Wenn du dich für „Netflix & Chill“ angemeldet hast, stehst du vielleicht alleine da

Die Facebook-Timeline ist voll von den ominösen Open-Air-Veranstaltungen. Doch wahrscheinlich finden nicht alle statt. 

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Könnte so ein "Netflix & Chill"-Event aussehen? Freiluftkino in Berlin. © Britta Pedersen/dpa

In vielen deutschen Städten sollen dieses Jahr an einem „romantischen Abend“ und „unter dem Sternenhimmel“ Serien und Filme des Streaming-Dienstes Netflix laufen. Von Bielefeld über Dresden bis München und Rheine sind die Events angesetzt, die den Titel „Netflix & Chill“ tragen. Ein bewusstes Wortspiel, das Aufmerksamkeit erzeugt, denn der Ausdruck ist inzwischen ein Synonym für Sex.

Wer sich auf eine Orgie freut, wird voraussichtlich ebenso enttäuscht wie alle, die glauben, sie könnten ein unschuldiges Netflix-Public-Viewing genießen. Zunächst ist es aus rechtlichen Gründen nicht möglich, Netflix öffentlich zu streamen und dafür Geld zu nehmen. Vielmehr werden – wenn überhaupt – Seien und Filme gezeigt, die zwar bei Netflix laufen, aber schon längst auf DVD erhältlich sind.

Außerdem sind viele der Veranstaltungen undurchsichtig, auf den Seiten fehlt ein Impressum, die Verantwortlichen sind selten kenntlich gemacht. Genaue Zeiten oder Veranstaltungsorte stehen nicht fest, oft heißt es: „Die Location wird in den kommenden Wochen bekannt gegeben. Weitere Infos folgen …“ oder „PS: Das Datum kann abweichen, da wir die Genehmigung der Stadt brauchen :)“.

Facebook-Events als Tarnung für Werbung und Gewinnspiele?

Denn wer so ein Open-Air-Event in einem öffentlichen Stadtpark plant, der braucht eine Genehmigung der Stadtverwaltung. Es geht um die Örtlichkeit, Brandschutz, Verkehrskonzept, Sicherheitsmaßnahmen, Emissionen, Abfallentsorgung und so weiter.  Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) der Stadt München etwa weiß nichts von „XXX & Chill Open Air“, für das sich laut Facebook über 15.000 Menschen interessieren. Es soll am 5. August stattfinden, doch es liegt noch nicht einmal eine Anfrage an die Stadt vor.

Immerhin einen namentlich erkennbaren Veranstalter hat das Open-Air-Event: Christian Ruffing. „Die Veranstaltungen finden statt“, sagt er auf ze.tt-Anfrage. Neben München plant er seine „XXX & Chill Open Air“-Reihe auch in Frankfurt, Hamburg, Berlin, Saarbrücken, Köln und Stuttgart. Die Stadt wisse davon nichts, weil das Event in München nicht von ihm selbst, sondern in Kooperation mit bereits bestehenden Open-Air-Kinos betrieben wird. Da sei man gerade in Gesprächen. Nach demselben Muster sollen die Freiluft-Kinos auch in anderen Städten ablaufen.

Kritisiert wurde vor allem der Link zu einem Gewinnspiel im Beschreibungstext. Darin ging es um ein 24-Monats-Abo von Netflix. „Das war eine Aktion, um vor dem Event Geld einzunehmen“, erklärt Ruffing. Bei jedem abgeschlossenen Abo hätte er eine Provision erhalten. Der Link ist aber mittlerweile entfernt worden.

Who's down? #NetflixAndChill #LEDdome

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Und auch der Name hat sich geändert: Von „Netflix & Chill“ hin zu „XXX & Chill“. Denn der Streamingdienst fand die „Zweideutigkeit des Namens nicht so cool“, wie der Veranstalter erläutert. Die Aktion an sich hätte jedoch Zuspruch gefunden. Weil es so viele Anbieter der „romantischen Abende mit Drinks, Food & Popcorn“ gibt, steht Ruffing mittlerweile auch in Kontakt zu anderen Veranstaltern.

