Wenn du bis 2044 durchhältst, kannst du mit einem Roboter zusammen sein

Roboter sind längst Teil unseres Alltags. In naher Zukunft werden die Maschinen in viele weitere Teile unseres Alltags Einzug halten. Wie wird unser Leben dann aussehen?

© Universal Pictures Germany GmbH

Mit einem Roboter wie aus dem Film "Ex Machina" zusammen sein? 2044 kein Problem mehr. © Universal Pictures Germany GmbH

Roboter sind aus Laras Leben nicht mehr wegzudenken. Die Maschinen arbeiten in Fabriken, sie kochen und putzen; sie retten Leben und kehren die Straßen. Roboter bauen andere Roboter, dichten und musizieren, schreiben Artikel und Romane. Manche Menschen haben einen Roboter als Lebenspartner.

Roboter erledigen fast alles. Nur Gebiete, die gewisses Vertrauen voraussetzen, sind noch Menschen vorbehalten: beispielsweise Regierung und Unternehmensführung. Diese Posten sind rar, aber hinderlich ist das für die Menschen nicht: Wer eine Aufgabe sucht, findet auch eine.

Wie die meisten ihrer Freunde, hat Lara einen Job. Weil unter anderem die Maschinensteuer das bedingungslose Grundeinkommen zahlt, müsste sie nicht arbeiten; aber es macht ihr Spaß, hier verwirklicht sie sich selbst: Mit vielen anderen Menschen von überall auf der Welt baut Lara Orte in der virtuellen Realität. Büros sind in der physischen Realität rar, und werden nur noch für die wichtigsten Treffen genutzt.

Per Gedankensteuerung aktiviert Lara die Bots in ihrem Nervensystem und steht im nächsten Moment mitten im virtuellen Konferenzraum – oder in einer halbfertigen Berglandschaft, umgeben von tropischen Wäldern mit flackernden Blättern und Riesenschmetterlingen.

Laras beste Freundin Julia arbeitet in einem anderen Bereich: Sie steuert Roboter, wenn Arbeit ansteht, der die Software noch nicht gewachsen ist, oder wenn Abläufe und Ergebnisse sicherheitshalber kontrolliert werden. Julia beaufsichtigt komplizierte Reparaturen und steuert die Roboter, beispielsweise beim Rettungseinsatz in der Nähe eines ausbrechenden Vulkans. Wenn sie eine der Maschinen lenkt, ist es für Julia, als wäre sie in einem anderen Körper, mit sämtlichen Kräften und Sinnen vor Ort.

Die Zukunft nach Kurzweil

Die Erzählung ist fiktiv, basierend auf den Theorien von Ray Kurzweil, dem bekanntesten Verfechter der Singularität. Manches, das erwähnt wird, gibt es heute schon; beispielsweise Künstliche Intelligenz, die Romane oder Musikstücke schreibt.

Wie im ersten Teil erwähnt, ist Singularität der Zeitpunkt in der Zukunft, wenn Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein entsteht, die alle Grenzen sprengt: Jene Epoche, in der Mensch und Technik zu Maschinen-Menschen verschmolzen sind, die sich rasant selbst verbessern.

Kurzweil und anderen „Singularitariern“ zufolge, müssen auf dem Weg zur Singularität drei Hürden übersprungen werden: Gentechnik, Nanotechnologie für die Gesundheit und als Verbindung zwischen Körper und Internet sowie die Robotik. Hier, im fünfte Teil der Serie, ist die Singularität fast erreicht. Genetik und Nanotechnologie sind gemeistert, und wir kommen zur Robotik, in der die Künstliche Intelligenz sich immer schneller entwickelt.

Roboter ersetzen Menschen in Fabriken, im Klassenraum, in Kanzleien, Praxen und im Atelier. Sie kellnern, kochen, schreiben Drehbücher und sagen voraus, wer ein Verbrechen begehen wird. Willkommen in der Gegenwart.

Arbeit, Arbeit

Technik soll den Menschen nicht nur aufrüsten, sondern ihm auch die Arbeit abnehmen. Denkende, lernende Programme sollen physische und virtuelle Gegenstände klug machen. Aber ist das überhaupt möglich? Und kann Künstliche Intelligenz (KI) so stark werden, dass Maschinen den Menschen ersetzen, oder ihn sogar übertrumpfen? Die Antwort lautet: Ja. Woher man das weiß? Sie tun es bereits.

