Wie Weintrinken dein Gehirn trainiert

Statt Sport zu treiben, hast du es dir mal wieder mit einem Wein gemütlich gemacht? Kein Grund für ein schlechtes Gewissen, sagt ein Wissenschaftler. Denn während du entspannt schlürfst, erbringt dein Hirn Höchstleistungen.

Weinschlürfen zwingt unser Gehirn zum Arbeiten. © Unsplash / Chris Montgomery

Gordon Shepherd von der Yale School of Medicine hat über Jahre erforscht, wie Geschmack entsteht und den Begriff Neurogastronomie geprägt. Nun hat er sich mit der Wahrnehmung von Weinaroma beschäftigt und die Ergebnisse in seinem Buch Neuroenology – How the Brain Creates the Taste of Wine zusammengefasst.

Shepherd fand heraus, dass beim Weintrinken mehr Bereiche des Gehirns aktiviert werden, als bei jeder anderen menschlichen Tätigkeit. Nicht einmal das Lösen komplexer Matheaufgaben ist für das Hirn so anspruchsvoll, wie das Schmecken von Wein. Der Geschmack steckt nämlich nicht im Getränk selbst, sondern entsteht im Kopf. Dies könne man mit der Wahrnehmung von Farben vergleichen, sagte der Forscher dem National Public Radio US.

„Die Dinge, die wir sehen, haben selbst keine Farben. Erst wenn Lichtstrahlen sich an ihnen brechen und auf unsere Augen treffen, werden Systeme im Gehirn aktiviert, die daraus Farben machen. Wenn also Weinmoleküle unser Hirn stimulieren, kreiert es Geschmack auf dieselbe Weise, wie es Farben kreiert.“

Schmecken ist eine Illusion

Natürlich geht es dabei nicht darum, den Wein in enormen Mengen hinunterzustürzen. Tatsächlich sind die ersten paar Schlucke entscheidend – genauso wie das, was wir mit der Flüssigkeit im Mund machen. Den Wein zu analysieren „bedarf einer außerordentlichen Kontrolle über einen der größten Muskel im menschlichen Körper“, sagt Neurowissenschaftler Shepherd. Lassen wir den Wein mit der Zunge umherwirbeln, so wie das die Profis bei einer Weinverkostung machen, werden dadurch tausende Geschmacks- und Geruchsrezeptoren aktiviert.

[Außerdem auf ze.tt: Junge Winzerinnen erklären, wie du richtig über Wein fachsimpelst]

Doch nicht allein die Bewegung der Flüssigkeit beeinflusst die Wahrnehmung, sondern auch die Bewegung der Luft in Mund und Rachen. Streng genommen sei Schmecken sogar eine Illusion, schreibt Shepherd in seinem Buch. Wir alle kennen das orthonasale Riechen, bei dem wir Luft durch die Nase ziehen. Weniger bekannt ist das retronasale Riechen im Rückwärtsgang über den Rachenraum zur Nasenschleimhaut – denn das machen wir unbewusst. Es hilft uns, Aromastoffe in der Nahrung wahrzunehmen. Wir halten dies jedoch fälschlicherweise für Geschmack, den wir in der Mundhöhle verorten.

Das sei auch genau der Grund, weswegen man den Wein, anders als bei professionellen Verkostungen üblich, nicht ausspucken sollte. „Erst beim Schlucken des Weins wird das retronasale Riechen vollends ausgekostet.“

Dein Geschlecht entscheidet über das Geschmackserlebnis

Trinken zwei Personen denselben Wein, heißt das noch lange nicht, dass sie auch dasselbe Geschmackserlebnis haben. Dieses ist nämlich weitaus subjektiver, als bisher angenommen. Eine große Rolle dabei spielt unser Speichel. Der ist bei jedem Menschen anders.

„Speichel zersetzt die Moleküle im Wein und kreiert Verbindungen, die über die Luft an die Rezeptoren der Nase gelangen. Dort entstehen neue Verbindungen, die nicht aus dem Wein selbst stammen“, sagt der Forscher. Sogar Faktoren wie das Geschlecht oder die Tageszeit können Einfluss auf die Geschmackswahrnehmung haben. „Es gibt rund 350 verschiedene Arten von olfaktorischen Rezeptoren“, sagt Shepherd. „Sie unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.“ Zudem nutzen wir beim Trinken unseren ganz persönlichen Bezugsrahmen, um den Geschmack einzuordnen. Dieser wiederum sei abhängig von individuellen Erinnerungen und Emotionen.

[Außerdem auf ze.tt: Fotograf porträtiert Menschen nach ein, zwei und drei Gläsern Wein]

Wie bei allem, kommt es auch beim Weintrinken auf das richtige Maß an. Schon ein zu großer Schluck kann die Geschmacksknospen überfordern und das System übersättigen. Gordon Shepherd empfiehlt, nicht mehr als etwa einen Esslöffel Flüssigkeit auf einmal in den Mund zu nehmen. Nach ein paar Schlucken hat das Gehirn ohnehin genug Informationen gesammelt, um den Geschmack zu beurteilen. Jeder weitere Schluck schadet da nur. Immerhin: Die Wahrscheinlichkeit, am nächsten Morgen mit einem Kater aufzuwachen, tendiert auf diese Weise gegen Null.