Wenn du bis 2044 durchhältst, verstehst du jede Sprache der Welt

Das Gehirn als Festplatte, auf das man jede Fähigkeit binnen Sekundenbruchteilen aufspielen kann? Könnte in nicht allzu ferner Zukunft Realität sein – möglich sollen das Nanobots machen.

© Mathias Whelan/Alex Jäger (Fotograf), Denise Albrecht (Visagistin), Ann-Kathrin Vocke (Model)

Zwei Gehirne die miteinander telefonieren können? Geht. © Mathias Whelan/Alex Jäger (Fotograf), Denise Albrecht (Visagistin), Ann-Kathrin Vocke (Model)

Wenn Lara will, sieht sie Infrarot- und Röntgenstrahlen, Magnetfelder und Ultraviolett. Oder sie zoomt, bis in die einzelnen Atome, aus denen die Welt besteht. Denn Lara kann ihre Wahrnehmung hoch- oder runterdrehen als wäre ihr Körper eine Stereo-Anlage – und sie durcheinanderbringen, wie sie lustig ist, bis sie Farben hört und Töne riecht.

Durch die Nanobots ist Lara mit dem ganzen Körper im Internet – auch ihr Gehirn ist im Netz. Unbekannte Dinge oder fremde Menschen gibt es nicht: Alle Namen und Informationen werden automatisch heruntergeladen. Lara kann alles, beziehungsweise, sie kann alles können: Jede Sprache, jede Fähigkeit – was auch immer ein Mensch jemals gelernt hat, ist zum Download verfügbar und binnen Sekunden installiert.

In der virtuellen Realität geht Lara nicht nur arbeiten, sie trifft sich auch mit ihren Freunden. Gemeinsam gehen sie zum Italiener, lassen auf dem Kilimandscharo Korken knallen oder spazieren durch Athen zu Zeiten von Sokrates. Diese und andere virtuelle Realitäten erzeugen die Nanobots aus Laras eigenem Körper. Sie unterdrücken die Reize der physischen Welt, verhindern, dass Laras physischer Körper sich bewegt, und liefern den Nervenzellen stattdessen Signale, die zum virtuellen Geschehen passen.

Erlebt Lara etwas besonders Schönes, nimmt sie es mithilfe der Nanobots auf und kann es teilen. Auch ihre Träume sichert sie auf diese Weise, und tauscht besonders aufregende Szenen im Freundeskreis aus. Jede Empfindung, jede Erfahrung kann Lara speichern, abspielen oder löschen. Traurig, wütend oder ängstlich ist Lara übrigens nie. Die Neurone ihres Gehirns, die dafür notwendig wären, hält sie mit Hilfe der Bots abgeschaltet. Aber sie kann sich fürchten, wenn sie Lust darauf hat, zum Beispiel bei einem guten Horrorfilm. Der ist dann selbstverständlich auch virtuell – zum Mitmachen.

Die Zukunft nach Ray Kurzweil

Die Erzählung ist fiktiv, basierend auf den Theorien von Ray Kurzweil, dem bekanntesten Verfechter der Singularität. Manches, das erwähnt wird, gibt es heute schon; beispielsweise Menschen, die mit der Technik in ihrem Kopf Farben hören.

Wie im ersten Teil erwähnt, ist Singularität der Zeitpunkt in der Zukunft, wenn Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein entsteht, die alle Grenzen sprengt: Jene Epoche der Maschinen-Menschen, die sich rasant selbst verbessern.

Kurzweil und anderen „Singularitariern“ zufolge, müssen auf dem Weg zur Singularität drei Hürden übersprungen werden: Gentechnik, Nanotechnologie und Robotik. Hier, im vierten Teil der Serie, ist Singularität noch nicht erreicht, aber die zweite Hürde wird endlich übersprungen: Dank Nanotechnologie breiten sich die virtuellen Realitäten aus, die Leistung von Gehirn und Nervenzellen wird mit Technik gepimpt.

Heute verstecken sich virtuelle Monster im physischen Großraumbüro, Sonnenbrillen heilen Farbenblindheit, Chips und Antennen werden in den Kopf implantiert, Gegenstände per Gedanken gesteuert und Gehirne telefonieren miteinander über das Internet. Willkommen in der Gegenwart.

