Wenn ein Elternteil stirbt: Wie ihr mit euren Freunden trauert

Wenn junge Menschen ein Elternteil verlieren, fühlen sich Freunde oft hilflos. Unsere Autorin musste im vergangenen Jahr selbst mit einem solchen Verlust umgehen und hat gemerkt, wie schwierig es sein kann, traurige Gefühle gemeinsam zuzulassen. Also hat sie ein paar Tipps.

© simonthon.com / photocase.de

Einfach da sein. © simonthon.com / photocase.de

Ein Elternteil eines Freundes stirbt und ihr wisst nicht, wie ihr euch verhalten sollt? Wie ihr mit ihr oder ihm trauern könnt? Das ist ganz normal. Es ist schwierig, traurige Gefühle zuzulassen. Mit diesen Tipps könnt ihr euch behelfen.

Sprecht über den Trauerfall …

… und stellt Fragen. Tatsächlich hilft nichts mehr, als über den Tod eines engen Angehörigen zu reden. Dazu gehört, sich die Gefühle und Ängste des Trauernden anzuhören. Oft sich sie unsicher. Ihr könnt deshalb dabei helfen, den Freund oder die Freundin zu stabilisieren und den Schmerz mit ihm zu teilen.

Roland Kachler ist Diplompsychologe und hat sich auf Trauerbegleitung spezialisiert. Er sagt, Begleitung sei wichtig, damit der Betroffene die Trauer herauslassen kann. Wenn Ihr Fragen zu dem Verstorbenen stellt, beispielsweise „Wie war sie? Was vermisst du an ihm?“ gebt ihr eurem Freund das Gefühl, den Verstorbenen zu würdigen. So schafft ihr einen Raum für den Trauernden und seine Beziehung zu dem Toten. „Ein Elternteil bleibt immer Teil der Identität des Kindes, auch wenn er nicht mehr da ist“, sagt Kachler.

Für viele Trauernde ist es deshalb sehr wichtig, zu wissen, dass sie mit ihrem Schmerz nicht alleine sind und dass sie sich bei ihren Freunden nicht überwinden müssen, darüber zu sprechen. Laut Kachler ist es hier wichtig, konkret zu fragen: „Wie geht es dir mit deiner Trauer?“ funktioniert also besser als „Wie geht es dir?“.

Haltet den Schmerz aus …

… und lasst den Trauernden weinen. Trauert mit, weint oder nehmt sie oder ihn in den Arm. Traut euch zu, Gefühle auszuhalten. Haltet eure Freunde fest, ob richtig oder symbolisch, indem ihr ihnen beisteht.

Nicht jeder Mensch kann mit Traurigkeit umgehen. Sich Gesprächen mit einem Trauernden zu stellen, erfordert Mut. „Gemeinsam trauern ist in unserer Kultur schwierig“, sagt Kachler. Viele junge Menschen hätten einfach Angst, von Traurigkeit überflutet zu werden – und der Flut dieser Gefühle nicht standhalten zu können.

Traut eurem Freund zu …

… dass er euch nicht überflutet. „Trauernde können ihre Trauer begrenzen und wollen meist ihre Bezugsmenschen gar nicht überfordern“, meint Roland Kachler. Wenn Ihr euch in der Situation ohnmächtig oder überfordert fühlt, sagt das schlichtweg. Das dürfte bei dem Trauernden auf Verständnis stoßen. Er befindet sich ja ohnehin in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Schockstarre und Traurigkeit. Gleichzeitig kommen Lebensfreude und Zukunftswillen zurück. Die Überforderung teilen also die Meisten.

Sorgt für Ablenkung …

… und geht shoppen, ins Kino, wieder shoppen, mal wieder ausgelassen tanzen – macht was auch immer eurer Freundin oder eurem Freund hilft, Spaß zu haben. Viele Trauernde können vor allem in den ersten Monaten nach einem Todesfall in der engsten Familie nicht leicht Spaß haben. Sie fühlen sich zu traurig oder haben Schuldgefühle, wenn sie ihre Trauer für einen kurzen Moment nicht zulassen.

Kachler nennt das „Loyalitätsschuld“. Dann kommen Gedanken auf wie „Ich darf leben“, „Mir geht es gut“. Doch genau das ist sehr wichtig für die Bewältigung trauriger Gefühle: Spaß zu haben, Freude zu fühlen, zu lachen. Dadurch finde der Trauernde zurück ins Leben.

