Wer an Seelenverwandtschaft glaubt, schadet der Beziehung

„Wir sind eben seelenverwandt“ gilt als höchstmögliche Stufe romantischer Verschmelzung. Diese Vorstellung ist jedoch Quatsch und kann sogar schädlich für eine Beziehung sein.

Seelenverwandte

Nur, weil man sich mit einem anderen Menschen innig verbunden fühlt, heißt das nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss. © Daniel Santalla/ Stocksnap.io

Vorab eine kurze Erklärung: Ich bin selbst auch schon in diese Falle getappt – zu glauben, man könne und solle in der Liebe vieles hinnehmen, weil man nun mal schicksalhaft verbunden und füreinander bestimmt sei.

Und ja, es ist etwas Besonderes, die Gefühle eines anderen Menschen selbst ohne Kontakt über Kilometer hinweg wahrnehmen zu können; genau die Sekunde zu merken, in der die andere Person den Saal mit über 300 Leuten betritt; sich zu umarmen und ein leises Klicken zu spüren; sich gleichzeitig vervollständigt, herausgefordert und angenommen zu fühlen. Das alles wirkt sehr real. Aber ist es das wirklich?

„Seelenverwandtschaft gibt es nicht. Das ist die esoterische Variante von Platons Kugelmenschen. Unsere gesamte Kultur ist durchtränkt von diesen romantischen Liebesmythen. Ich halte das für extrem gefährlich“, sagt Christian Thiel, Buchautor und Beziehungsberater in Berlin.

Aber woher kommt dann dieses Gefühl?

„Beziehungspartner sprechen von Seelenverwandtschaft, wenn eine Wesensfaszination vorliegt“, erklärt der Paartherapeut und Buchautor Michael Mary. „Jeder ist von den Eigenarten des anderen derart gebannt, dass er sich ihm schicksalhaft verbunden fühlt.“

Seelenverwandtschaft oder Projektion?

Soziopsychologen benennen im Zusammenhang mit diesem Gefühl unter anderem zwei Wahrnehmungs-Mechanismen:

  1. Den so genannten Ähnlichkeitsfehler. Weil wir uns bei der Beurteilung anderer Menschen selbst als Referenz nehmen und meist zumindest ein okayes Selbstbild haben, finden wir Leute sympathisch, die uns ähnlich sind – die also ähnliche Werte, ähnlichen Humor, eine ähnliche Weltanschauung haben. Wir suchen und finden uns sozusagen im Gegenüber und schreiben eigene Eigenschaften der oder dem anderen zu.
  2. Den Halo-Effekt, vom englischen Wort für Heiligenschein. Dabei neigen wir dazu, von bekannten Eigenschaften eines Menschen auf unbekannte Eigenschaften zu schließen. Wir ziehen zum Teil falsche Schlussfolgerungen oder stellen falsche Zusammenhänge her und entwickeln dadurch ein verzerrtes Bild der Persönlichkeit. Andere, nicht dazu passende Eigenschaften werden „überstrahlt“. Besonders stark ist der Halo-Effekt, wenn eine Eigenschaft als sehr wichtig empfunden wird.

Zusammengefasst kann das bedeuten: Wir projizieren die Werte und Wesenszüge, die uns am Herzen liegen, auf das Gegenüber und verdrängen gleichzeitig andere. Zum Beispiel: Empfindsamkeit, Humor oder sexuelle Aufgeschlossenheit überstrahlen Egozentrik, Narzissmus oder manipulatives Verhalten. Kurz: Wir idealisieren.

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Die volle Erfüllung? Nur eine Illusion

Trotzdem fühlt sich die Verbindung innig und einzigartig an? Nun ja. Jedem Kennenlernen, insbesondere bei sexuellen Begegnungen, wohne ein Projektionsprozess inne, in dem man den anderen als Erfüllung seiner Bedürfnisse wahrnehme, sagt der Sexualpsychologe Dr. Christoph Joseph Ahlers im Interview mit dem ZEIT Magazin. „Und mir auch noch selbst suggeriere, dass der andere genau diese Bedürfnisse bei mir erfüllen möchte. Und so kommt es zu diesem Gefühl: Wir passen zusammen wie Topf und Deckel.“

Leider bedeutet dieses Gefühl aber nicht, dass automatisch auch eine glückliche Beziehung entsteht. „Sobald die Hormone abebben, landen diese Menschen in der Enttäuschung“, meint Christian Thiel. „In diesen Partnerschaften eskalieren Konflikte, weil Unterschiede nicht ertragen werden.“

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Selbst spirituelle Menschen sprechen davon, dass die so genannten „Dualseelen“ nicht dazu da seien, uns für alle Zeiten glücklich zu machen – sondern uns mitunter auf schmerzhafte Weise bei der emotionalen, seelischen Weiterentwicklung zu helfen.

Und oft genug dient das Argument Seelenverwandtschaft als Rechtfertigung für die Unfähigkeit, loszulassen und eine destruktive Beziehung zu beenden. Denn wenn man sein einzigartiges, schicksalsbestimmtes Gegenüber gefunden hat und es keine*n andere*n gibt, die oder der so perfekt passt – dann muss man doch daran festhalten. Egal, wie schlimm es ist. Oder?

Das ist auf Dauer ungesund, und zwar für die eigene Seele.

Paarberater Thiel meint: „Wer an Seelenverwandtschaft glaubt, der glaubt daran, dass es nur einen einzigen Seelenverwandten gibt. Das ist völlig absurd.“ Und wenn so eine Beziehung dann scheitere, fielen die Menschen danach in ein tiefes Loch, aus dem sie manchmal erst Jahre später wieder herausfänden.

Mut zur Ehrlichkeit

Eine so seltene, innig empfundene Verbindung zweier Menschen kann durchaus dazu beitragen, sich selbst besser kennen zu lernen; vor allem die eigenen Grenzen. Die sind dann erreicht, wenn der Leidensdruck immer weiter steigt, das Selbstwertgefühl kontinuierlich abnimmt und wir langsam merken, das wir uns selbst belügen.

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„Aus Idealisierungen ergeben sich eben auch Konflikte, wenn man hin und wieder in das angeblich ‚wahre‘ Gesicht des Partners schaut“, sagt der Paartherapeut Michael Mary. Sein Lösungsvorschlag: „Am Besten entwickelt man das, was am anderen so fasziniert, für sich selbst. Also beispielsweise Bodenständigkeit, Leichtigkeit oder andere Eigenschaften. So schält man sich allmählich aus der Fixierung auf den Partner.“

Denn erst, wenn man sich selbst und den oder die andere*n als eigenständiges Wesen erkennt und akzeptiert, blühen Beziehung und Seele richtig auf. Auch ohne Verwandtschaft.