Wenn du bis 2044 durchhältst, kannst du deinen Liebeskummer abstellen

Die Singularität ist die Epoche künstlicher Ultraintelligenz, erschaffen von Maschinen-Menschen. Klingt groß – aber wie kommen wir dahin? In dieser Artikel-Serie gehen wir auf Zeitreise Richtung Zukunft. Dieses Mal: Was geht bei den Genen? Sind wir bald alle superschlau und superstark und können unseren Trennungsschmerz ausknipsen wie eine Lampe?

© Mathias Whelan/Alex Jäger (Fotograf), Denise Albrecht (Visagistin), Ann-Kathrin Vocke (Model)

Glühende Katzen, Mini-Schweine und Supermäuse: Genetik macht's möglich. © Mathias Whelan/Alex Jäger (Fotograf), Denise Albrecht (Visagistin), Ann-Kathrin Vocke (Model)

Im Jahr 2044 hat Lara eine Katze, die im Dunkeln leuchtet. Minka heißt sie, und sie ist weniger sensationell als es klingt – zumindest für Lara. Dabei ist Minka eigentlich „Minka die Zweite“, denn ihr erstes Leben hat sie ausgehaucht, als Lara gerade die Party für ihren dreiundzwanzigsten Geburtstag plante.

Gefeiert hat Lara trotzdem, denn es gab ja keinen Grund zur Trauer: Minkas DNA war schon seit Jahren hinterlegt – bei einer Firma, spezialisiert auf das Klonen von Haustieren. Das Kätzchen, das Lara schließlich erhielt, hatte blaue Augen und weißes Fell. Lara hatte die Firma gebeten, ein paar Änderungen vorzunehmen: Minka die Erste hatte braune Augen und graues Fell – ein bisschen Abwechslung muss sein.

Lara selbst ist nicht pelzig, hat weder Schwanz noch Schnurrhaare und mag keinen Thunfisch. Trotzdem hat sie mehr mit Minka gemein, als der erste Blick sieht. Auch Laras DNA wurde verändert: Sie hat keinerlei Veranlagungen für Krankheiten, eine schnellere Auffassungsgabe, bessere Orientierung und baut leicht Muskeln auf. Dass sie so viel essen kann, wie sie will, ohne dabei zuzunehmen, fällt ihr nicht einmal auf – genauso wie die Tatsache, dass sie dank ihrer Gene sehr langsam altert.

Als Kind hatte Lara einen schweren Unfall: Sie fiel beim Spielen vom Baum, brach sich Halswirbel und Beine, hatte eine Gehirnerschütterung, außerdem Risse in Leber und Milz. Monatelang im Krankenhaus? Schwerbehindert? Bestimmt nicht: Nach vier Wochen sprang Lara wieder Trampolin. So lange dauerte es, bis ihre Knochen geheilt waren. Und ihre Wunden, vom Einsetzen der neuen Organe.

Wenn Lara heute wissen will, wie es um ihre Gesundheit steht, geht sie einfach ins Badezimmer, haucht gegen den Spiegel und benutzt die Toilette. Die Sensoren, die überall sitzen, prüfen dann, ob alles in Ordnung ist. Und wenn sie etwas bemerken, geben sie Alarm.

Mensch 2.0

Laras Leben ist fiktiv, basierend auf den Theorien von Ray Kurzweil, dem bekanntesten Fürsprecher der Singularität. Manches, das erwähnt wird, gibt es heute schon; beispielsweise genetisch veränderte Katzen, die im Dunkeln leuchten – aber dazu später mehr.

Wie im ersten Teil dieser Artikelreihe erwähnt, ist Singularität der Zeitpunkt in der Zukunft, wenn Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein entsteht, die alle Grenzen sprengt: Geschaffen von Maschinen-Menschen, die sich rasant selbst verbessern.

Kurzweil und anderen „Singularitariern“ zufolge, müssen auf dem Weg zur Singularität drei Hürden übersprungen werden: Genetik, Nanotechnologie und Robotik. In diesem Teil der Serie ist Singularität zwar noch weit entfernt. Aber wir nehmen die erste Hürde – den Forschungsstand in der Gentechnik.

Schon heute machen Menschen andere Lebewesen stärker, schlauer, gesünder, oder berauben sie ihrer Erinnerungen. Krankheiten werden weggesprayt oder mit einer Genschere aus den Zellen geschnippelt, Zähne wachsen dank Schallwellen nach und gedruckte oder gezüchtete Körperteile nehmen ihre Arbeit auf. Und während Hasen, Affen und Katzen im Dunkeln glühen, grasen Klon-Kühe friedlich muhend vor sich hin. Willkommen in der Gegenwart.

Organe zum Mitnehmen

Gentherapie beruht auf einem alten Prinzip: Ob Brille, Krückstock, Knüppel oder Helm – dass Menschen sich mit Werkzeugen aufrüsten, hat Tradition. Heute nutzen Forscher ihr Werkzeug, um Körperteile aus Stammzellen wachsen zu lassen. Bisher entstanden so Haut, Nasen und Ohren, Knochen, Blut und Gefäße, Herzklappen und Luftröhren, die Blase und sogar Gewebe der Bauchspeichel- und Hirnanhangdrüse, die Hormone produzierten. Und gedruckt wird ebenfalls: Prothesen für Beine oder ein neuer Kiefer, Exoskelette und Haut – um nur einige Beispiele zu nennen.

