Wem Bücher über psychische Krankheiten tatsächlich helfen

Es gib massenhaft Literatur zu psychischen Krankheiten – und jede Menge Kritik an Leidensbelletristik. Helfen die Bücher Angehörigen oder Leidenden? Autor*innen oder Leser*innen?

Schreiben kann Selbsttherapie sein – und Lesen? Unsplash, CC0-Lizenz

Eine Eckkneipe in Berlin-Neukölln, irgendwo zwischen Falafel-Imbiss und Kita. Die Scheiben sind von innen beschlagen, von draußen prasselt der Sommerregen dagegen. Rund 30 Leute lauschen Elisa Wagner (26). Der Schweiß tropft ihnen von der Stirn, an der Bar zapft jemand ein Bier. Elisa steht auf einer sporadisch zusammengebauten Bühne aus alten Holzlatten, die sie sich abwechselnd mit vier anderen Autoren*innen teilt. Prosa-Abend. Elisa nimmt ein paar Blätter in die Hand. Sie sagt: „Wer bis jetzt noch gut drauf war, sollte nun den Raum verlassen. Meine Texte sind nicht lustig.“ Stühlerücken, Räuspern, zwei verlassen den Raum.

„Die Geschichte handelt von einem Autor, der keine Geschichten mehr verkauft und daran zu Tode verzweifelt – jeder der als Künstler tätig ist, kennt sicher so einen Moment“, sagt sie. Was ihre Zuhörer*innen nicht wissen: Eilsa treiben Sorgen und Verzweiflung immer wieder in eine psychiatrische Einrichtung. Elisa hat die Diagnose Borderline.

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Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung. Betroffene sind impulsiv sowie emotional sehr instabil. Von einer Sekunde auf die andere kann sich ihre Stimmung sowie ihre Eigen- und Fremdwahrnehmung ändern. Dadurch fällt es ihnen schwer, stabile Beziehungen zu führen. Die dabei auftretenden starken Stimmungsschwankungen, die innere Zerrissenheit sowie das Gefühl der Leere bringt sie in ihren Geschichten oft zum Ausdruck. Expert*innen sprechen in diesem Zusammenhang häufig von Selbstherapie – Heilung durch expressives Schreiben. Doch funktioniert das wirklich?

Das sagt ein Experte

Stephan Mühlig ist Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Chemnitz. © privat

Stephan Mühlig ist Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Chemnitz. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Einsatz von Bibliotherapie bei psychischen Störungen. Dabei geht es um das Schreiben über die eigenen psychischen Leidenszustände sowie dem persönlichen Umgang damit. Es beinhaltet zudem „das Rezipieren von belletristischen Texten oder Büchern zu Zwecken der (Selbst-)Therapie – bis hin zur Nutzung von Ratgebern und Selbsthilfeliteratur“, sagt Mühlig.
Auch wenn es viele kritische Meinungen zu Autobiografien von psychisch Kranken gebe, könne das Schreiben Autor*innen sowie Leser*innen dabei helfen, eine psychischen Störung zu zu akzeptieren und zu bewältigen. „Aber es kommt natürlich immer darauf an, wie ein solcher Selbstbericht formuliert wird und welcher Leser mit welcher Motivation sich damit beschäftigt“, sagt Mühlig.

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Im Netz lassen sich Unmengen an Literatur dazu finden. Gibt man in der Suchfunktion auf Thalia.de etwa Elisas Diagnose Borderline ein, werden 585 Ergebnisse angezeigt, bei Amazon sind es 1.944. Die Bewertungen zu Belletristik sind dabei jedoch oft negativ. Zu dem im Juni erschienen Liebesroman Fairytales: Liebe auf der Grenzlinie Borderline von Katja Braun, heißt es etwa: „Gute Erzählung, wenig hilfreich als Ratgeber. Es muss noch andere Möglichkeiten geben als nur das Weite zu suchen. Diese gibt es aber in diesen Buch absolut nicht, nicht einmal andeutungsweise. Das ist für mich sehr enttäuschend.“ Oder: „Das Buch ist in meinen Augen absolut überzogen dargestellt und ziemlich Klischee behaftet.“

Ein Roman kann Werkzeug oder Waffe sein

Ist die Kritik gerechtfertigt? An wem liegt es, dass diese Bücher oft schlecht ankommen? Leser*in oder Autor*in? Mühlig gibt zu bedenken, das jede Krankheit und jeder Mensch unterschiedlich ist und dass Leser*innen sich nicht direkt mit den Protagonist*innen vergleichen sollten. Die literarische Beschreibung müsse nicht exakt mit den eigenen Erfahrungen übereinstimmen. „Das Gelesene muss viel mehr als Inspiration verstanden werden“, sagt Mühlig.

