Wenn die Eltern so alt sind wie manche Großeltern

Wie geht es Kindern, deren Mutter und Vater bereits älter als andere Eltern sind? Vier von ihnen erzählen von ihren Sorgen und Freuden.

Und wenn Papa so alt ist wie mancher Kinder Opa, kann er trotzdem mitspielen. © REHvolution.de / photocase.de

Cornelia, 25

Alter der Eltern bei ihrer Geburt: 44 und 48 Jahre

Als ich in der Mittelstufe war, mussten viele Freund*innen am Wochenende zu ihren Großeltern. Da fiel mir zum ersten Mal wirklich auf, dass meine Eltern älter waren als die der anderen. Sie waren ja fast so alt wie die Großeltern meiner Freund*innen. Als Kind war es nie Thema. Obwohl sie älter waren, haben wir im Wald getobt und im Wohnzimmer auf dem Boden gespielt. Da gab es keine körperlichen Einschränkungen.

Doch auch als es mir aufgefallen war, habe ich mich nie für das Alter meiner Eltern geschämt. Ich war eher noch stolz.

Das war was Besonderes – wie Quartett spielen. Nach dem Motto: Mein Vater ist 1944 geboren und noch im Kinderwagen geflüchtet. Ich hab da mehr Punkte!“

Cornelia sieht mehr die Vorteile, dass ihre Eltern alt sind. Foto: privat

Es hatte auch Vorteile, dass sie älter waren: Meine Eltern waren ruhiger, sie hatten viel mehr erlebt. Sie sind mit mir und vielen Sachen entspannter umgegangen. Ich durfte auch mehr als meine älteren Geschwister. Sie hatten schon Grenzen ausgetestet und ausgereizt. Müssen Eltern sich noch groß aufregen, wenn das dritte Kind auch unangekündigt mit bunten Haaren Heim kommt? Nein. Dann wird höchstens drauf geachtet, dass der Ansatz ordentlich nachgefärbt wird.

Eine andere schöne Sache war, dass mein Vater in Rente ging, als ich gerade Abi machte. Wir konnten viel Zeit bewusst miteinander verbringen, was in der Teenager-Zeit nicht so der Fall war. Meine Mutter ging ab und an wieder arbeiten, also habe ich für meinen Vater und mich gekocht und wir saßen lange zusammen beim Mittagessen und haben geredet. Das fand ich total schön und dachte immer, dass nicht jede*r das erlebt. Bei vielen meiner Freund*innen waren die Eltern, vor allem der Papa viel arbeiten.

Dadurch dass meine Eltern ältere Freunde hatten, war ich allerdings schon recht früh mit dem Tod konfrontiert.“

Ich war elf, als die beste Freundin meiner Mutter starb. Als ein paar Jahre später meine Oma starb, war das ein trauriger und langer Prozess. Sie hat in der Nähe gewohnt und wir mussten viel Zeit aufbringen, sie zu pflegen. Das hat damals viel in der Familie aufgewirbelt und es war auch schwierig für mich, mitten in der Pubertät damit klarzukommen. Später, als mein Opa erkrankt ist, haben mein Bruder und ich uns auch oft um ihn gekümmert.

Der Tod ist dadurch mittlerweile ein weniger erschreckendes Thema für mich. Ich habe mich auch mit meinen Eltern darüber unterhalten und weiß, wie sie beerdigt werden möchten, weiß über die Gräber Bescheid. Wir haben uns letztens zusammengesetzt und darüber geredet. Ich weiß, dass sie wahrscheinlich früher gehen als andere Eltern, aber ich schaue gefasst darauf. Ich denke automatisch ab und zu darüber nach. Vielleicht kann ich mich so etwas vorbereiten.

Patrick, 29

Alter der Eltern bei seiner Geburt: 31 und 59 Jahre

Als mein Vater gestorben ist, hat niemand gesagt: „Er war doch so jung“ oder „Er starb in der Blüte seiner Jahre“. Er starb, als er 80 war. Ein gutes Alter. Das Problem war: Ich war gerade mal 21 und mitten im Studium. Sein Tod hat mir das Herz gebrochen und ich musste ein Urlaubssemester nehmen.