Mittels Schallwellen ließ man außerdem die Zähne von Hasen nachwachsen: In den USA und Kanada ist das Verfahren mittlerweile für Menschen zugelassen. Jetzt wird an einer kleineren Version geforscht, die in Zahnspangen passt.

Kompliziertere Organe wie Herz, Leber und Niere gibt es bisher allerdings nur in Mäusegröße – eine Behandlung wie Lara sie als Kind erhielt, ist also noch nicht möglich. Aber: Es gab auch mal eine Zeit, da waren Autotelefone modern.

Hoffnung für Haarlose

Stammzellen sind Verwandlungskünstler: Herz, Haut, Nieren – aus diesen Zellen kann so gut wie alles wachsen. Die Forschung mit menschlichen Stammzellen war früher umstritten, weil man dafür embryonale Zellen benötigte – also Zellen, die einem vier bis fünf Tage alten Embryo entnommen werden. Mittlerweile wurde aber ein Weg gefunden, um normale Körperzellen in Stammzellen umzuwandeln: IPS, kurz für Induzierte Pluripotente Stammzellen.

Mit dieser Methode wurden beispielsweise Hautzellen einer Maus in Stammzellen umgewandelt – und daraus dann lebensfähige Mäuse erschaffen. Auch bei Narben, beispielsweise durch Verbrennungen, kann Stammzellen-Therapie helfen, ebenso wie als Mittel gegen Haarausfall: Aus Stammzellen von Mäusen schufen Forscher neue Haut und setzten sie Nacktmäusen ein. Nach zwei Wochen wuchsen den sonst kahlen Tieren an diesen Stellen Haare.

Schlaue Chips und Ballast

Gene sind wie alle anderen Probleme: Man sollte wissen, wo sie liegen und wie mit ihnen umzugehen ist. In der Bioinformatik arbeiten Forscher an Methoden, um die Gene tausender Organismen automatisch zu scannen und zu analysieren. Die Diagnose per DNA-Chip ist bereits möglich: Er entdeckt bestimmte Gen-Sequenzen und auch Krebszellen anhand von nur einem Teelöffel Blut. Die Position von geschädigter DNA anschließend exakt bestimmen zu können, würde Behandlungen revolutionieren.

Wie sehr es schon beim Entdecken von Gensequenzen ums Eingemachte geht, zeigt die Krebstherapie: Etwa 50 Prozent aller Krebsarten kommen mit Gepäck – einer Mutation des Gens TP53. Weiterentwickelte Sensoren könnten diese Mutation entdecken, lange bevor der Krebs sich durch Symptome bemerkbar macht.

Mit dieser Technologie würden selbst besonders aggressive Krebsarten heilbar werden. Bauchspeicheldrüsen-Krebs tötet beispielsweise nach der Diagnose meist schnell, ist aber zuvor schon jahrelang im Körper. Das Problem heute: Wenn Krebs entdeckt wird, ist es oft zu spät – Tumore sind zu groß, zu zahlreich und lassen sich nicht mehr eindämmen.

Erbkrankheiten wegsprayen

Um Krankheiten nach ihrer Entdeckung zu bekämpfen, kommt ein weiterer Gentechnik-Joker ins Spiel: Gene lassen sich nämlich hinzufügen, reparieren oder ersetzen. Die Lungenkrankheit Pulmonale Hypertonie tötet ab dem Zeitpunkt der Diagnose binnen eines Jahres – dabei fehlt den Erkrankten nur ein einziges Gen. Um dieses Gen direkt an die Lungenzellen zu liefern, wurde ein Virus zum Boten gemacht: Erkrankte Schweine bekamen es per Nasenspray, das Gen gelangte in die Lungenzellen und der Zustand der Tiere verbesserte sich.

Auch Krankheiten wie Chorea Huntington, Sichelzellenanämie und die Bluterkrankheit haben eindeutige genetische Ursachen – hier könnte man Gentechnik einsetzen wie eine Schere, und so die Fehler wegschnippeln. Genau so funktioniert die Methode Crispr: Sie ist eine Genschere; und was für eine – billig, zuverlässig, auf beliebige Ziele einstellbar. In den USA wurde gerade eine Champignon-Sorte für Supermärkte zugelassen, die mit Crispr bearbeitet wurde. Sie wird nicht so schnell braun und anders als bisher, ist die genetische Veränderung nicht einmal nachweisbar.

Knusper, Knusper, Crispr

Bei Champignons bleibt es natürlich nicht: In China wurden mit Crispr Mini-Schweine erschaffen, die als Haustiere verkauft werden sollen. Und ein Genetiker in Harvard will mit damit einen Mammut-Elefanten auf die Welt bringen. Auf den erstmaligen Einsatz am Menschen bereitet sich unterdessen die Universität von Pennsylvania vor: Weiße Blutkörperchen sollen mit Crispr so verändert werden, dass sie Krebszellen besser erkennen und abtöten. Für 18 Patienten, die teilnehmen könnten, wäre es die letzte Chance auf eine erfolgreiche Behandlung.

