Weihnachten in der DDR

Wunschzettel in der Planwirtschaft und christliches Brauchtum gepaart mit sozialistischer Ideologie.

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Ein kleiner Junge an einem Tisch mit Kerzen und Weihnachtsfiguren, 1951. © Deutsche Fotothek/Rössing/picture alliance/zb

Zu Weihnachten feiern wir eigentlich die Geburt von Jesus Christus: das war auch in der Deutschen Demokratischen Republik nicht anders. Dumm nur, dass die politische Führung der sozialistischen Diktatur ein schlechtes Verhältnis zu Religion hatte. Die Ideen des Christentums passten nicht zur Philosophie von Marx und Engels.

DDR-Bürger sollten durch die Aufhebung von Klassenunterschieden zu selbstständigen Wesen heranwachsen. Religion galt nur als Hindernis, weil sie sich nicht aufs Jetzt, sondern aufs Jenseits konzentriere und ein Unterdrückungsinstrument von Herrschenden sei.

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Zwei Kinder stecken in Jocketa einen Brief mit einem Wunschzettel an den Weihnachtsmann in einen extra Weihnachts-Briefkasten, 1988. © Wolfgang Thieme/picture alliance/ZB

Vor allem in den ersten Jahren nach der Staatsgründung betrieb die Einheitspartei SED eine extrem anti-kirchliche Propaganda. Kirchenveranstaltungen mussten immer angemeldet werden, Kirchenmitglieder wurden abgehört und hatten oftmals berufliche Nachteile zu erwarten. Kurzum: Religion war Privatsache und fand im öffentlichen Raum nicht statt. Glaube war verpönt. Trotzdem feierten DDRler immer Weihnachten – als ein Fest der Familie.

Wunschzettel, Westpaket und Warenmangel

Auch in der DDR schrieben Kinder Wunschzettel. Da stand dann aber nicht Lego und Barbie drauf, sondern Puppe, Fahrrad und Schaukelpferd. Schenken stellte Schenkende in der DDR vor ein großes Problem: Aufgrund der sozialistischen Planwirtschaft gab es kaum private Produktion, es herrschte ein permanenter Mangelzustand nahezu aller Waren.

Eltern mussten oft wochenlang nach dem einen gewünschten Teddy oder dem erträumten Paar Winterstiefel herumrennen und sich dafür in lange Schlangen vor die Kaufhallen stellen. Oder sie werkelten gleich das Puppenhaus selbst zusammen und nähten eigene Kuscheltiere.

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Vorweihnachtliche Einkäufe in Ost-Berlin, 1965. Viele Artikel gab es nur als sogenannte „Bückware“. © picture alliance/dpa-Zentralbild

Oft war es von Vorteil, wenn man die Verkäufer kannte oder ihnen ein kleines Trinkgeld zusteckte, um Waren, die es nur „unter der Ladentheke“ gab (die sogenannte „Bückware“), zu bekommen. Insbesondere frisches Obst konnte man so gut wie nie in der DDR kaufen. Die Leute schlugen sich fast, um einmal nicht die gummiartigen Apfelsinen vom Bruderstaat aus Kuba essen zu müssen.

Auf etwas kulinarische Abwechslung während der Feiertage konnten vor allem diejenigen mit Westverwandtschaft hoffen. Trudelten Westpakete mit der Weihnachtspost ins Haus freute man sich von Dresden bis nach Rostock über Kaffee, Schokolade, Strumpfhosen, Jeans und Schallplatten. Dinge, die die Verwandtschaft „drüben“ schnell besorgen konnte.

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Weihnachtspaket von „Drüben“. © KNA Herb/picture-alliance/dpa

Doppel-Tanne und aufgebügeltes Lametta

Wer Glück hatte, fand auch ein bisschen Blei-Lametta für den Tannenbaum in seinem Päckchen aus der Bundesrepublik, ansonsten war Bügeln angesagt. Sorgfältig wurden die silbernen Aluminium-Streifen aus dem Vorjahr wieder gerade gepresst und dann an die meist sehr dünne Tanne gehängt. Ging dann allerdings jemand mit einem elektrisch aufgeladenen Polyacryl-Pulli am Christbaum vorbei, ließ der ganz schnell das Mehrweg-Lametta in die Höhe blitzen.

A propos Tannenbaum: Den gab es verhältnismäßig günstig, verhältnismäßig dünn bewachsen schon relativ früh in der Vorweihnachtszeit zu kaufen. Deshalb besorgte sich so mancher gleich zwei, zersägte zuhause den einen und klebte dessen Äste an den anderen.

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Nussknacker und Räuchermännchen aus dem Erzgebirge, 1988. © Wolfgang Thieme/picture alliance/ZB

Auch Schwibbögen und andere Weihnachtsbastelei wurde selbst hergestellt. Zwar hatte man mit dem Erzgebirge die Holzschnitzhochburg gleich um die Ecke. Allerdings gingen die Räuchermännchen und Nussknacker von dort zum größten Teil direkt ins NSW – Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet.

Kartoffelsalat und ungarische Gans

Wenn dann nach all der Hektik und dem Plätzchengegesse und Korngetrinke bei den Betriebsweihnachtsfeiern die Familie endlich an Heiligabend zusammensaß, gab es meist erstmal Kartoffelsalat mit Würstchen und dazu ein paar Gewürzgürkchen. Braten wurde nur einmal aufgetischt, weil teuer – und dann eher eine Gans aus Ungarn als deutsche Ente.

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Weihnachten war auch in der DDR ein Fest, an dem die ganze Familie zusammen kam, 1964. © UPI/picture alliance/dpa

Auf dem Tisch drehte sich rhythmisch eine Holz-Pyramide zur Weihnachts-Dudelei vom Plattenspieler. War der nicht vorhanden oder stand still, traf man sich im Wohnzimmer vor Gabentisch und Tannenbaum und trällerte zusammen „Stille Nacht“ oder „Kling, Glöckchen, klingeling“ – wie die Nachbarn in der BRD.

Die Legende von der „geflügelten Jahresendfigur“

Die sozialistische Staatsführung gab sich allerhand Mühe, den Weihnachtsbegriff aus dem Bewusstsein seiner Bürger zu verdrängen. So wurde aus Weihnachtsgeld etwa „Jahresendprämie“ und aus der Weihnachts- eine „Jahresendfeier“.

Viele Jahre stand auch „geflügelte Jahresendfigur“ als DDR-Synonym für Weihnachtsengel in bundesdeutschen Lexika. Tatsächlich wurde dieser Begriff aber vom DDR-Satire-Magazin „Eulenspiegel“ erfunden, das damit das DDR-Beamtendeutsch veräppelte. DDRler selbst benutzten den Begriff nie.

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Schon vor Heiligabend besuchte der Weihnachtsmann die Kleinen im Kindergarten, 1988. © Wolfgang Thieme/picture alliance/ZB

Auch wenn Weihnachten in der DDR aufgrund der atheistischen Staatsausrichtung ein nicht-religiöses Fest war, gelang es den sozialistischen Machthabern doch nie, ihm seine elementare Bedeutung als wichtigstes Familienfest abzusprechen. Zum Glück. Zu feiern gab es schließlich wenig genug in der DDR.