Welche Rolle Wertschätzung dabei spielt, dass du gesund bleibst

Nadine Hüttenrauch hat einen kompletten Berufswechsel vollzogen: Die ehemalige Unternehmensberaterin arbeitet heute als Coach für gesundes Leben. Uns hat sie erzählt, welche Dinge vor allem in der Berufswelt krank machen.

© katha*rina / photocase.de

Eine gesunde Lebensweise zahlt sich aus. © katha*rina / photocase.de

Nadine Hüttenrauch arbeitete sieben Jahre als Unternehmensberaterin: lange Arbeitstage, ungesundes Essen und viel Stress gehörten zu ihrem Alltag. Bis sie beschloss, eine Ausbildung zur Gesundheits-, Ernährungs- und Lebensberaterin zu absolvieren und ihr Hobby zum Beruf zu machen. Heute bringt sie anderen Menschen bei, eine gesunde Lebensweise in den Alltag zu integrieren. Wie das funktioniert, erzählt sie uns im Interview.

Warum hast du dich zum Food & Health Coach ausbilden lassen? Gab es einen konkreten Auslöser in deinem Leben?

Ja, diesen Auslöser gab es tatsächlich und aus heutiger Sicht würde ich ihn ,Stress‘ nennen. Ich war damals als Unternehmensberaterin tätig und habe sehr viel gearbeitet, wenige Pausen gemacht und viele Geschäftsreisen absolviert. Chronische Magenbeschwerden, die sich gerade in fordernden Phasen verschlimmert haben, brachten mich dazu, meine damaligen Essgewohnheiten – Kantinenessen, ungesunder Lieferservice, das Minibar-Angebot zum Abendessen oder die Tüte Gummibären als Snack – kritisch zu hinterfragen und schließlich zu verändern.

Das Schöne daran war nicht nur, dass es mir mit der gesünderen Ernährungsweise wesentlich besser ging, sondern auch, dass ich dadurch das Thema entdeckte, für das ich wirklich brenne. Meine Leidenschaft für Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden wurde über die Jahre immer stärker, bis ich dann entschied, die Ausbildung zu machen.

Was motiviert dich an deinem Job?

Auf der einen Seite natürlich, dass ich mich jeden Tag mit meinen absoluten Lieblingsthemen auseinandersetze. Vor allem aber, dass ich mit meiner Arbeit etwas verändern kann: Menschen zu mehr Wohlbefinden verhelfen – nicht nur körperlich sondern auch mental.

Welche Verhaltensweisen sind in deinen Augen ungesund?

In meinen Augen gibt es hier eine Schlüsselverhaltensweise: Unbewusstheit. Ich denke, dass Unbewusstheit und ungesunde Angewohnheiten korrelieren, denn je unbewusster man lebt, sich ernährt, mit sich umgeht …, desto eher können ungesunde Verhaltensweisen entstehen. Erst wenn man sie erkennt – sich also ihrer bewusst wird – kann man sie verändern.

Wie viel Zeit muss ich investieren, um gesunde Gewohnheiten in meinen Alltag zu integrieren?

Zunächst einmal würde ich das Wort „müssen“ streichen. Denn das sorgt direkt für ein Gefühl von Druck. Und dann lautet meine Antwort: So viel wie man möchte. Schon ein paar Minuten entspannen können helfen, genauso wie eine Stunde mehr Schlaf. Allein seine Snackgewohnheiten zu verändern, indem man den Schokoriegel oder die frittierten Chips gegen frisches Obst oder beispielsweise Nüsse tauscht, ist schon eine gesunde Gewohnheit und bedarf gar keiner zusätzlich investierten Zeit.

Natürlich sind auf der anderen Seite keine Grenzen gesetzt. Wenn man sich die Freiräume schaffen kann und möchte, kann man natürlich auch sehr viel Zeit investieren. Zum Beispiel, indem man mehr selbst kocht oder sich in das Thema Ernährung tiefer einliest, sich sehr regelmäßig sportlich betätigt, für Zeit zum Entspannen sorgt usw.

Meistens ist es jedoch einfacher und auch nachhaltiger, wenn man sich auf kleine und leicht umsetzbare gesunde Gewohnheiten fokussiert und diese Schritt für Schritt umsetzt, anstatt alles sofort und gleichzeitig zu wollen.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus? Wie schaffst du es, gesunde Gewohnheiten in deinen Alltag einzubauen?