Beginnen wir harmlos, beginnen wir mit ASIMO. ASIMO ist ein süßer Roboter, der aussieht wie ein kleiner Astronaut. Zu seinen Talenten gehören rennen, Treppen steigen, in verschiedenen Sprachen reden und diverse Gesichter erkennen. Klingt doch nett.

Genauso wie Pepper: Ein Roboter mit großen Augen und einer niedlichen Stimme, der erkennt, wie ein Mensch sich gerade fühlt. Wenn Pepper redet, geht das Herz auf – vor so einem Schätzchen braucht man sich nicht zu fürchten. Miss Pepper sieht aus wie ein Roboter aus dem Bilderbuch. Im Gegensatz zu Phil K. Dick.

Erschraubte Menschlichkeit

Ja, richtig gelesen; Phil K. Dick. Und nein, nicht der Science-Fiction-Autor, der den Stoff für den Film „Blade Runner“ lieferte. Sondern der Android: Ein Roboter, der wie ein Mensch aussieht – genauer gesagt, wie eben jener Phil K. Dick. Die Software des Androids Phil wurde mit den sprachlichen Äußerungen des Schriftstellers gefüttert und der bärtige, glatzköpfige Roboter anschließend Phil K. Dicks Tochter vorgeführt. Es sei wirklich so gewesen, als habe ihr Vater mit ihr gesprochen, sagte sie.

Für den wertenden Beobachter ist Andro-Phil schon etwas schwieriger einzuordnen als ASIMO und Pepper. Zumal es auch schon digitalen Klone von Verstorbenen gibt: als Chatbot im Browser, als Stimme im Handy oder als Hologramm. Daran arbeiten Firmen wie Forever Identity, eterni.me und Project Elysium. 

Love me like you do

Liebe ist kompliziert. Vor allem, wenn sie über die eigene Person hinausgeht. Dann muss man sich einschränken, aufmerksam sein, kompromissbereit. Auf die Dauer kann das ziemlich nerven – was Unternehmen als ihre Marktlücke entdeckt haben: Eine Firma bietet in den USA verschiedene Typen von Sexpuppen an. Alles kann man aussuchen – Geschlecht, Frisur, Augenbrauen, Intimhaare, Farbe der Fußnägel.

Auf der Firmen-Webseite heißt es, jede Puppe habe Herzschlag und Kreislauf. Zudem komme sie mit Persönlichkeit: „Sie mag, was du magst, lehnt ab, was du ablehnst, und kann launisch sein wie eine echte Person!”, schreibt die Firma. Und wem das nicht reicht, der kann Erweiterungen buchen: Frigide Farrah, Wilde Wendy, S&M Susan, Reife Martha und Junge Yoko warten auf Dich. Die Premium-Persönlichkeiten der Liebhaber-Puppen kann man dann auch unter Freunden tauschen – zum Ausprobieren oder für die Abwechslung: „Es ist das Gleiche wie Ehefrau oder Freundin zu tauschen, ohne soziale Probleme oder Sorgen um sexuell übertragbare Krankheiten“, wirbt die Firma.

Arbeit-Arbeit

Aber Liebe, was ist das schon? Der moderne Mensch verbringt damit immerhin um einiges weniger Lebenszeit als mit Arbeiten. Arbeit ist die wahre Liebe des 21. Jahrhunderts. Stichwort „Selbstverwirklichung“. Doch auch hier könnten die Roboterkollegen („Cobots“) dazwischenfunken. Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass 47 Prozent der Jobs in den USA bis 2033 von Robotern erledigt werden. Dazu ein Fun Fact: Deutschland hat nach Korea und Japan die dritthöchste Dichte an Robotern weltweit.

Und Roboter nehmen schon heute Menschen die Arbeit ab. In den USA, Polen und Großbritannien benutzt Amazon Roboter, um die Regaltürme in seinen Lagern zu bewegen. Tschüss, Gabelstaplerfahrer. Anfang Juli veranstaltete der Konzern die Amazon Picking Challenge, bei der Forscherteams ihre Roboter im Waren-aus-den-Regalen-holen gegeneinander antreten ließen. Ciao, Picker. Und im Rahmen von „Amazon Prime Air“ werden Drohnen die Auslieferung übernehmen. Ciao, Postangestellte.