„Bei der Bibliotherapie geht es darum, dass man erfährt, mit der Krankheit nicht alleine zu sein und dass man anhand des Protagonisten neue Einsichten erlangt und auf neue Lösungswege kommt.“ Die Literatur muss aber nicht immer helfen, sie kann auch schaden. Als Beispiel nennt Mühlig Goethes Werk Die Leiden des jungen Werthers. Der Briefroman handelt von einem Mann, der sich nach einer missglückten Liebe umbringt. 1774 erschien es uns löste reihenweise Suizide aus. „Ein Roman kann wie ein Gebrauchsgegenstand als Werkzeug oder als Waffe verwendet werden; es kommt ganz darauf an, wer es liest“, sagt Mühlig.

„Hunger nach Wirklichkeit“

Der Literaturwissenschaftler Ralf Klausnitzer, der an der Humboldt-Universität zu Berlin Seminare zu Literatur in Verbindung mit Emotionen gibt, sieht bei den Publikationen ein anderes Problem: „Den Hunger nach Wirklichkeit.“ Nach ihm seien Werke über authentische Lebenserfahrungen gefragter denn je. Der*die Leser*in wolle die Geschichte mit der eigenen Lebenswelt vergleichen.

Hinzu komme, dass mittlerweile jede*r eine eigene Biografie veröffentlichen könne. „Man kann Verlage dafür bezahlen, dass sie Biografien über einen schreiben“, sagt er. „Die meisten Veröffentlichungen in dem Bereich sind jedoch Eigenpublikationen.“ Der Verlag als Instanz fehle dadurch, der das Geschriebene lektoriere und das Wichtigste herausfiltere.

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„Mich wundert es deshalb nicht, dass viele Rezensionen negativ sind“, sagt Klausnitzer. „Viele Bücher gleichen einem Blog- oder einem Foreneintrag.“ Besonders bei denen raten die Experten zur Vorsicht: Bei vielen werden kaum Lösungswege diskutiert und die eigene Krankheit hinterfragt. Zudem ersetzt weder Forum noch Buch eine*n Therapeut*in. Die Bibliotherapie ist als Ergänzung gedacht.

Am besten zu renommierten Fachverlagen

Aber wo findet man gute Bücher, die einem bei psychischen Krankheiten weiterhelfen können? Klausnitzer und Mühlig kennen keine offiziellen Seiten, die Romane zu psychischen Krankheiten aufgelistet haben. Für Ratgeber empfehlen sie, sich bei den renommierten Psychologie-Fachverlagen umzuschauen. „Diese können neben Betroffenen auch Angehörigen helfen“, sagt Mühlig.

Das Krankheitsbild würde darin gründlich erörtert werden und mache etwa deutlich, dass viele Erkrankte sich nicht vorsätzlich oder mit böser Absicht so verhalten, wie sie es tun. Auch sieht er darin die Chance für Betroffene, zu erfahren, wie sich ihre Mitmenschen fühlen. „Das kann durch eine angeleitete Lesung zusätzlich verstärkt werden.“

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Für Elisa sind die Sachbücher über psychische Erkrankungen meist zu abstrakt. Sie zieht, da sie selbst Literarisches schreibt, die Belletristik vor – „worin die Krankheiten natürlich kaum beim Namen genannt werden“, sagt sie. „Es sind die einzelnen Sätze, die ich bereits als Gedanken in meinem Kopf formuliert habe; die einzelnen Charaktere, die beschrieben werden, in denen ich mich selbst erkenne sowie der Weg, den sie trotz allem gehen – diese Beschreibungen helfen mir, wie das Schreiben selbst.“

Ob sie mit ihren Texten anderen hilft, das weiß Elisa nicht. Die Zuhörer*innen in der kleinen Neuköllner Eckkneipe klatschen nach ihrem Vortrag, wie bei jedem anderen vorgelesen Text. Stühle werden gerückt, ein paar neue Biere bestellt – Fragen zum Text gibt es keine.

Zum Lösungsweg ihres Autors, der in ihrer Geschichte am Ende vom Hochhaus springt, weil er nichts mehr verkauft und keine Ideen mehr hat, sagt Elisa dennoch: „Ihm kommen Ideen, als er springt. Das soll zeigen, dass es immer weitergeht, Ideen immer wieder kommen. Man muss nur abwarten, nicht voreilig handeln und auf keinen Fall aufgeben!“


Hinweis: Elisa Wagner heißt im echten Leben anders. Auf ihre Bitte hin wurde ihr Name von der Redaktion geändert. Die 26-jährige Berlinerin studiert Wirtschaft und hat bei einem kleinen Verlag bereits zwei Kurzgeschichten-Bände veröffentlicht. Vor ein paar Monaten hat sie die Diagnose Borderline erhalten, seit mehreren Jahren ist sie in psychotherapeutischer Behandlung. Psychische Erkrankungen sind schwer festzumachen. Manchmal kann es Jahre bis zur Diagnose dauern. Diese kann sich mit anderen Krankheitsbildern vermischen sowie über die Jahre hinweg verändern.

Die Diagnose erfolgt durch Therapeut*innen und Psychiater*innen – vor Selbstdiagnosen wird dringend gewarnt. Eine erste Anlaufstelle kann die Kassenärztliche Vereinigung in den jeweiligen Bundesländern sein, die Therapeut*innen für Erstgespräche vermittelt. Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 / 0800-1110222 Hilfe.

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