Weihnachten soll nach Hause gehen!

Weihnachten ist das Fest der Liebe und Besinnlichkeit, sagt so mancher Mensch. Ich sage, es ist einer dieser Pflichttermine, an dem die Familie zusammenkommt und für einen Abend extra hart versucht, Harmonie zu spielen. Doch das ist nur einer der vielen Gründe, warum mir Weihnachten seit einigen Jahren nicht mehr ins Haus kommt.

© Justin Sullivan/Getty Images

Oh dein Gott! © Justin Sullivan/Getty Images

Ich feiere seit 2005 kein Weihnachten mehr. Nicht, weil ich meine Familie nicht mag oder nicht beschenkt werden möchte. Im Gegenteil: Ich mag meine Familie und ich mag auch Geschenke. Und ich gebe zu, als Kind war das Fest immer ganz aufregend. Ich saß an Heiligabend solange gebannt in meinem Kinderzimmer, bis das Christkind mit seiner goldenen Glocke das Fest einläutete. Im Wohnzimmer stand dann ein riesiger, opulent geschmückter Tannenbaum mit einem Haufen an Päckchen drunter, wovon ich als Jüngster den größten Teil abbekam. Warum das Christkind nicht bleiben und „Hallo“ sagen konnte, habe ich nie verstanden, sondern eher als unhöflich empfunden.

Als ich zwölf Jahre alt und somit erwachsen genug war, die gar nicht mal so brutale Wahrheit über die Nicht-Existenz diverser Fabelwesen zu verkraften, habe ich begonnen, unseren Weihnachtsbaum jedes Jahr selbst zu schmücken. Das hat die vorgegaukelte Magie des Fests schnell mal abgetötet. Schön war es trotzdem noch.

Mit 18 war dann Schluss. Ich hatte keinen Bock mehr, einen überteuerten, übergewichtigen Tannenbaum nach Hause zu schleppen, die verstaubten Kisten mit dem glitzernden Klimbim auszugraben und ihn auf dem Baum zu verteilen. Nur, um das Ganze zwei bis drei Wochen später wieder rückgängig zu machen. Seither gibt es Weihnachten in meiner Familie nicht mehr. Kein Baum, keine Geschenke.

Meine Familie war nie religiös, keiner glaubte an den erfundenen Schwachsinn, der in irgendeinem ach so heiligen Buch steht. Ein Buch, dessen Inhalt durch die längste Kette von Stille-Post-Spielern der Welt entstand und dementsprechend debil ist. Warum feiern wir Weihnachten schnell nochmal? Weil irgendein Baby irgendwann zur Welt kam, das vorher nicht mal gezeugt wurde? Weil ein paar bekiffte Hirten eine breite Konversation mit einer Lichtgestalt hatten? Das ist mir zu wenig. Wozu also das feiern, wenn man sich an jedem anderen Tag des Jahres aus viel besseren Gründen treffen und beschenken kann? Seither fahre ich lieber in den Skiurlaub.

Jeder darf sein Weihnachten feiern wie er will. Ich spreche niemandem den Wunsch ab, das Jesus-Fest in welcher Form auch immer begehen zu wollen. Aber bitte münzt eure Frömmigkeit nicht auf mich um. Es gibt für mich ohnehin keine Chance, dieser Zeit zu entkommen. Und genau das ist auch das Problem. Weihnachten ist gefühlte vier Monate vor Weihnachten aufdringlich präsent. Nicht bloß präsent. Es springt mir ins Gesicht und lacht mich aus.

Kreativitätsarmut und Zwangsbeschallung

Mohd Rasfan/AFP/Getty Images
© Mohd Rasfan/AFP/Getty Images

Es nicht mehr zu feiern, war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Denn auch wenn mir der Weihnachtssegen unfreiwillig im Gesicht hängt, glaube ich doch, einigen Mühen ausweichen zu können.

Beispielsweise dem Krieg in den Einkaufszentren. Wenn sich die gesamte Stadt in überheizte Läden drängt, in denen sich verzweifelte Menschen gegenseitig Todesblicke zuwerfen und gereizte Ladenbesitzer gestresste Kunden anpöbeln und umgekehrt. Wo die Suche nach dem richtigen Geschenk zum einzigen Lebensinhalt wird. Ohne Kompromisse, ohne Rücksichtnahme. Und am Ende wird aus Kreativitätsarmut trotzdem immer der generische Schrott vom Ramsch-Laden nebenan gekauft, denn „es ist ja die Geste, die zählt“. Ho ho ho, mein Arsch.

Die Zwangsbeschallung mit sämtlichen Weihnachtsliedern, die jemals geschrieben wurden, ist das Sinnbild meiner eigenen, kleinen Hölle. Akutes Ohrenbluten und Flucht sind die Folge. Die Läden, die Straßen, die eigenen Wohnungen sind mit widerlichem Kitsch zugeballert, der mir Kopfschmerzen bereitet. Lichterketten, Lametta, blinkende Weihnachtsdeko – ich will alles anzünden. Und wehe, mich spricht einer dieser Kaufhaus-Weihnachtsmänner an. Es wäre so schön, ihnen in den falschen Bart zu spucken und ihnen die Hosenträger an die Nippel zu schnalzen.

Ab dem 24. Dezember verwandeln sich dann die erst so überfüllten Straßen in einsame, verlassene Orte. Denn die Familien sind zusammengekommen, um dem langsamen Sterben ihrer schwer behängten Weihnachtsbäume zuzusehen. Könnten die zweckentfremdeten Bäume sprechen, würden sie wahrscheinlich mit jeder abgefallenen Nadel ein leises „töte mich“ hauchen.

Apropos Folter: Auf den zehnten Bildband, den fünfundzwanzigsten H&M-Gutschein oder dreihundertachtundsiebzigsten Teelicht-Halter kann ich gerne verzichten. Ich möchte kein Opfer deiner Einfallslosigkeit sein, wofür du insgeheim noch mit Dank und Wertschätzung belohnt werden willst. Ich möchte kein gequältes Lächeln aufsetzten und dir Freude vorheucheln müssen. Das hatte Jesus so sicher nicht im Sinn, oder?

Okay, zugegeben: Es tut gut, sich schamlos und ohne Rechtfertigung der totalen Völlerei hinzugeben und sich drei Tage mit Staubsauger-ähnlichen Tendenzen so viel Essen wie möglich in den Körper zu pumpen. Das Ganze mit diversen Sorten von Flüssigtrost runterzuspülen. Sich hardcore verdauend vor den Fernseher zu legen und „Kevin allein zu Haus“ zu gucken. Doch für all das ist kein Weihnachten notwendig.

Ich weiß, ich stehe mit meiner Anti-Weihnachten-Einstellung so ziemlich alleine da. Aber bevor ihr jetzt mit wütenden Fingern auf die Tasten einhämmert und mir all euren Hass entgegenwerft, haltet noch einmal inne und denkt daran, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist. Für euch zumindest. Für mich nicht. Ich darf das.