Und es ist nicht nur Amazon: Roboter übernehmen Arbeitsschritte beim Bau von Autos, sie pflücken und sortieren Obst, sie platzieren Stein auf Stein und packen Waren in Einkaufstüten. In asiatischen Pizza-Hut-Filialen werden demnächst kleine Peppers kellnern, in einem Restaurant in Nagoya brutzelt ein Robo-Koch die Nudeln. In Shanghai wird eine KFC-Filiale sogar komplett von Robotern betrieben. Und in den Fabriken von Foxconn, dem asiatischen Zulieferer von Apple und Samsung wurden bisher etwa 60.000 Arbeitnehmer durch Künstliche Intelligenz ersetzt.

Warum das alles? Nun, es lohnt sich: Die Grundversion des Roboterarms „Sawyer“ kostet 30.000 Euro. Selbst, wenn man den Mindestlohn auf neun Euro höbe, würde es kaum mehr als ein Jahr dauern, bis Sawyer seinen Kaufpreis durch gesparten Stundenlohn wieder drin hätte – insofern er nur neun Stunden täglich im Einsatz wäre. Auch deshalb fordern einige Politiker und Manager, eine Maschinensteuer einzuführen – um einen Teil des zusätzlichen Gewinns der Unternehmen umzuverteilen.

„Sie haben das Recht, ihren Anwalt anzuchatten“

Wie schlimm oder gefährlich ist der Siegeszug der Roboter? Schließlich gibt es auch viele Vorteile der Robotisierung. Etwa den Bankautomaten, der hat ja auch ein paar nette Bankangestellte ersetzt, ohne dass die Menschheit davon unterging. Bankautomaten sind in Ordnung, schließlich sind wir damit aufgewachsen. Bankautomaten sind „normal“.

Aber wie ist das, wenn Japan an Robotern arbeitet, die die Altenpflege übernehmen sollen oder wenn eine Firma unterhaltsame Robo-Püppchen für einsame Senioren verkauft? Wenn Künstliche Intelligenz die Jobs von Finanz- und Sportberichterstattern übernimmt, den Mathe-Unterricht schmeißt und das Online-Marketing entert? Wenn sie Finanzanalysten ersetzt, und im Krankenhaus einzieht – in der Anästhesie, der Chirurgie und der Diagnose? In der Sicherheit sind die Cobots ebenfalls aktiv: Südkorea testete 2012 Robo-Gefängniswärter, es wird bei den Olympischen Winterspielen 2018 Roboter zur Überwachung einsetzen und erwägt, Androide in Info-Zentren zu platzieren.

Auch den Anwalt aus Fleisch und Blut können manche sich heute schon sparen: Der Bot „DoNotPay“ ist ein kostenloser Strafzettel-Anwalt im Internet, bisher verfügbar für London und New York. Die Erfolgsrate seiner Einsprüche liegt bei 64 Prozent – etwa 160.000 Nutzer sollen dank „DoNotPay“ umgerechnet mehr als vier Millionen Euro an Strafgeldern gespart haben. Die Vorbereitungen für eine deutsche Version laufen – und für einen Bot, der Flüchtlingen bei ihren Asylanträgen hilft.

Denk mal mit, Robo-Kopf

„Intelligente“ Software ist mittlerweile überall. Aber die Grenze, ab der man von Künstlicher Intelligenz spricht, ist schwammig. War Tay intelligent – der lernende Twitter-Bot von Microsoft, der von Menschen das Menschsein lernen sollte und schließlich abgeschaltet werden musste, weil er zum hasserfüllten Nazi geworden war? Sind die Bots intelligent, die auf Instagram Fotos liken, auf Facebook mitdiskutieren, auf Twitter Hashtags kapern? Oder wie wäre es mit der Suchmaschine Google, wenn sie, wie Chef Sundar Pichai vorhersagt, „zu einem Assistenten [geworden ist], der Nutzern in allen Belangen helfen kann“? Pinchai meint: „Sie werden in Zukunft mit Google sprechen können wie mit einer Person. Und Google wird Sie verstehen.“

Die Kristallkugel-App

Dieses Jahr schlug das Programm AlphaGo den koreanischen Großmeister Lee Sedol im Spiel Go. Der Sieg war eine Sensation – und doch nicht mehr als eine Spielerei. Denn das Besondere an Software wie der von AlphaGo: Sie ist ein neuronales Netz, also ein lernendes Programm, nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns. Programme wie AlphaGo können sich anpassen, sie können trainieren und sich einarbeiten. Google-Ingenieur Emmanuel Mogenet sagte dazu der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Wir wissen, dass Maschinen lernen können. Wir wissen nur noch nicht, warum.“ Unter anderem an dieser Frage knabbern die 1.200 Programmierer, die für Google in Zürich arbeiten, im größten Entwicklungszentrum Europas.

