schuhmacher*in werden will, darf nicht zartbesaitet sein. Chef Peter zeigt seine verhärmten Hände. „Man muss immer aufpassen, dass kein Blut oder irgendwelche anderen Sekrete da auf dem Schuh landen“, sagt er. Eva merkt noch an „Und das Lösemittel im Klebstoff ist auch nicht gut, wenn das in die Wunde kommt.“ Verletzt habe sie sich am Anfang häufig, sagt sie. Die Hände sind das Kapital. Da ist eine gute Handpflege wichtig.

Der Klebstoffgeruch beißt in der Nase. Eva würde Berufsverbot bekommen, wenn sie schwanger wäre. Doch das ist es ihr wert. Dass sie den Beruf ergriffen hat, liege aber nicht an ihren Platt- und Senkfüßen, sagt sie und grinst. „Nee, ich mag Leder einfach. Ich riech’s gerne, ich fühl’s gern. Und Schuhe fand ich auch schon immer schön.“ Dabei hat sie nichts von einem Mode-Vamp. In der Nase steckt ein Piercing, ihre Haare sind rot gefärbt und der graue Kapuzenpulli ist einfach praktisch. Vier Paar Schuhe hat sie sich mittlerweile selbst gefertigt. Das letzte Mal war sie vor drei Jahren in einem Schuhladen. „Wenn man jeden Tag mit Schuhen zu tun hat, hat man halt ’nen anderen Anspruch. Der nächste, den ich mir mache, wird ein schwarzer Boot.“

Ein Paar kostet mindestens 1.500 Euro

„Also wenn hier ein Stromausfall wäre, könnten wir auch alles ohne Elektrik erledigen. Da passt der Peter schon uff. Der meint immer: Wenn mal was ist, ihr müsst alles mit der Hand machen“, sagt Eva im feinsten Sächsisch und zeigt mir die hundert Jahre alten Pressen. Die stehen direkt neben der Kundentheke. Denn der Laden ist die Werkstatt selbst. An den Wänden hängen überall die Leisten: die maßgeschnitzten Holzfüße, um die der Schuh herum gefertigt wird, das Teuerste an einem Maßschuh. Direkt hinter der Kundentheke hat Eva ihren Hocker. Jeder ihrer Handgriffe ist einsehbar.

„Kein Fuß ist gleich und verändert sich auch. Es gibt so viele unterschiedliche Schuhe. Und man selber macht auch mal Fehler, die man beheben muss. Ich kann 40 Jahre diesen Beruf machen und es wird nie langweilig.“ schwärmt sie. Der industrielle Prozess einen Schuh anzufertigen ist letztlich der gleiche. Nur, dass alles maschinell zusammengepresst wird. Hier wird jedes Einzelteil angefertigt, zurechtgeschnitzt und Schicht für Schicht zusammengeführt. Und zwar exakt nach der individuellen Fußform, nach dem Leisten. Für ein Paar braucht es 300 Arbeitsschritte und 30 bis 40 Stunden Arbeitszeit. Ab 1.500 Euro aufwärts kostet ein Paar. Je nachdem, was der Kunde an Extras wünscht. Am Anfang sei das schon nervenaufreibend gewesen zu wissen, dass sie da an „so einem teuren Teil rumhantiert.“

Ich kann diesen Beruf 40 Jahre machen und es wird nie langweilig.“

Momentan arbeitet Eva an sieben Paar klassischen Herrenschuhen gleichzeitig. An der Vorderseite ihrer Arbeitsplatte hängen Zangen und Hammer aufgereiht. Auf der Arbeitsfläche selbst kullern kleine Nägel, der Kork und das Leder liegen in angedeuteter Fußform verteilt darauf herum. Zwischen dem arbeitstypischen Untensilien steht versteckt ein Ayran und ein Glas Sekt. „Das darf hier natürlich eigentlich nicht stehen“, sagt sie grinsend und guckt von ihrer Seite der Werkstatt durch das Regal auf die andere, wo Meister Peter sitzt. Aber da sind sie hier nicht so. Mittags essen sie mal gemeinsam, die Musikauswahl routiert und wer im Urlaub ist, schreibt eine Postkarte. Ab 19 Uhr darf geraucht werden. Aber nicht nur deswegen liegen überall Feuerzeuge. „Man braucht eigentlich ganz oft Feuer. Wenn man das Finish macht zum Beispiel muss man mit Wachs um den äußeren Rand des Schuhbodens. Dafür machen wir mit einem kleinen Spirituskerzchen einen kleinen Amboss heiß. Oder man brennt Fäden ab, wenn man genäht hat. Darf man nur nicht zu dicht am Klebstoff machen.“

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Trotz der Erfahrung und Routine: Der Moment, wenn ein Kunde den Maßschuh abholt, ist für Eva immer noch aufregend. „Der Schuh wird in unserer Vitrine aufgestellt und schön beleuchtet und wenn der Kunde kommt, kann er sich den Schuh zuerst in der Vitrine angucken. Dann wird aufgeschlossen. Das ist eigentlich immer das Aufregendste: das Anprobieren, ob der Schuh auch richtig passt. Da gibt’s dann so ’n, ich sag immer das Maßschuhgeräusch, so n ‚Ssssssslüpp‘ und dann weicht die Luft aus dem Schuh und der Fuß liegt perfekt drin. Im besten Fall.“

Der Laden stellt 50 Paare im Jahr her

In den vergangenen acht Jahren, in denen Peter den Laden hat, kann er sagen: Es kommen immer mehr Menschen, die sich einfach was Gutes gönnen wollen. Vom Polizist bis Professor ist alles dabei. Meister Peter ist froh, dass Eva da ist. „Es hat eineinhalb Jahre gedauert bis wir hier ’nen ersten Maßschuhauftrag bekommen haben. Aber mittlerweile sind es um die 50 Paar im Jahr. Da kann ich jede Hilfe gebrauchen.“ Azubis sind rar. Eva ist eine von nur hundert aus den letzten drei Ausbildungsjahren deutschlandweit. Auch an den 30 bis 40 Paar Schuhe, die hier pro Woche zur Reparatur kommen merke man: Der Trend geht hin zur Nachhaltigkeit. Das bestätigt auch der Zentralverband des deutschen Schuhmacherhandwerks.

Dabei gibt es einige Tipps, die das Schuhleben verlängern. „Wenn die Schuhe nass sind: Nicht auf die Heizung stellen! Dann lieber etwas Papier reinstecken“, sagt Eva. „Und: auf jeden Fall Wechselschuhe. Bei Lederschuhen regelmäßig fetten und vor allem das alte Fett abwaschen, weil der Schuh sonst überpflegt wird und man am Ende nur noch so ’n Fettlappen hat.“