Wenn du bis 2044 durchhältst, kannst du für immer 20 sein

Willkommen im Jahr 2044, in der Welt der herzlosen Körper. Bummbumm in der Brust war gestern: Nanobots ersetzen Organe, bekämpfen Krankheiten und stoppen das Altern. Klingt nach Zukunftsmusik? Wir sind auf dem besten Weg dorthin.

© Mathias Whelan/Alex Jäger (Fotograf), Denise Albrecht (Visagistin), Ann-Kathrin Vocke (Model)

Statt Organe werden wir Milliarden Nanobots in unseren Körpern tragen. © Mathias Whelan/Alex Jäger (Fotograf), Denise Albrecht (Visagistin), Ann-Kathrin Vocke (Model)

Keine Leber, keine Nieren, kein Magen, kein Herz. Seit Lara zwanzig ist, kommt sie ohne Organe aus: Nur Gehirn und Sexualorgane, Haut, Mund und Speiseröhre hat sie behalten. Ansonsten erledigen in Laras Körper Billionen von Nanobots, was vorher Aufgabe der übrigen Organe war.

Die Bots sorgen dafür, dass Laras Blut fließt und halten es sauber. Sie ziehen Sauerstoff aus der Luft und transportieren ihn zu den Zellen. Sie liefern alle Hormone, die Laras Körper braucht und verwerten die Nahrung, die sie zu sich nimmt. Wenn Lara atmet, dann nur, weil sie Lust hat. Und wenn sie ein klopfendes Geräusch aus ihrem Inneren hören will, dreht sie eben den Bass auf.

Mit fünfundzwanzig merkte Lara, dass dieses Alter ihr besser gefiel als jedes andere, das sie bisher gehabt hatte. Seitdem halten die Bots Laras Zellen jung – sie altert nun gar nicht mehr. Irgendwann will sie mal dreißig sein, das hat sie sich vorgenommen. Aber vorerst ist sie zufrieden. Warum sollte sie etwas ändern?

Die Zukunft nach Kurzweil

Die Erzählung ist fiktiv, basierend auf den Theorien von Ray Kurzweil, dem bekanntesten Verfechter der Singularität. Manches, das erwähnt wird, gibt es heute schon; beispielsweise Nanopartikel, die im menschlichen Körper Krebs bekämpfen.

Wie im ersten Teil dieser Serie erwähnt, ist Singularität der Zeitpunkt in der Zukunft, wenn Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein entsteht, die alle Grenzen sprengt. Jene Epoche, in der Mensch und Technik zu Maschinen-Menschen verschmolzen sind, die sich rasant selbst verbessern.

Kurzweil und anderen „Singularitariern“ zufolge, müssen auf dem Weg zur Singularität drei Hürden übersprungen werden: Gentechnik, Nanotechnologie und Robotik. Hier, im dritten Teil der Serie, ist Singularität zwar noch nicht erreicht. Aber wir nehmen Anlauf auf die zweite Hürde: Technik verschmilzt mit dem Körper, die Nanotechnologie beginnt ihren Siegeszug.

Maschinen werden geschluckt, injiziert oder als Creme aufgetragen. Nanopartikel sprengen Krebszellen und Winzbatterien machen Strom aus Blut. Willkommen in der Gegenwart.

NEMS nicht so schwer

Nanobots im Blut? Das wird ja wohl nicht passieren. Um der Erzählung von Laras Alltag wahrzumachen, bräuchte man immerhin Computer in Bakterien-Größe. 
Wie praktisch, dass es die bereits gibt.

Schon die heutigen MEMS (wohlklingende Abkürzung für mikroelektromechanische Systeme) sind mit bloßem Auge nicht zu sehen. Sie bestehen aus Sensoren und einem Chip – und sind so klein, dass sie auf eine Nadelspitze passen. Eingesetzt werden die MEMS nicht nur in der Forschung: Sie sind unter anderem in Autos, Kameras und Druckern. Auch DNA-Chips, die Krebszellen und bestimmte Gene entdecken, sind MEMS.

MEMS wirken sogar im Vergleich zu einer Milbe winzig. Geht es denn überhaupt noch kleiner? Aber ja: mit NEMS (nanoelektromechanische Systeme – Fachleute lieben Abkürzungen). NEMS sind tatsächlich noch kleiner als MEMS: In einen Wassertropfen passen etwa 40 Milliarden von diesen Maschinen.

Nano-Gitarren und -Autorennen

Bisher konkurrieren vor allem zwei Ansätze miteinander, NEMS herzustellen: Entweder, man schafft es, dass sie sich von allein zusammensetzen. Oder man baut sie aus einzelnen Atomen zusammen, mit einem Mikroskop. Damit lassen sich Atome per Computermaus bewegen, wie beim Verschieben einer Datei auf dem Desktop.