„Ich mach mir die Welt“

Für Lara ist die virtuelle Welt ebenso wenig „unecht“ wie es heute ein Telefongespräch ist. Nach dem Motto: Was aussieht wie ein Strand, riecht wie ein Strand, klingt wie ein Strand und sich anfühlt wie ein Strand, ist ein Strand. Egal ob virtuell oder physisch. Realität hat viele Formen – die physische ist nur die analoge Version, die sich seit Jahrtausenden bewährt. Die virtuelle ist die des Internets.

Wenn virtuelle Elemente in die physische Welt eingefügt werden, können die beiden Realitäten sogar verschmelzen: „Augmented Reality“ heißt das dann, und sie kann heute schon besucht werden: Beim Spiel „Pokémon Go“ ist die physische Welt plötzlich voller virtueller Pokémon, die es zu fangen gilt. Der Garten der vollkommenen Klarheit in Peking besteht eigentlich aus Ruinen, aber wer durch ein spezielles Fernrohr auf der Aussichtsplattform schaut, sieht ihn so, wie er früher war, und selbstverständlich in 3D. Eine Tour durch das Raumschiff Enterprise? Kein Problem. Und Spaziergänge durch antike Städte, inklusive ihrer Bewohner, sind auch schon im Angebot, allerdings nur mit passendem Zubehör.

Ich sehe was, das du nicht siehst

Für den Blick ins Virtuelle braucht man bisher meist eine Brille oder ein Smartphone. Diese Technologien ermöglichen nicht nur den Blick in eine neue Welt – sie verbessern auch die Sicht auf die alte: Die Firma EnChroma, verkauft Sonnenbrillen, die Farbenblindheit heilen. Wie farbenblinde Menschen reagieren, die die Brille zum ersten Mal aufsetzen, kann man sich in einem Video ansehen.

Deine Augen wissen, was du willst

Ein Problem, das alle sogenannten Smart Glasses (schlaue Brillen) und Bildschirme wie Oculus Rift haben, ist die Steuerung. Die läuft nämlich, wenn überhaupt, per Berührung oder Handbewegungen, was so umständlich ist wie unpraktisch.

Dieses Problem mit der Steuerung ist eine Marktlücke, die die Firma Eyefluence für sich entdeckt hat: Das Unternehmen entwickelt Technologie, mit der man die Geräte per Augenbewegungen steuern kann. Die Firma wirbt damit, dass ihr Produkt außergewöhnlich schnell auf Befehle reagiert: „Es fühlt sich an, als würde es deine Gedanken lesen.“

Kameras im Kopf

Schlaue Brillen, Smartphones und kluge Uhren sind neue Technologien. Sie kommen gerade erst in Fahrt. Doch dass dieses klobige Zubehör überflüssig wird, ist ebenfalls nur eine Frage der Zeit. Kontaktlinsen, auf deren Innenfläche LEDs sitzen wie bei Bildschirmen, gibt es schon.

Und auch am direkten Weg ins Gehirn wird gefeilt: Forscher setzten blinden Menschen einen Silikonchip ins Auge und verbanden ihn mit dem Gehirn. Die Teilnehmer*innen konnten daraufhin Licht und Feuerwerk sehen, außerdem die Umrisse von ihren Händen, von Gegenständen und anderen Menschen. Um Blinden vollends die Sicht wiederzugeben, und die Erfindung massentauglich zu machen, arbeitet man daran, die Auflösung zu erhöhen. 

„Alle Cyborgs sind schon da – lala lala lalala“

Cyborgs definiert Wikipedia als „Menschen, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt werden.“ Wenn das so ist, leben wir im Cyborg-Zeitalter: Nicht nur die Augen – der ganze Körper wird aufgerüstet. Mit einem Chip im Gehirn steuern Affen per Gedanken einen Roboter oder einen anderen Affen. Und Schlaganfall-Patienten können dank der Chips in ihrem Kopf einen Mauszeiger bewegen, E-Mails schreiben, Videospiele spielen und ihren Rollstuhl fahren.

Auch für fehlende Körperteile gibt es Ersatz: Prothesen, die bewegt werden können wie ein Körperteil, werden bereits direkt an den Knochen geschraubt. Robin Ekenstam bekam 2009 eine fühlende Roboterhand. Der damals 21-Jährige sagte über seine neue Rechte: „Es ist großartig. Ich habe ein Gefühl, das ich lange nicht mehr hatte. […] Wenn ich doll zupacke, spüre ich es in meinen Fingerspitzen. Was seltsam ist, weil ich keine Fingerspitzen mehr habe.“

Und wer glaubt, die Bezeichnung Cyborg für all das sei übertrieben, gebe sich Folgendes: Den ersten staatlich anerkannten Cyborg. Neil Harbisson, geboren 1982, Brite. Er ist farbenblind, und hat eine Antenne in den Schädel implantiert, mit der er Farben hören kann. Vom Spektrum, das das menschliche Auge sehen kann, lässt er sich dabei übrigens keine Grenzen setzen. Wie klingt wohl Ultraviolett?