Aber zu Intelligenz gehört auch immer der Blick in die Zukunft. Wenn überhaupt, ist also die Polizei-Software von Hitachi intelligent: Sie soll vorhersehen, wo in einem Gebiet zukünftig Straftaten begangen werden – auf 200 Quadratmeter genau. Und ganz sicher intelligent ist dann das Minority-Report-Programm von Microsoft, das voraussagt, ob verurteilte Straftäter erneut das Gesetz brechen werden und das zu diesem Zweck bereits benutzt wurde. Das ist doch intelligent. Oder nicht? Der Kopf brummt, die Frage bleibt.

Ist das Intelligenz?

Die gängige Definition von Intelligenz ist einfach zu merken und nicht ganz unwitzig: Intelligenz ist, wie ein Mensch zu denken. Und Künstliche Intelligenz, meinte man, könne mit dem Turing-Test darauf getestet werden: Ein Mensch kommuniziert abwechselnd mit einer Maschine und einem Menschen. Kann er nicht eindeutig sagen, wer von beiden wer ist, hat die Maschine den Test bestanden. Das Chat-Programm Eugene war das erste, dem das gelang. Das war 2014.

Leider kamen dann aber die Leute mit den Argumenten und zermatschten die Eindeutigkeit des Tests zu Brei – diese Spielverderber. Der Turing-Test, so die Kritik, messe nicht die Intelligenz oder die Menschlichkeit einer Maschine, sondern nur, wie gut sie Menschlichkeit beziehungsweise Intelligenz vorgaukle. Trotzdem gehen Experten davon aus, dass bis 2075 eine Maschine entwickelt wird, die dem Menschen in allen kognitiven Fähigkeiten ebenbürtig ist – mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Andere meinen: Die Höhen des Menschseins könne eine Maschine gar nicht erklimmen, also könne sie auch nie intelligent sein. Kreativität und Kunst seien der Olymp der Menschlichkeit. 

Ist das Kunst – oder kann das ein Roboter?

Ja, Roboter sind heutzutage auch Künstler – mit mehr oder weniger Eigeninitiative. Die App Prisma ist lernende Software, die Alltags-Fotos in Kunstwerke verwandelt. Künstliche Intelligenz malt Bilder mit einem Pinsel, sie schreibt Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Eine Software namens Benjamin hat ein Drehbuch geschrieben, das verfilmt wurde. Künstliche Intelligenz schreibt außerdem Musik, und spielt Instrumente: Der Waseda-Roboter spielt Querflöte und Toyota hat einen Roboter gebaut, der Violine spielt.

Der Olymp wackelt also. Maschinen dringen vor, in jeden Bereich des Lebens. Denn Roboter haben beim Lernen einen riesigen Vorteil: Ist eine Software oder eine Datenbank einmal geschrieben, kann sie beliebig vielen Computer zur Verfügung gestellt werden. Egal, wie lange die Entwicklung gedauert hat: in kurzer Zeit werden alle Maschinen auf denselben Stand gebracht.

Diese Eigenschaft ist einer der Gründe, warum Künstliche Intelligenz misstrauisch beäugt wird. Und warum sich Ray Kurzweil und andere Singularitarier dafür einsetzen, dass Mensch und Maschine miteinander verschmelzen. Menschen sollen von Maschinen nicht abgehängt werden, sondern von allen Fortschritten direkt profitieren. Zum Beispiel, indem sie mühsam gesammeltes Wissen aus Jahrzehnten innerhalb eines Blinzelns zur Verfügung haben. Genau wie ihre Roboterkollegen.

So soll es dann weitergehen, bis zum Beginn der Singularität, wenn Künstliche Intelligenz entsteht, die heute mit wehenden Fahnen durch jeden Turing-Test fallen würden – weil ihre Intelligenz den menschlichen Horizont sprengt. Doch der könnte ja dank Technologie gewachsen sein, bis dahin. Bis Kurzweils Singularität beginnt: im Zeitalter der Maschinen-Menschen.