Wenn die Nase nur zum Atmen da ist – Ein Leben ohne Geruchssinn

Am Morgen kein frisches Kaffeearoma, im Frühling kein Blumenduft: Jemand ohne Riechvermögen verpasst im Alltag viele Gerüche. Nur Nachteile hat das aber nicht. Ein Porträt über eine junge Frau, deren Nase nicht mehr richtig arbeitet.

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Blütenduft? Keine Ahnung. © kde / photocase.de

Wenn Laura, 36, in Berlin auf die Straße tritt, riecht sie: nichts. Keinen Fettgeruch, der aus den Dönerläden wabert, keinen Regenduft, der im Sommer vom heißen Asphalt strahlt, keinen Hundekot, der in der Hausecke stinkt. Laura leidet seit ihrem zwölften Lebensjahr an Anosmie, dem völligen Fehlen der Geruchswahrnehmung. Heute erinnert sie sich nur noch an fünf Gerüche aus ihrer Kindheit: Pferde, Kaffee, Kakao, die Pilzsuppe von Oma und das Parfum von Mama.

Der Geruchssinn hilft uns dabei, unser Umfeld einzuordnen. Manchen fällt wahrscheinlich gar nicht auf, was die Nase leistet: Mehr als eine Billion verschiedene Düfte kann sie unterscheiden. Wir brauchen den Geruchssinn nicht nur, um Nahrung und potenzielle Gefahren zu identifizieren, sondern können damit auch vergessene Gefühle und Erinnerungen abrufen. Mehr noch: Er beeinflusst unsere Partner*innenwahl und unser Sozialverhalten.

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„Insgesamt fünf Prozent der Bevölkerung sind von Anosmie betroffen“, sagt Professor Thomas Hummel, Leiter des interdisziplinären Zentrums für Riechen und Schmecken in Dresden. „Der Großteil ist altersbedingt, zum Teil auch unfall- oder infektionsbedingt.“ Bei Laura ist es Letzteres.

Vom Schnupfen zur Geruchslosigkeit

Angefangen hat es bei ihr vor 24 Jahren, mit einem Schnupfen. Es war ein schleichender Prozess. Eine paar Nasenspray-Überdosierungen hier, eine Nasennebenhöhlenentzündung da. „Ich bin herumgelaufen wie ein Junkie. Ich hatte ständig angeschwollene Augen und eine verstopfte Nase. Ich war so verrotzt, dass ich jeden Tag fünf bis sieben Taschentuchpackungen verbraucht habe“, erzählt Laura. Woran das lag, wusste anfangs keiner.

In Lauras Nase bildeten sich Polypen, die sie im Krankenhaus wegoperieren ließ. Bis heute musste sie neun Operationen hinter sich bringen, jedes Mal inklusive mehrtägigem Krankenhausaufenthalt und meist unter Vollnarkose. Die Polypen aber wucherten und kamen immer wieder zurück, die Nasennebenhöhlenentzündung ging bis heute nicht ganz weg. „In so einem Fall verlegen Schleimhautwucherungen die Nasengänge komplett. Das bedeutet, dass Duftstoffe, die in der Luft freigelöst sind (Duftmoleküle), nicht mehr an die Rezeptoren der Nasenschleimhaut ankoppeln können“, sagt Dr. Michael Deeg, HNO-Arzt und Sprecher des Deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte.

© eskemar / photocase.de
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Nach drei der neun Eingriffe hatte Laura jeweils ein Woche, in der sie wieder riechen konnte. „Das waren die verwirrendsten Wochen meines Lebens“, sagt sie. In dieser Zeit war es für sie manchmal schwer, die Wohnung zu verlassen. Ihre Nase war von den vielen Gerüchen überfordert. „Das war Reizüberflutung pur, ich war hypersensibel. Ich habe jedes Auto gerochen, jeden Gullideckel. An der Backwarenabteilung im Supermarkt wurde mir schlecht, an der Parfümerie konnte ich nicht mal vorbeigehen.“ Einige Nahrungsmittel schmeckten ihr plötzlich nicht mehr. Zum Beispiel der Kochschinken und das Kinder Pingui, die sie normalerweise so gerne isst.

In diesen wenigen Wochen fiel Laura auf, dass sie ihr ästhetisches Riechempfinden verloren hatte. Sie wusste nicht mehr, was von anderen als gut oder schlecht riechend empfunden wird. Da sie die meisten Gerüche noch nie gerochen hat, weiß sie zum Beispiel nicht, wie schlecht Schweißfüße und Fürze riechen.

Diagnose: ASS-Intoleranz

Erst vor fünf Jahren diagnostizierten Ärzte endlich die Ursache ihrer Anosmie. Laura ist Acetylsalicylsäure (ASS)-intolerant, sie verträgt den Wirkstoff nicht, den wir von vielen Schmerzmitteln wie zum Beispiel Aspirin kennen. Die natürliche Form, die Salicylsäure, kommt auch in Nahrungsmitteln vor, wie in vielen Obst- und Gemüsesorten, Nüssen, Samen und einigen Kräutern und Gewürzen. Das Problem: Laura ist gegen Spuren davon stark allergisch, hohe Dosen sind hingegen die Therapie.