Körper: Update bei 68 Prozent. Bitte nicht ausschalten

Roboterhand oder -fuß will allerdings nicht jeder – egal wie gut sie fühlen oder wie stark sie sind. Und sich für einen Chip oder eine Antenne in den Schädel bohren zu lassen, klingt auch eher unsexy. Wie praktisch, dass es Nanopartikel gibt: Die werden heute meist per Spritze in den Körper geschleust und könnten laut Kurzweil die Nervenzellen direkt beeinflussen, sodass virtuelle Realitäten nicht mehr von der physischen zu unterscheiden sind.

Aber neben der Herausforderung, solche Bots zu bauen, wie im dritten Teil diskutiert, gibt es noch ein anderes Problem: Wie könnte man die Nanobots im eigenen Körper steuern? Per Fernbedienung? Über eine App? Oder per Augenbewegungen, wie mit Eyefluence? Am einfachsten wäre Gedankensteuerung, aber dafür bräuchte man ja wieder diesen Chip im Kopf. So einfach wie bei Lara kann das mit den Nanobots und der Virtuellen Realität also gar nicht funktionieren. Oder doch?

Möge die Macht mit dir sein

Spiele- und Software-Entwickler hätten da eine Idee. Sie arbeiten mit Zubehör, das Hirnwellen misst, ohne dafür den Kopf öffnen zu müssen: EEG-Technologie, angenehme Kurzform von Elektroenzephalografie. Studierende steuerten mit EEG-Helmen einen Roboter – allein per Gedanken, ganz ohne Hirnchip. Und die Firma Puzzlebox verkauft einen Spielzeug-Hubschrauber, der ebenfalls über Gedanken gesteuert wird: mit Hilfe eines modischen EEG-Stirnbands.

Wem der Gedanke an verschiedenfarbige Stirnbänder-Sammlungen im Kleiderschrank Kopfschmerzen bereitet, kann übrigens aufatmen: Sie werden nicht bleiben, sondern abgelöst von In-Ear-EEGs, dezent wie moderne Hörhilfen. Vorerst sollen die kleinen Geräte medizinisch eingesetzt werden, beispielsweise bei Epilepsie-Patienten, um Anfälle zu überwachen und sie vorhersagen zu können. Doch über kurz oder lang wird diese Technologie ihren Weg auf den Spiele-Markt finden: Kontroller sind sowas von Nullerjahre.

Dein Gehirn soll den Mund halten!

Aber könnte man sich auf diese Weise auch miteinander unterhalten? Ganz zu schweigen davon, in irgendeiner virtuellen Realität gemeinsam essen zu gehen? Es scheitert doch schon am Reden: Gehirne können nicht miteinander telefonieren. Zum Kommunizieren brauchen Menschen ihren Körper. Er muss tippen, den Stift halten, Stimmbänder schwingen lassen, Rauchzeichen wedeln. Würde man wenigstens meinen. Klingt ja auch sinnvoll. Ist aber widerlegt.

Denn tatsächlich wurden bereits die Gehirne zweier Menschen über das Internet verbunden. Und zwar so, dass die beiden Forscher miteinander kommunizieren konnten: Zwischen Frankreich und Indien, mit EEG-Headsets. Ein echter Gedankenaustausch.

Gehirne können also doch miteinander telefonieren. Ob sie sich sie sich in der virtuellen Realität tatsächlich in die virtuellen Arme fallen und auf dem virtuellen Kilimandscharo virtuelle Korken knallen lassen, wird die Zukunft zeigen.


Fortsetzung folgt

In der letzten Folge gesellt sich Künstliche Intelligenz, die außerhalb vom menschlichen Körper existiert, zu Gentechnik und Nanotechnologie. Spoiler Alert: Die Roboter kommen. Das Ende ist nah. Nein, Spaß: Roboter kochen, spielen Instrumente und schreiben Drehbücher. Sie besiegen Menschen in ihrem eigenen Spiel, übernehmen ihre Jobs, retten Leben und schießen mit Pfefferspray, Farbkugeln und scharfer Munition.