Auch Aids-Kranken könnte die Genschere helfen: Forschern ist es gelungen, die Krankheit mit Crispr aus befallenen Zellen herauszuschnippeln. Und zur Vorbeugung einer HIV-Infektion helfen übrigens nicht mehr nur Kondome: Der Prototyp eines Vaginalrings mit virenhemmenden Arzneien wurde bereits erfolgreich an Menschen getestet und verhinderte Infektionen nachweislich.

Mit Gen-Diät zur Traumfigur

Nicht nur Krankheiten, auch dem Diäten-Markt rückt Gentechnik auf die Pelle: Man hat eine Art Lichtschalter gefunden – für Gene, von denen abzuhängen scheint, wie der Körper Kalorien als Fett speichert. Bei schlanken Mäusen war er an, bei übergewichtigen aus. Als die Forscher das anschließend bei Menschen überprüften, fanden sie dieselben Zusammenhänge.

Während dieser Schalter das Ende des „In-14-Tagen-zur-Traumfigur“-Nonsens sein könnte, bedroht ein anderer die Industrie der Psychotherapie: Schalteten die Forscher ihn aus, vergaßen Mäuse, was sie zuvor erlebt und gelernt hatten. Eine Weiterentwicklung könnte ermöglichen, unangenehme Erinnerungen einfach auszuknipsen. Ciao, Trennungsschmerz und Verlustgefühle: War was?

Menschen selbstgemacht

Eine weitere Möglichkeit, Krankheiten auszumerzen, ist Embryonenselektion – damit bestimmte Gene gar nicht erst weitergegeben werden. Die Selektion ist „Baby machen“ mal anders: Schon heute kann man befruchtete Eizellen auf Veranlagung für bestimmte Krankheiten prüfen lassen. Ein gesunder Embryo, den das Paar auswählt, wird der Mutter schließlich eingepflanzt.

Und es bleibt nicht beim Auswählen zwischen feststehenden Alternativen – ein weiterer Kracher kam vor wenigen Tagen: Das „Genome Project-Write“. Es geht zurück auf eine Konferenz zwischen 130 Wissenschaftlern, Unternehmern und Politikern in der Harvard Universität, deren Inhalt geheim gehalten wurde. Doch inzwischen ist er öffentlich: Man wird daran arbeiten, die Herstellung von künstlicher DNA billiger zu machen.

Was erst mal nicht sonderlich spektakulär klingt. Bis man weiß, was damit langfristig erreicht werden soll: Das eigentliche Ziel ist, die Eigenschaften menschlicher Zellen zu verändern – beispielsweise, sie immun gegen Viren machen. Diese Zellen sollen dann zur Herstellung besserer Medikamente benutzt werden.

Mighty Mouse und Methusalem

In Tierversuchen gehen Forscher noch weiter: Sie testen, welche Veränderungen entstehen, wenn sie die Gene von Lebewesen verändern: Mäuse, denen das „Smart Mouse“-Gen eingesetzt wurde, hatten ein besseres Gedächtnis und eine schnellere Auffassung als die Vergleichsgruppe. Das „Mighty Mouse“-Gen erhöhte die Muskelmasse. Und eine Art Methusalem-Protein, das kürzlich entdeckt wurde, verlangsamt bei Mäusen das Altern.

Noch mehr Mäuse gefällig? Präriewühlmäuse sind eigentlich monogam, Labormäuse polygam – aber in Versuchen wurde von der einen Tierart zur anderen ein Gen übertragen, so dass sich Labormäuse ebenfalls monogam verhielten. Ob und wann das Verfahren an Menschen getestet wird, ist nicht bekannt.

Meister Lampe angeknipst

Und was ist mit den leuchtenden Katzen? Nun, manche Quallen-Arten leuchten im Dunkeln. Verantwortlich dafür ist exakt ein einziges Protein. Und genau dieses Protein wurde bereits auf Haustiere übertragen. Inzwischen gibt es unter anderem Katzen, Hunde und Hasen, die im Dunkeln leuchten. Da bekommt der Name „Meister Lampe“ einen ganz neuen Klang. Und wer seinen leuchtenden Hasen glühend liebt, kann ihn sogar klonen lassen: In China öffnet bald das größte Klon-Center der Welt, für Rinder, Rennpferde und Haustiere. In den USA bieten private Firmen das Haustier-Klonen an, und auf Farmen leben geklonte Rinder in der ersten, zweiten und dritten Generation – Klone von Klonen von Klonen. Muh.


Fortsetzung folgt

Das also geht bei den Genen. Nicht schlecht. Der dritte Teil erklimmt die nächste Hürde: Mit Nanotechnologie und Computern, die den Körper aufrüsten. Spoiler Alert: Ja, es gibt schon heute Maschinen zum Schlucken. Und Nanopartikel, die Krebszellen explodieren lassen. Und Winzbatterien, die aus dem Blut, in dem sie dümpeln, Energie machen. Hisst die Flaggen: Vampir-Bots ahoi!