Wer verdammt nochmal schimpft, ist ein ehrlicherer Mensch

Wer regelmäßig flucht, tendiert dazu, weniger zu lügen und zu betrügen. Das fanden Wissenschaftler*innen heraus. Was für ein geiler Scheiß!

Danke für die Ehrlichkeit. © madochab / photocase.de

Die vulgäre Sprache ist in vielen Situationen tabu: im politischen Kontext, im beruflichen, im elterlichen. In Schulen, in Kirchen, in Ämtern. Bei Vorgesetzten, älteren und Autoritätspersonen, bei Fremden. Obszönität ist unzüchtig, sie ist unangebracht und beleidigend. Meistens enthält sie sexuelle Referenzen, Blasphemie oder Kraftausdrücke, und meistens drücken wir damit starke Emotionen aus, beispielsweise Zorn, Frustration oder Überraschung. Trotz alledem – oder genau deswegen – kann das profane Wort aber auch unterhalten und überzeugend wirken.

Sowohl Unehrlichkeit als auch Obszönität scheinen zwar oft mit niedrigen moralischen Standards einherzugehen, Wissenschaftler*innen aus Maastricht, Stanford, Hong Kong und Cambridge konnten nun aber eine positive Beziehung zwischen Authentizität und Schimpfen herstellen. Denn wer schimpft, drückt seine Gefühle aus – ungefiltert und aufrichtig.

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„Schimpfen ist oft unangebracht, kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass jemand seine ehrliche Meinung mitteilt“, sagt David Stillwell, einer der Autor*innen der Studie und Professor an der Cambridge Universität. „Genauso wie man seine Sprache ungefiltert lässt, um annehmbarer zu wirken, lässt man in diesem Fall auch seine Ansichten ungefiltert.“ Auf der einen Seite wird Schimpfen also Menschen zugeschrieben, die moralisch verwerflich handeln, auf der anderen Seite sind schimpfende Menschen dabei wenigstens ehrlich.

Drei Experimente, ein Ergebnis

Die Wissenschaftler*innen fanden das in einer dreiteiligen Studie heraus. Bei einem ersten Fragebogen befragten sie 276 Teilnehmer*innen nach ihren meist genutzten und liebsten Schimpfwörtern. Darüber hinaus sollten sie die Gründe für den Gebrauch dieser Wörter nennen und zusätzlich angeben, welche Emotionen sie dabei empfinden – Wut, Verlegenheit oder Angst. Unabhängig davon wurde im Anschluss mit einem Set von Fragen des Eysenck-Persönlichkeitstests festgestellt, wie ehrlich die Person ist. Diejenigen, die zuvor eine höhere Anzahl von Schimpfwörtern aufgeschrieben hatten, schnitten beim Lügentest besser ab: Sie logen weniger.

In einer zweiten Forschungsrunde werteten die Forscher*innen Daten von 75.000 Facebooknutzer*innen aus. Sie maßen den Gebrauch von Schimpfwörtern in deren Online-Interaktionen. Das Ergebnis: Diejenigen, die online obszöner sind, verwendeten Sprachmuster, die in früheren Studien mit Ehrlichkeit assoziiert wurden, wie zum Beispiel der Gebrauch von Pronomen wie „ich“, „mich“ und „mir“.

[Außerdem auf ze.tt: „Ziag o, du Wiaschtl!“ Wenn Deutsche versuchen, auf Wienerisch zu fluchen]

In einem dritten Teil gingen die Forscher*innen auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene. Sie benutzten hierfür die Daten der Integritätsanalyse aus dem Jahr 2012 – eine staatliche Messinstanz darüber, wie transparent und nachvollziehbar die Landesregierungen von 48 US-Staaten agieren. Diese Daten verglichen die Forscher*innen mit den Schimpfwerten eines repräsentativen Teils von Teilnehmer*innen der oben genannten Facebookstudie.

Auch hier ergab sich eine Korrelation zwischen dem regelmäßigen Gebrauch von Schimpfwörtern und Integritätswerten: Beispielsweise wird in Connecticut und New Jersey gerne geschimpft, die beiden Staaten sind dafür auf den obersten Plätzen in der Integritätswertung. Im Gegensatz dazu sind die Bewohner*innen von South Carolina höflich und schimpf-schüchtern, die Landesregierung agiert laut der Integritätsanalyse aber nicht gerade transparent.

„Wir wollten eine empirische Antwort auf die konkurrierenden Ansichten über die Beziehung zwischen Profanität und Ehrlichkeit liefern“, schreiben die Wissenschaftler*innen. „Im Rahmen von drei Studien auf sowohl individueller, als auch auf gesellschaftlicher Ebene fanden wir heraus, dass eine höhere Profanitätsrate mit mehr Ehrlichkeit assoziiert werden kann.“

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