Schon als Kind war mir aufgefallen, dass mein Vater alt und auch zerbrechlich ist.“

Patrick. Foto: privat

Ich war zehn, als er wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus musste. Das war ein Schock für alle und auch für mich. Ich habe es mit den Kindern aus der Schule verglichen – da war der Papa der Bär, der die Theaterbühne in der Grundschule mitbaute oder die Kinder in die Luft werfen konnte.

Mein Vater dagegen war schwach – auch als er aus dem Krankenhaus entlassen worden ist, lag er viel im Bett. Er war ganz dünn und sein Gesicht total knöchrig. Ich musste dann immer ganz leise in der Wohnung sein und auch mit ihm vorsichtig umgehen. Kein Gehopse, kein Toben.

Auch Freund*innen habe ich nicht eingeladen, weil ich es nicht wollte. Sie sollten ihn so auf keinen Fall sehen. Ich habe mich geschämt für ihn und für mich, weil ich nicht helfen konnte.

Als er wieder gesund wurde, habe ich mich nicht mehr geschämt. Ich war stolz auf ihn, dass er es geschafft hatte. Aber die Angst blieb.“

Nach dem Herzinfarkt hatte ich immer Angst um meinen Papa. Es gab da so eine Umkehrung, das Kind kümmert sich um das Elternteil. Ich habe ihm alles an die Couch oder ans Bett gebracht. Ich war extra gut in der Schule, damit er sich keine Sorgen machen musste. Als er wieder gesund war, hat er viel mit mir gemacht. Wir sind ins Museum, spazieren, an den Strand, schwimmen. Er war viel gereist, hatte viel gesehen und konnte wunderbar erzählen. Es sind wunderbare Erinnerungen, aber ich kann mich gut daran erinnern, dass ich trotzdem immer vorsichtig war.

Ich war derjenige, der Pause machen wollte – nicht meinetwegen, sondern damit er sich ausruhen konnte.“

Ich habe dann auch in der Jugend nicht so viel rebelliert, ich wollte keinen weiteren Stress machen. Das hat mich bis heute geprägt. Als er starb, war ich nicht nur traurig, weil er nicht mehr da war. Ich hatte auch den Gedanken, dass sich all meine Opfer und all die Vorsicht nicht gelohnt haben. Ich brauchte lange, um über den Tod meines Vaters hinwegzukommen. Meine Mutter war mir da eine große Hilfe. Sie hat gemerkt, dass sie mich in meiner Kindheit und meiner Jugend ein bisschen allein gelassen hatte. Sie hatte mich ja immer wieder ermahnt, bloß vorsichtig und nicht so laut zu sein.

Nach dem Tod von Papa haben wir sehr lange miteinander gesprochen, wie es für sie war – mit einem kranken Mann und einem kleinen Sohn. Es waren harte Gespräche, aber jetzt ist unsere Beziehung viel besser.

Ich bin jetzt 29 und denke natürlich auch über Kinder nach, aber ich will noch keine. Doch ich habe mir eine Grenze gesetzt: Mit allerspätestens 40 will ich Vater werden.

Frauke, 25

Alter der Eltern bei ihrer Geburt: 30 und 50 Jahre

Wenn ich Leuten erzähle, wie alt mein Vater ist, stutzen sie manchmal. Mein Papa ist jetzt 75. Als Kind ist es mir nicht so aufgefallen, dass er recht alt ist. Wir haben auch viel zusammen gemacht – Ausflüge, Toben. Ich hatte eine behütete Kindheit in einem kleinen Dorf. Die ersten Probleme mit dem Alter meines Vaters kamen als ich ein Teenager war. Ich wurde viel strenger erzogen. Mit 13, 14 wollte ich zum Beispiel einen Fernseher im Zimmer haben, wie alle meine Freund*innen. Das hat Papa verboten und dann immer vom Krieg und der Nachkriegszeit erzählt. Man hatte ja auch nichts. Und das hatte er auf mich bezogen.

