Wer in Kuba Nationalheld sein will, wird Boxer

Glorreiche Kämpfer fürs sozialistische Vaterland – und seit Kurzem auch privilegierte Besserverdiener: Kubas Box-Elite.

Patrick Sinkel reiste im November 2015 nach Kuba, um fünf Wochen lang verschiedene Boxer in Havanna und Umgebung zu treffen. Ihn interessierte der Sport als Kampf gegen die vorherrschende Armut. „Es ist insbesondere ein Motiv für die Jugendlichen, Anerkennung zu erfahren, Geld zu verdienen und der Armut zu entgehen“, sagt er. Bereits 2014 hatte er sich mit dem Sport beschäftigt: In Ghanas Hauptstadt Accra war er dem Quell neuer Talente in einen Slum gefolgt. Sinkel selbst hat sich auch im Boxen versucht, zieht aber das Fotografieren vor.

Kuba ist, was den Boxsport betrifft, das zweiterfolgreichste Land der Welt – hinter den USA. Insgesamt konnte der kleine Inselstaat bisher in seiner Geschichte 67 olympische Medaillen gewinnen, davon 34 Mal Gold. Auch deshalb zählt der Boxsport zu den beliebtesten Sportarten Kubas. Viele Kinder beginnen bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren mit dem Boxsport und träumen davon, irgendwann einmal Teil des kubanischen Nationalteams zu sein und zu einem verehrten Nationalhelden zu werden. Frauen dürfen in Kuba zwar auch boxen, aber nicht an Wettkämpfen teilnehmen.

Im Zuge der kubanischen Revolution im Jahre 1959 wurde das professionelle Boxen von Fidel Castro verboten. Es widersprach dem sozialistischen Ideal, dass ein Boxer für individuellen Ruhm und Geld in den Ring steigt und kämpft. Vielmehr entsprach der glorreiche Kämpfer, der sein Land erfolgreich repräsentiert, dem sozialistischen Idealbild. Dementsprechend wurde der Amateur-Boxsport staatlich gefördert und entwickelte sich als Folge dessen zu einem Nationalsport.

[Außerdem auf ze.tt: Fidel Castro ist tot]

Mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Raúl Castro wurde unter anderem auch das kubanische Boxsystem liberalisiert. Die Legalisierung des professionellen Boxsports steht symbolisch für den schleichenden Wandel des sozialistischen Inselstaats und ist Teil der politischen und wirtschaftlichen Liberalisierung Kubas. Seit 2013 ist das professionelle Boxen offiziell wieder erlaubt. Der kubanische Staat fördert zwar weiterhin die besten Boxer Kubas in einem Nationalteam, doch ist es den erfolgreichsten unter ihnen nun auch erlaubt, Verträge mit internationalen Boxverbänden abzuschließen und dadurch zu profitieren. Zukünftig werden die kubanischen Boxer wohl mehr als nur erfolgreiche Repräsentanten eines sozialistischen Staates sein – sie werden zu den ökonomisch privilegierten Helden der Nation zählen.

Die generelle Liberalisierung führt auch zu einer Veränderung des Denkens, insbesondere in der jüngeren Generation. Wahrscheinlich kann man das neue Denken der jungen Kubaner*innen nicht besser zusammenfassen, als ein Nachwuchsboxer mit viel zu großen Boxhandschuhen: „Mein Wunsch ist es, Profiboxer zu werden und in den USA zu kämpfen. Für Kuba!“