Seither verwendet sie ein Kortison-Nasenspray und nimmt täglich eine Tablette mit 500 Milligramm ASS. Laura sagt, mit dieser Variante kommt sie gut klar. Auch wenn sie die Tabletten bis an ihr Lebensende nehmen muss und durch deren blutverdünnende Wirkung sehr leicht Blutergüsse bekommt. „Die Polypen wachsen dadurch extrem langsam und nur mit den Schnupfensymptomen lebe ich deutlich besser.“ Ihren Geruchssinn wird sie damit nicht mehr zurückkriegen. Die Riechschleimhaut ist von den vielen Operationen zu vernarbt und verwachsen.

© dpa
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Liebe geht durch die Nase

Laura ist seit 11 Jahren Single. Ob das fehlende Riechvermögen ein Grund dafür ist, kann sie nicht sicher sagen. „Ich kann mir schon vorstellen, dass es eine Rolle spielt. Der Spruch ‚Sich gut riechen können‘ kommt schließlich nicht von irgendwo.“ Während einer früheren, acht Jahre langen Beziehung konnte sie nie an ihrem Freund schnuppern. Sie wird daher nie wissen, ob er gut oder schlecht gerochen hat und ob es ihre Beziehung beeinflusst hätte. Dass er stark geraucht hat, störte Laura nicht. Schließlich hat sie es weder gerochen noch beim Küssen geschmeckt. Laura erzählt von der Angst, sich in einen Mann zu verlieben, den sie – sollte ihre Nase doch mal wieder funktionieren – nicht gut riechen kann. Das wäre ein kleiner Albtraum, sagt sie.

Hygiene hat Priorität

Da Laura nicht weiß, wie andere Leute sie wahrnehmen, betreibt sie exzessive Körperhygiene. Sie geht ausnahmslos frisch geduscht aus dem Haus. „Ich kann nicht einfach die Nase unter die Achseln halten und an mir riechen. Bevor ich unter Menschen gehe, muss ich duschen.“ Wegen dieser Unsicherheit ist sie vorsichtig. Lieber einmal mehr duschen, als unangenehme Blicke ernten oder auf ihren Körpergeruch angesprochen werden.

Klamotten kommen nach einmaligem Tragen gleich in die Waschmaschine. „Bei mir gibt es keinen Stuhl, auf dem schon Getragenes für später hängt.“ Denn Laura weiß nicht, wo ihre Klamotten oder Haare einen unangenehmen Geruch angenommen haben könnten, wo es verraucht oder schmutzig war. Deo und Parfum verwendet sie kaum, da sie die Gerüche nicht kennt. Nur, wenn Vertrauenspersonen – meist ihre Schwester und ihre besten Freundin – meinen, der Duft würde zu ihr passen. Doch auch dann verstauben die Düfte meist im Badezimmerschrank. „Lieber rieche ich nach gar nichts, als falsch“, sagt Laura.

© Giphy
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Schmecken vs. Riechen

Anosmie ist eine unsichtbare Erkrankung. Leute in Lauras Umfeld vergessen schnell, dass ihre Nase nicht funktioniert. Das gilt für Bekannte und Freund*innen wie für Familienmitglieder. Sie alle hielten ihr schon etwas unter die Nase und fragten nach ihrer Meinung. „Riech mal!“ ist ein Satz, auf den sie allerdings nur mit Schulterzucken reagieren kann. Das stört sie nicht.

Auch nicht, wenn Leute um sie herum von guten Düften schwärmen. Denn Laura kann sich keine Gerüche herbeidenken. Zum Beispiel, wenn jemand frische Brötchen vom Bäcker holt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Brot so gut riechen kann. Ich würde es eher mit einem säuerlichen Geruch verbinden, auf jeden Fall unspektakulär.“

Tatsächlich erfüllt das Riechvermögen eine wichtige Sicherheitsfunktion, denn es gibt uns Alarm- und Warnhinweise. Laut Deeg sei die Fähigkeit, riechen zu können, aber vor allem eine Frage der Lebensqualität: „Viele Betroffene leiden unter dem subjektiven Eindruck, dass jede Mahlzeit im Grunde gleich schmeckt.“ Die Sinneszellen auf der Zunge registrieren nur die fünf unterschiedlichen Geschmacksrichtungen – süß, sauer, salzig, bitter, umami –, der Rest des Geschmacks wird durch Aromen über die Nase aufgenommen. „Obwohl Schmecken und Riechen zwei vollkommen getrennte Nervenstränge sind, die physiologisch nichts miteinander zu tun haben, verschmelzen sie im täglichen Leben zu einer Sinneswahrnehmung. Anosmie-Betroffene fühlen sich dadurch teilweise erheblich eingeschränkt“, sagt Deeg.