Gute Frage! Also, am Morgen starte ich mit ein paar Yogaübungen und einem warmen Glas Wasser (um den Körper bei der Ausscheidung von Giftstoffen, die sich über die Nacht gelöst haben, zu unterstützen). Dann geht es mit einem vollwertigen und nährstoffreichen Frühstück weiter, sodass ich mich gleich am Morgen mit vielen Vitaminen und Mineralien versorge und mir den Rest des Tages nicht mehr so viele Gedanken machen muss. Mittags gehe ich meistens essen und wähle hier ein Café oder Deli, bei dem ich weiß, dass ich etwas Gesundes zur Auswahl habe – einen Salat, eine Suppe, ein Gemüsegericht oder ähnliches. Abends koche ich gerne und es gibt dann ganz unterschiedliche Gerichte, aber auch hier sind die Hauptzutaten Gemüse und Pflanzliches. Ich snacke so wenig wie möglich, um dem Körper zwischen den Mahlzeiten ausreichend Zeit zum Verdauen zu geben. Habe ich zwischendurch dennoch Hunger, dann greife ich auf Obst, Nüsse oder selbstgemachte Energiekugeln zurück.

Das ist ja schon ein ganzes Programm …

Ja, mittlerweile ist schon so einiges an gesunden Gewohnheiten in meinem Alltag zusammengekommen. Aber auch bei mir war es ein Prozess, der Schritt für Schritt begonnen hat. Immer dann, wenn sich eine gesunde Gewohnheit in den Alltag integriert hat, so dass sie selbstverständlich geworden ist, kam die nächste dazu.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen in Sachen „Gesund leben“? Gehen Frauen und Männer unterschiedlich mit Stress um?

Ich denke ja. Frauen sind – zumindest aktuell – dem Thema gegenüber viel offener und setzen sich damit eher auseinander. Das sehe ich schon alleine daran, dass ich viel mehr Klientinnen als Klienten habe. Aber auch Männer beginnen, sich verstärkt mit der Thematik auseinander zu setzen. Die Motivation dahinter, gesünder zu leben, ist oftmals unterschiedlich – genauso wie die Art der Umsetzung.

Bei Frauen spielen häufig äußere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel die Figur. Es geht aber auch oft um weichere Faktoren wie das allgemeine Wohlbefinden. Ernährung und auch Entspannungsthemen kommen daher recht schnell ins Spiel. Männern hingegen geht es häufig um Fitness und (körperliche) Leistungsfähigkeit. Vor dem Hintergrund steigen sie gerne über Bewegung und Sport in ein gesünderes Leben ein.

Was den Stress betrifft würde ich sagen, dass Frauen hier viel ehrlicher mit sich sind und offener damit umgehen, wenn sie gestresst sind. Ich denke, dass Männer evolutionsbedingt stressresistener sind. Da bei ihnen jedoch auch das Ego und wahrscheinlich auch das gesellschaftliche Bild eine größere Rolle spielt, kann ich mir vorstellen, dass es bei vielen ein Zeichen von Schwäche wäre, zuzugeben, dass sie gestresst oder überfordert sind.

Wie wirkt sich der stressige Alltag auf unsere Arbeitsweise aus?

Die heutigen Anforderungen, der Druck aber auch die ständige Erreichbarkeit und die Flut an Informationen haben dazu geführt, dass Stress zu Dauerstress geworden ist. Dauerstress führt dazu, dass der Körper ständig unter Druck und Anspannung steht. Zum einen verbraucht das viel Energie und Vitalstoffe und zum anderen bleibt kaum Raum um diese wieder aufzufüllen und zu regenerieren. Das an sich stellt schon eine enorme Belastung für den Körper dar und kann zu Schlafstörungen, Müdigkeit, Schwächung des Immunsystems oder auch Konzentrationsschwierigkeiten und Stimmungsschwankungen führen, bis hin zu Burnout. Dass sich das auf unsere Leistungsfähigkeit und Arbeitsweise auswirkt, sollte auf der Hand liegen.

Wie können Arbeitgeber dazu beitragen, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben?

In einem Wort zusammengefasst: durch Wertschätzung. Wertschätzung und Anerkennung sind enorm wichtig für den Menschen und sein allgemeines Wohlbefinden. Werde ich (von meinem Chef und meinen Kollegen) wertgeschätzt, fühle ich mich automatisch wohler. Und wenn ich mich wohl und zufrieden fühle, wirkt sich das auch auf die Gesundheit aus.

Nun kann eine Kultur der Wertschätzung natürlich durch Angebote oder Aktivitäten, die gesundheitsfördernd wirken, zusätzlich unterstützt werden. Zum Beispiel durch eine subventionierte Fitnessclubmitgliedschaft, hausinternen Sportkurse, Laufgruppen, Ernährungsworkshops, gesundes Kantinenessen oder wenn es keine Kantine gibt, die Bereitstellung von Obstkisten oder gesundem Mittagessen (zum Beispiel ein bis zwei Mal die Woche), entsprechende Themenwochen, und so weiter. Wenn man so etwas noch nicht im Unternehmen hat, rate ich, hierzu die Mitarbeiter zu befragen, was sie sich wünschen würden. Auch das ist eine Form der Wertschätzung.

Von Maike Baasner auf EDITION F.

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