Wer AfD wählt, schadet der Gesellschaft – und sich selbst

Die AfD steht kurz davor, als stärkste Oppositionspartei in den Bundestag einzuziehen. Dort wird sie mehr Schaden anrichten, als wir denken. Ein Kommentar

Was wird die Partei im Bundestag anrichten? © Maja Hitij / Gettyimages

Es ist so weit: Wer der AfD am Sonntag seine Stimme gibt, schlägt einen Weg ein, auf dem es so schnell kein Zurück gibt.

Wer die AfD wählt, wählt nicht nur Menschenfeindlichkeit. Wer die AfD wählt, wählt auch eine radikale Veränderung unserer freien und offenen Gesellschaft.

Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, wird feindseliger werden, sobald diese Partei im Bundestag sitzt.

Die AfD, eine Partei der Mauern

Ich schreibe diese Zeilen aus einem sehr persönlichen Grund: Ich will, dass die Menschen gut zueinander sind. Ich habe gelernt, wie schön echte und aufrichtige Beziehungen zu unseren Mitmenschen sind. Wie viel wert es ist, wenn wir miteinander teilen und uns einander öffnen. Wer je eine wirklich tiefgründige Begegnung mit einem anderen Menschen erlebt hat, weiß, wie aufbauend und beflügelnd das sein kann, wie viel Tatkraft es uns gibt. Und wie gut das Leben in einer Gesellschaft wäre, wären doch nur alle neugierig aufeinander.

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Aber es gibt Menschen, die Mauern bevorzugen. In der AfD sitzen sehr viele von ihnen. Sie ist eine Partei für inneren Rückzug, emotionale Kälte, Antipathie und Selbstsucht. An ihrer Spitze stehen einige sehr clevere Menschen, die sehr genau wissen, welche Sprache sie nutzen müssen, um Ängste in der Bevölkerung zu schüren. Sie sind Profis darin.

Die AfD treibt Keile zwischen uns, sie verschärft schon jetzt den Ton, in dem wir miteinander sprechen. Sie sorgt dafür, dass Menschen anderen Menschen schaden wollen. Die AfD fördert ein antisoziales Klima: mehr Gegeneinander statt Miteinander; mehr jede*r Einzelne für sich allein, statt wir alle zusammen. Das ist der große Schaden, den die AfD anrichtet.

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Der rein politische Schaden mag sich in Grenzen halten, wenn die AfD erst einmal im Bundestag sitzt. Sie wird als Fraktion isoliert sein. Außerdem fehlt es ihr an politischer Kompetenz.

In 13 Landtagen zeigte sie bisher, wie unfähig sie ist, auch die einfachsten demokratischen Prozesse einzuhalten. Wie formuliert man einen parlamentarischen Antrag, wie geht das mit dem Papierkram? Vieles von dem, was die Partei politisch umsetzen wollte, scheitert schon daran. Dennoch stieg die Aggression in den Landtagen. Die parlamentarischen Scharmützel und Ablenkungsmanöver nahmen zu. Auf diese Weise wird die AfD auch im Bundestag auf Fundamentalopposition machen.

Bevor man mit diesen Menschen an den drängenden Problemen unseres Landes arbeiten kann – Arbeitslosigkeit, Bildung, Pflegenotstand, Altersarmut, um nur ein paar zu nennen–, müsste man ihnen erst mal beibringen, was ein vernünftiger politischer Dialog ist. Allein: Sie wird nicht an einem Dialog interessiert sein, sondern nur an Provokation.

Wir Menschen sind dieser Partei egal

Die Menschen, die diese Partei anführen, haben nichts Gutes im Sinn. Sie wollen nicht wirklich jenen helfen, die das Gefühl haben, abgehängt oder vergessen worden zu sein. Sie wollen unsere Rechte einschränken, wo sie nur können. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht auf freie Ausübung der Religion, das Recht von Frauen, sich für eine Abtreibung zu entscheiden.

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Wer denkt, die AfD würde sich für Arbeitende, Erwerbslose, Sozialhilfeempfangende, Rentner*innen einsetzen, liegt falsch. Der Fokus der AfD liegt darauf, die Reichen zu stärken und den Rest einfach so zu belassen, wie er ist. Die Partei gibt nichts auf den Sozialstaat, es ist ihr egal, ob Renten- oder Sozialgelder armutsfest sind, es ist ihr egal, wie hoch der Mindestlohn ist. Stattdessen sprechen die Mitglieder doppelt so oft von Migration und Zuwanderung, als alle anderen Parteien es tun. Aus einem einfachen Grund: Es ist leichter, ein Feindbild zu pflegen, als reale Probleme zu lösen.

Die AfD versucht den Unmut der Menschen sehr clever auf die umzuleiten, die am wenigsten dafür können: Minderheiten, darunter Geflüchtete, Muslim*innen, Homosexuelle. Das ist ihr bisher vorzüglich gelungen. Sie bedient sich dabei der Urängste der Menschen. Ihr Spitzenpersonal bricht bewusst Tabus und spielt seine Aussagen hinterher herunter. Auch das ist überaus clever. So lenkt die Partei von ihrer politischen Unfähigkeit ab und steht dennoch permanent im Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

Wir haben die Anfänge verschlafen

Bei der Wahl am Sonntag wird die AfD womöglich drittstärkste Kraft und somit Oppositionsführung. Das garantiert ihr mehr Macht, als viele denken. Sie wird maßgeblich mitentscheiden dürfen, wie und über was im Bundestag gesprochen und entschieden wird. Man stelle sich das mal vor: Nach Merkel spricht dann direkt ein Gauland, eine Weidel oder eine Petry.

Die AfD ist ein Sammelbecken für Rechtsradikale, Rechtsextreme, ja, sogar waschechte Neonazis. Als Abgeordnete werden sie Themen in unserem politischen Oberhaus lancieren, über die dort seit 72 Jahren niemand mehr sprach. Die ultrakonservativen Rechten werden es ab kommender Woche tatsächlich geschafft haben, sich wieder in die Politik zu schleichen. Obwohl wir alle diesen Satz schon Hunderte Male hörten: Wehret den Anfängen.

[Außerdem auf ze.tt: Die AfD ist die größte Profiteurin des Wahlkampfs]

Die AfD ist keine Alternative. Sie hat keine Lösung parat, für kein Problem, für keinen Menschen in diesem Land. Wer mit sich selbst und anderen Menschen in Zufriedenheit leben möchte, kann nicht guten Gewissens die AfD wählen. Wer Freiheit möchte, Gleichberechtigung, Sicherheit, finanziell wie gesundheitlich, bis ins Alter, der kann nicht die AfD wählen.

Wer für diese Partei stimmt, und sei es nur aus Protest oder als Warnschuss an die Politik, stimmt für Abschottung – Abschottung von der Welt und von den Mitmenschen. Wer die AfD wählt, schließt hinter sich eine Tür und wirft den Schlüssel weg.