Da ist mir aufgefallen, dass man unsere Leben gar nicht mehr vergleichen kann.“

Die Zeitspanne ist so groß. Das habe ich damals als riesigen Nachteil empfunden. Jetzt sehe ich das anders. Unser Verhältnis hat sich zum Positiven verändert.

Durch meine älteren Halbbrüder ist er schon Opa und ich freue mich zu sehen, wie er darin aufgeht. Er ist sehr fürsorglich und wenn ich komme, kauft er viel für mich ein und kümmert sich. Das letzte Mal war ich Weihnachten zu Hause und das war schön, aber auch traurig. Ich merke es jetzt mehr, dass er eben alt ist. Es ist immer wieder so eine Erkenntnis: Er ist wirklich schon 75. Sein Alter fällt jetzt auch im Umgang auf. So hat er mich zum Beispiel noch nie in Berlin besucht. Das wäre zu anstrengend für ihn.

Und als ich zwei Jahre in Neuseeland und in Südostasien unterwegs war, habe ich ihm eine Mail geschrieben. Die hatte er nicht geöffnet, weil er dachte, dass das nicht geht – also dass ich ihm vom anderen Ende der Welt einfach so schreiben kann. Er ist total klug und auch nicht ungeschickt mit Technik, aber er hat es nicht verstanden. Weil keine Antwort kam, habe ich mir große Sorgen gemacht und ihn angerufen. Als ich zurück war, meinte er auch, dass es jetzt auch mal reichen würde mit dem Reisen. Gerade ist meine Schwester in Hong Kong und ich merke, dass er darunter leidet. Ich habe mich auch dazu entschlossen, erst einmal nicht mehr so lange und auch nicht mehr so weit wegzugehen.

Stefan, 46
Alter der Eltern bei seiner Geburt: 35 und 48 Jahre

Ich habe eine Oma, die 1882 geboren wurde. Wahnsinn, oder? Recht spät Kinder zu bekommen, ist bei uns eine Art Familientradition. Ich habe mein Kind mit 38 bekommen. Mein Vater hat mich mit 48 bekommen, meine Mutter war 35. Dadurch waren sie immer zehn bis 15 Jahre älter als die Eltern von meinen Freund*innen. Das war immer was Besonderes, vor allem damals.

Stefan ist Pazifist. Foto: privat

Doch als ich 13 wurde, fand ich das eher nervig. Mein Vater ging damals in Frührente und damit waren meine Eltern beide jeden Tag zu Hause. Das fand ich in der Pubertät nicht so prickelnd, weil mir dieser Freiraum fehlte, den meine Freund*innen hatten, weil ihre Eltern gearbeitet haben.

Sonst war das Alter meines Vaters weniger Thema. Er ist recht alt geworden und erst vor acht Jahren gestorben. Man hat ihm sein Alter nicht angemerkt, er war sehr lange fit. Er war mit uns noch im hohen Alter Skifahren. Dieses Gefühl, dass ich nicht mehr alles mit ihm machen konnte, hatte ich erst, als ich 30 war.

Schade ist aber, dass ich durch das Alter von meinen Vater nicht viele Verwandte habe. Also meine Tanten, Onkel, Großeltern sind alle seit 20 Jahren und länger tot. Ich habe nur noch ein paar Cousins, die auf der Welt verstreut sind.

Mir fehlt da eine Generation. Das fällt mir vor allem jetzt auf, wo ich im Osten lebe, wo viele ja mit Anfang 20 Kinder bekommen haben.“

Aber gleichzeitig ist es gut, dass meine Eltern etwas älter waren. Zum einen war ich ein absolutes Wunschkind. Meine Eltern haben sich ganz bewusst für Kinder entschieden. Sie haben vorher als Paar gelebt, sich ausgetobt und auch finanziell war alles in trockenen Tüchern. 20 Jahre früher wäre das nicht so der Fall gewesen.

Außerdem habe ich vor allem durch meinen Vater und meiner Oma ein Wissen mitbekommen, das in vielen Familien verloren ist. Mein Vater war im 2. Weltkrieg als überzeugter Pazifist Sanitäter auf dem Feld. Und er hat dann manchmal Gruselgeschichten von der Front erzählen können. Ich bin auch dadurch ein Pazifist geworden.