Aber: Überfordert eure Freunde nicht. Ablenkung ist super, aber nur zu einem gewissen Grad. Zwischendurch solltet Ihr darauf achten, dass euer Freund die Trauer zulässt – beispielsweise, indem Ihr dies durch ein Gespräch „provoziert“.

Seid ehrlich, aber sensibel …

… denn Trauende vertragen die Wahrheit. Wenn sich jemand über Wochen oder Monate hängen lässt, ist es irgendwann an der Zeit, ihn darauf anzusprechen. Zeigt dem Trauernden auf, dass sein Leben weitergeht, dass es eine Welt außerhalb seiner Trauer gibt. Hier ist jedoch viel Feingefühl gefragt. Immerhin sprecht ihr eure Freunde auf eine Gefühlswelt an, die sich manchmal von außen gar nicht nachvollziehen lässt.

Stellt eure eigenen Probleme nicht zurück …

… aber dramatisiert sie nicht. Jeder Mensch hat das Recht, sich auszuheulen oder über seine Probleme zu klagen – auch wenn es Kleinigkeiten sind. Die meisten Trauernden zeigen Verständnis dafür, auch weil es sie von ihrem Schmerz ablenkt.

Ihr solltet dennoch vermeiden, aus Lappalien Dramen zu machen. In solchen Situationen kann es vorkommen, dass der Trauernde sich fragt: „Was soll ich denn sagen? Mir geht’s auch schlecht“. Das kommt oft automatisch und ungewollt und kann schnell eine Blockade zwischen Freunden aufbauen.

Provoziert keine Streitigkeiten …

… wegen Kleinigkeiten, nur weil Ihr unsicher seid. In der Regel gibt es laut Trauerexperten wenig Konflikte in einer solchen Situation, in der ein*e Freund*in trauert. Es könne aber vorkommen, dass Freunde eine kleine Streitigkeit als Vorwand nehmen, um sich zurückzuziehen. Weil ihnen die Traurigkeit unangenehm ist oder sie Probleme damit haben, den Verlust des Freundes nachzuvollziehen. Das ist laut Kachler das Schlimmste, was Ihr als Freund*in machen könnt.

In der Tat lasst Ihr eure*n Freund*in damit in einer der schwierigsten Phasen des Lebens im Stich – was manchmal nicht wieder gut zu machen ist.

Bleibt hartnäckig …

… auch wenn euer Freund in seiner Trauer dicht macht, euch die Tür vor der Nase zuschlägt oder zickig ist. Häufig sind trotzige Verhaltensweisen ein Zeichen, dafür dass er Zuneigung braucht. Das ist gar nicht so kompliziert wie es sich anhört: Der Freund reagiert beleidigt, wenn ihm etwas an der gemeinsamen Planung nicht passt? Fragt ihn, ob er gerade traurig ist, ob er den Verstorbenen aus irgendeinem Grund gerade besonders vermisst oder ob es einen Auslöser für diesen Trotz gibt.

Natürlich sollt Ihr Eure eigenen Gefühle nicht verdrängen: Trauer gibt Niemandem einen Freifahrtschein, sich über einen längeren Zeitraum in der Freundschaft scheiße zu verhalten. Aber: Nachfragen hilft (siehe Tipp 1).

Erinnert euch immer wieder …

… daran, dass Trauer kein Ablaufdatum hat. Sie dauert nicht drei oder sechs Monate oder ein Jahr. Vermeidet Sätze wie „Warum weinst du immer noch, das ist doch jetzt schon Monate her?“. Seid an wichtigen Daten wie an den ersten Geburtstagen der Familie, dem Geburtstag des Verstorbenen oder an Weihnachten und dem Todestag besonders aufmerksam. Diese Zeiträume bringen häufig den Schmerz des Trauernden zurück, dann sind gute Freunde sehr wichtig.

„In schweren Verlusten dauert es ungefähr zwei bis drei Jahre, bis ein junger Mensch die Trauer über ein Elternteil loslassen kann“, sagt Roland Kachler. In diesen Jahren sei es immer wieder notwendig, sich bewusst Zeit zu nehmen und zu trauern. Auch als Freund*in.

Diese Tipps sollen Euch helfen, wenn eine Freundin oder ein Freund einen wichtigen Menschen verliert. Es handelt sich nicht um einen Ersatz der psychologisch fundierten Trauerarbeit. Wenn Ihr merkt, dass jemand professionelle Hilfe zur Trauerbewältigung braucht, könnt ihr Euch an Beratungsstellen wie die Notfallseelsorge oder die Telefonhilfe für Trauernde (Tel. 0700 – 70400400) wenden.