Wer Selbstgespräche führt, ist nicht verrückt

Deine Mitmenschen schütteln mitleidig-genervt die Köpfe, wenn du vor dich hin nuschelst? Tja, schade für sie. Denn angeregte Selbstgespräche haben so einige erstaunliche Vorteile.

Selbstgespräche

Wer mit sich selbst spricht, findet nicht nur immer eine*n gute*n Zuhörer*in, sondern hat auch ein paar andere Vorteile © Mr. Nico/Photocase

Während ich diesen Artikel schreibe, treibe ich meine Kolleg*innen mal wieder in den Wahnsinn, indem ich mir Absätze aus Studien laut vorlese, mir selbst Anweisungen gebe, Satzanfänge wispere oder „Aha“ sage. Aber ich gehöre nun mal zu den Menschen, die sich besonders in einem unruhigen Umfeld besser konzentrieren können, wenn sie ihre Gedanken aussprechen.

Laut des „New Yorkers“ sagte der britische Psychologe Charles Fernyhogh von der Universität Durham: „Gedanken in Worte zu übersetzen gibt ihnen eine greifbarere Form, was sie leichter benutzbar macht.“ Das kann ich so zu 100 Prozent unterschreiben.

Dieses Phänomen ist laut Fernyhough gar nicht so ungewöhnlich: Während einige Leute nie mit sich selbst sprechen, verbringen andere bis zu einem Viertel ihrer wachen Tageszeit damit. Und das ist gut so. Denn Selbstgespräche haben ein paar nicht zu unterschätzende Vorteile für Hirn und Herz.

Selbstgespräch
© Giphy

Du kannst leichter lernen

Verbale Stimulation hilft dem Gehirn bei der Wahrnehmung und Informationsaufnahme, also zum Beispiel beim Lernen.

Die Psychologen Gary Lupyan und Daniel Swingley untersuchten in diesem Zusammenhang den Effekt, den das laute Vorsagen unter anderem auf unser Visualisierungsvermögen hat. Die Proband*innen ihres Experiments mussten nach normalen Gegenständen suchen. Diejenigen, die den Namen des zu findenden Objektes dabei laut aussprachen, fanden es schneller als diejenigen, die das nicht taten.

Außerdem gibt es verschiedenen Lerntypen: optisch (sehen), kinästhetisch (berühren) und auditiv (hören). Das heißt: Manche von uns lernen schneller und leichter, wenn sie sich den Stoff laut vorlesen.

Du kannst dich besser erinnern

Selbstgespräche führen dazu, dass das Gehirn den Gedanken nicht nur denkt, sondern richtig visualisiert. Dadurch wird das sensorische Zentrum aktiviert und das Erinnerungsvermögen stimuliert. Wer sich seine Einkaufsliste mehrmals laut selbst vorliest, kann sich zum Beispiel an einzelne Artikel darauf leichter erinnern, als wenn er oder sie sich die Liste nur still durchläse.

[Außerdem bei ze.tt: Warum wir uns so schlecht an unsere Kindheit erinnern können]

Du kannst klarer denken

Wenn wir Gedanken laut aussprechen, können wir sie auch besser sortieren und die einzelnen Aspekte stärker voneinander abgrenzen. Durch die Ansprache des eigenen Ichs als eine andere Person entsteht laut „Psychology Today“ im Gehirn eine emotionale Distanz, wir betrachten uns quasi ein Stück weit von außen. Das macht uns weiser und lässt uns bessere Entscheidungen treffen.

Oder wie es der US-amerikanische Psychologie-Professor Ethan Kross, der auf dem Gebiet forscht, formuliert: „Wenn man mit starken Gefühlen umgehen muss, kann es helfen, einen Schritt zurückzutreten und die Rolle des Beobachters einzunehmen […] Es fällt Leuten leicht, ihren Freunden Ratschläge zu geben, aber wenn es um sie selbst geht, wird es schwierig.“

Ein kleines Selbstgespräch kann da durchaus helfen.

Du kannst dich besser konzentrieren

Wer mit sich selbst redet, kann in diesem Moment weniger leicht abgelenkt werden. Denn die Aufmerksamkeit des Gehirns wird durch das Aussprechen auf den derzeitigen Gedanken (zurück-)gelenkt. Hintergrundgeräusche, Gemurmel – alles plötzlich weniger wichtig. Und wer konzentrierter ist, kann seine Ziele besser erreichen.

[Außerdem bei ze.tt: Wie wir Konzentration lernen können]

Du kannst besser mit Stress umgehen

Nicht nur der Bauch und das Herz müssen sich gelegentlich auskotzen, auch das Gehirn muss bei Stress mal seine wirbelnden Gedanken loswerden. Selbstgespräche dienen hier als wirkungsvolles Instrument der Selbstregulierung; negative Gedanken und dazugehörige Emotionen können durchs Selbstgespräch gebündelt und losgelassen werden.

Wie Psychologe Ethan Kross und Kolleg*innen herausfanden, macht es dabei tatsächlich einen Unterschied, ob wir uns mit „ich“ oder beispielsweise mit dem Vornamen adressieren. Diejenigen, die sich selbst beim Namen nennen, bauen dadurch eine zeitweise größere Distanz zu ihren Gefühlen auf und kommen eher mit emotionalem Stress klar. Außerdem zeigt diese Studie, dass Brustkrebspatientinnen viel besser mit den Folgen ihrer Erkrankung umgehen können, wenn sie positive Gespräche mit sich selbst führen.

Du kannst dich selbst motivieren

„Tschakaaa, ich kann es schaffen!“ Jaja, über diesen Satz kann man schmunzeln – oder sich Leistungssportler*innen anschauen, die mit positiven Selbstgesprächen ihre Leistungsfähigkeit und ihr Durchhaltevermögen steigern. Wie beispielsweise diese Untersuchung über „Motivational Self Talk“ nahelegt.

Und in einer anderen Studie zum Thema aus Japan heißt es: „Diejenigen, die positive Selbstgespräche führten, performten signifikant besser.“ Interessant dabei ist, dass die Art des Selbstgespräches (positiv) sich entscheidender auf die Leistung auswirkte als der Glaube daran, dass es funktioniert.

Mit anderen Worten: Selbst, wenn du „Tschakaaa!“ bloß ironisch brüllst, hilft es dir.

[Außerdem bei ze.tt: Wieso ist es so schwer, nett zu sich selbst zu sein?]

Los, sprich mit dir!

Die Vorteile des Selbstgesprächs liegen also durchaus auf der Hand. Besser und schneller begreifen, lernen und merken, höhere Konzentration, Stressresistenz und Motivation sowie Entscheidungsfähigkeit. Es gibt folglich keinen Grund, sich für sein gelegentliches Gebrabbel schlecht oder verrückt zu fühlen.

Und bevor ich’s vergesse, ein Nebeneffekt wäre da noch: Es wird nie langweilig, schließlich hast du immer jemanden zum Reden.

Außerdem auf ze.tt