Hummel bestätigt das: „Nur der Feingeschmack wird durch das Riechen vermittelt. Betroffene schmecken beim Verzehr von Nahrung daher weniger intensiv. Manche reagieren damit mit (manchmal krankhafter) Gewichtsabnahme, da sie Essen nicht mehr mit so viel Genuss verbinden, sondern es reine Notwendigkeit wird.“

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Auf Laura trifft das nicht zu. Sie bezeichnet sich als Genussmensch, der viel durcheinander isst. „Ich kann ein Stück Schokolade essen, dann ein Glas Apfelsaft trinken und danach einen Döner verdrücken. Dadurch, dass bei mir die Geruchskomponente wegfällt, kann ich quasi wahllos kombinieren.“ Deswegen neigt Laura dazu, erst mit dem Essen aufzuhören, wenn ihr übel ist. Sie hat keine Fressbremse, wie sie sagt.

Wenn sie selbst kocht, muss es zwar nicht extravagant, aber dafür geschmacksintensiv sein. Herzhaftes bekommt eine kleine Überdosis Salz und Pfeffer, Süßes mehr Zucker oder Honig. Auf Gewürze wie Rosmarin, Estragon, Thymian und Co. verzichtet sie weitestgehend. Außer, wenn sie für Freund*innen kocht. „Die sollen schließlich nicht unter meiner Einschränkung leiden.“

Aber für Laura ist ihre Anosmie kein intimes Thema, kein wunder Punkt. Ihr Umfeld weiß Bescheid, schließlich ist sie ab und zu auf dessen Hilfe angewiesen. Im Büro möchte sie von ihren Kolleg*innen wissen, ob die Milch schon abgelaufen ist, bevor sie sie in den Kaffee schüttet. Im Supermarkt bittet sie bei der Auswahl eines guten Waschmittels andere um Hilfe. In Räumen mit Gasherden oder -heizungen fühlt sie sich ohne eine zweite Nase unsicher.

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In anderen Situationen wurde Laura dafür vorgeschickt. Zum Beispiel als es darum ging, den Familienhund zu waschen, der sich oft und gerne in fremdem Hundekot gesuhlt hatte. Oder bei der Entsorgung der verschimmelten Eier aus dem kaputten Kühlschrank. Während den anderen noch einige Meter entfernt schlecht wurde, saß Laura unmittelbar davor und inspizierte sie neugierig. Seitdem weiß sie, dass Eier auch von außen schimmeln können.

Prophylaxe ist wichtig

„Das Nachlassen des Riechvermögens kann ein Hinweis auf neurodegenerative Erkrankungen sein, wie zum Beispiel Demenz und Morbus Parkinson. Wenn Menschen mittleren Alters ein schwächer werdendes Riechvermögen merken, kann das Vorbote einer solchen Erkrankung sein“, sagt Deeg. Es gilt also, sich gegebenenfalls so schnell wie möglich untersuchen zu lassen. Ein eingeschränktes Riechvermögen ist keine Banalität. Ob eine Heilung möglich ist, hängt allerdings von der Ursache ab. Ist das Riechvermögen ganz oder nur teilweise verschwunden, sind es frische Symptome oder recht akut, ist die Ursache eine Infektion oder ein Unfall? Gibt es ein Restfunktion, kann das Riechvermögen beispielsweise durch ein Riechtraining verbessert werden.

© Pixabay/CC0
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Erinnerungen und Phantomgerüche

An Gerüche aus ihrer Kindheit erinnert sich Laura gerne. Da kann es schon mal passieren, dass sie sich ihr Riechvermögen zurücksehnt. „Ich weiß noch, dass Kaffee total gut riecht. Den würde ich gerne mal wieder riechen“, sagt sie. Umgekehrt spielt ihr Gehirn manchmal auch Streiche. Nämlich dann, wenn es in den unmöglichsten Situationen mit Phantomgerüchen überrascht. Zum Beispiel wenn Laura mitten in der Bahn der Geruch einer Pferdemähne in die Nase fliegt, oder bei der Arbeit das Aroma von Omas Pilzsuppe im Raum liegt. Das alles sind Erinnerungen. Erinnerung, die auch mit ein wenig Wehmut verbunden sind. „Diese Momente sind wunderschön für mich“, sagt sie.

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Natürlich gibt es diese Momente, in denen sie ihre funktionierende Nase vermisst. Aber genau so häufig gibt es Momente, in denen sie froh darüber ist, wenn ihr schlechte Gerüche erspart bleiben. Die Frage, ob sie denn gerne wieder riechen könnte, verneint Laura. „Weil es zu lange weg ist. Ich könnte ja nicht mal mehr unterscheiden, was gut und was schlecht riecht.“

Die letzte Operation war im Februar 2013, seither lebt sie weitestgehend beschwerdefrei. Ihre Anosmie ist offiziell als 20-prozentige Behinderung anerkannt. Mittlerweile beeinträchtigt sie ihre Geruchslosigkeit nicht mehr. „Ich habe ein glückliches Leben, eine tolle Familie und Freunde, und dafür bin ich sehr dankbar“, sagt sie.

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