Inzwischen wurde so beispielsweise eine winzige Gitarre gebaut – klein wie ein Blutkörperchen, mit sechs Seiten. Die ließ sich auch spielen, aber hören konnte das menschliche Ohr sie genauso wenig wie Zellteilungen in einer Zimmerpflanze.

Und dann findet diesen Oktober noch das weltweit erste NanoCar Race statt: Sechs molekülgroße „Fahrzeuge“, ebenfalls aus einzelnen Atomen gebaut, treten auf einer Rennstrecke gegeneinander an. Diese Strecke ist auf weniger als minus 200 Grad gekühlt, hat zwei Kurven und ist 100 Nanometer lang – die Piloten brauchen also ein hochauflösendes Mikroskop, sonst steuern sie blind. Wer Lust hat, kann das Rennen am 14. und 15. Oktober live im Internet sehen – es wird etwa 38 Stunden dauern.

Nano-Cocktail gegen Krebs

Damit Nanoteile sich selbst zusammensetzen, werden sie geschüttelt, nicht geschraubt: Mischt man Chemikalien unter bestimmten Bedingungen, setzen NEMS sich selbst zusammen. Was klingt wie Luxus, ist entscheidend: Um beispielsweise einen Computer mit Nanotechnologie zu bauen, bräuchte man Billionen von Nanoröhren. Und um die Freiwilligen zusammenzutrommeln, die sie einzeln aus Atomen zusammenzusetzen, müsste man wiederum reichlich Fußgängerzonen abklappern.

Obwohl der PC mit Nanotechnologie noch auf seine Erfinder wartet, boomt das Gebiet gewaltig. Die Partikel werden unter anderem gegen Krebs eingesetzt: Sie sprengen Krebszellen, indem sie in ihrem Inneren explodieren, injizieren Gift oder vibrieren, bis die Zellwände reißen. Studien mit Menschen laufen derzeit erfolgsversprechend – der Krebs von Leukämie-Patienten ging zurück, bei einem Patienten verschwand er sogar völlig.

Und auch als Creme werden die Partikel genutzt: Ein Test an Menschen verlief ohne Nebenwirkungen. Die Mission der Zukunft ist, die Partikel so zu gestalten, dass sie fehlende Gene liefern, oder schadhafte Gene unterdrücken – beispielsweise als Mittel gegen Hautkrebs oder Neurodermitis.

Vampir-Bots, Bier-Bots, Bah-Bots

Während die Partikel nach Programm ablaufen, sind Nanobots wie ferngesteuerte Drohnen im Körper. Weil die Bots bisher keinen Motor haben, wurde mit Bakterienschwänzen gearbeitet, die einen Chip wie ein Propeller antreiben. Brumm, brumm: Lenken konnte man den Winzchip natürlich auch – per Magnet.

Bakterienschwänze sind aber keine Dauerlösung: Nano-Batterien sollen sie ersetzen. Im Rennen sind winzige Brennstoffzellen, die ihre Energie aus der Zucker-Sauerstoff-Reaktion im Blut gewinnen (Vampir-Bots), oder aus fast jeder Form trinkbaren Alkohols (Bier-Bots), oder durch Bakterien, die im Inneren des Motors Zucker in Energie umwandeln (Bah-Bots). Den Rekord für den kleinsten Motor hält übrigens Mainz: Er ist so groß wie ein einziges Atom.

So viel Blut

Und künstliches Blut? Solches, das Sauerstoff transportieren kann – und somit wahlweise Leben rettet oder die Leistungsfähigkeit steigert – wird in den USA und Europa auf Zulassung geprüft. In Südafrika ist es seit 2001 für Menschen freigegeben.

Auch Nano-Blut ist in Arbeit: Partikel, die rote Blutkörperchen vollends ersetzen, enthalten alle Enzyme des Originals – und sind dabei nur einen Bruchteil so groß. Ein paar Ratten hatten bereits das Vergnügen: Sie bekamen jede Menge Nano-Blut in die Adern: ein Drittel ihres gesamten Blutvolumens. Die Behandlung hatte keinerlei schädliche Wirkung. Wenn das mal kein Anfang ist.


Fortsetzung folgt

Das war’s von den Nanobots. Oder? Naja, nicht ganz: Im nächsten Teil kommen sie wieder – und machen die Welt um ein paar Realitäten reicher. Spoiler Alert: Kontaktlinsen, die wie Bildschirme funktionieren, mit dem Gehirn verbundene Silikonchips im Auge und in den Schädel implantierte Antennen bringen neue Sicht. Gegenstände per Gedanken zu steuern, bringt neue Macht. Und eine Unterhaltung zwischen zwei Gehirnen, die über das Internet miteinander verbunden sind – ist einfach nur cool.