So etwa mit Pierre Niggeloh. Er veranstaltet „Netflix & Chill“ in Hamburg, weitere Städte folgen laut Facebook. Auch bei seiner Seite: Kein Impressum, aber dafür wird auf Facebook-Nachrichten schnell geantwortet. Und immerhin ist sein Event in Hamburg das bisher einzige, für das es Karten gibt. „Das ist total in trockenen Tüchern“, sagt er. Ort und Zeit, alles steht. Das bestätigt auf Anfrage auch der Hamburger Renn-Club, auf dessen Galopprennbahn das Festival stattfinden soll.

Anders als bei seinem Kollegen Ruffing, habe Netflix ihm erlaubt, den Namen zu nutzen. „Es ist keine Veranstaltung von Netflix, aber ein Netflix-Fan-Event“, erläutert er. Das habe ihm der Streamingdienst so erlaubt. Ansonsten habe der Namensgeber aber nichts mit der Veranstaltung zu tun. Die Presseagentur von Netflix Deutschland will sich auf ze.tt-Anfrage jedoch nicht dazu äußern.

Der dritte Anbieter: Spotted, eigentlich eine Kennenlern-App

Neben Niggeloh und Ruffing gibt es noch einen dritten großen Veranstalter der Freiluft-Events: Die Spotted GmbH. „Netflix & Chill Open Air Festival Bielefeld // by Spotted.de“, heißen deren Veranstaltungen zum Beispiel. Das Titelbild hat überraschende Ähnlichkeiten mit dem des Hamburger Events.

Die App Spotted, eine „hyperlocal App, die dich schnell und einfach mit Leuten um dich herum verbindet“ steht also hinter einer Eventreihe, die in so gut wie jeder größeren Stadt die Massen zum Filmschauen unter freiem Himmel bringen soll. Auch hier reagiert man auf Kritik, die Veranstaltung sei nur ein Fake: „Aufgrund einiger Anfragen eurerseits und von diversen Medien, möchten wir euch hiermit bestätigen, dass es sich bei dieser Spotted-Veranstaltung NICHT um eine Fake-Veranstaltung handelt“, heißt es auf allen deutschen Seiten.

How about these flavor a though.. #netflixandchill

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Man werde „alles Mögliche daran setzen, diese Veranstaltung umzusetzen“ und habe bereits „Kontakt zu den ersten Stadtkommunen aufgenommen, um unter anderem einen geeigneten Platz zu finden und den Termin zu bestätigen.“ Auf eine ze.tt-Anfrage reagierte allerdings niemand.

Die Veranstaltung in Bielefeld zum Beispiel soll in zwölf Wochen stattfinden. Eine Anfrage bei der Stadt liegt noch nicht vor, und auch die Location ist laut Facebook noch „to be confirmed“.

Doch ist es überhaupt realistisch, ein Open-Air-Freilichtkino, für das sich fast 6000 Menschen interessieren, in drei Monaten auf die Beine zu stellen? Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft, ist kritisch. Er kenne die Veranstaltungen zwar nicht, aber es sei „sehr sportlich“, ein Event dieser Größe in einem so kurzen Zeitraum zu organisieren. „Interessant wird es ohnehin erst, wenn die Leute Karten dafür kaufen können“, sagt er. Davor sei das Ganze eher als Projekt zu bewerten.

Mittlerweile reagieren auch einige der betreffenden Städte auf die geplanten Veranstaltungen. Die Stadt Marburg etwa stellt auf Facebook klar, dass keine Anmeldung für diesen Tag vorliege. Ohnehin sei der Schlosspark bereits mit einer anderen Großveranstaltung belegt.

Anneke Voß von der Verbraucherzentrale Hamburg rät deshalb, sich nicht nur via Facebook über die Veranstaltung kundig zu machen. „Man sollte schauen, was seriöse Medien schreiben, denn auf Facebook kann alles sehr schön dargestellt werden“, erklärt sie. Um seriöse Events, die tatsächlich stattfinden, von Fakes zu unterscheiden, rät sie: „Je nebulöser ein Angebot ist, desto vorsichtiger sollte man sein.“