Weshalb du mit Menstruations-Apps kritischer sein solltest

*Zu pink, zu unangepasst, zu heteronormativ: Ein Team der Universität Washington untersuchte neun Menstruations-Apps – und formuliert Verbesserungsvorschläge.

Menstruation goes digital. Foto: ze.tt

Herzschlag, Blutdruck, Schrittzahl. Mittlerweile gibt es kaum ein körperliches Phänomen, das Smartphone-Nutzer*innen nicht mit einer App dokumentieren und kontrollieren können. Lange ignorierte die Tech-Branche dabei, was für fast jede Frau ein monatliches Ritual ist: die Periode. Ein Thema, das in unserer Gesellschaft immer noch oft tabuisiert wird.

Erst 2015 integrierte Apple die Möglichkeit der Periodenaufzeichnung in der HealthKit-App – eine auf iOs-Geräten vorinstallierte Software, die es schon seit 2007 gibt. Damit können Frauen Daten zu Menstruation, Schmierblutungen und Zervixschleim dokumentieren. Andere Unternehmen erkannten die Marktlücke schon früher: Das Start-up Clue bietet seit 2013 den Menstruationskalender per App auf dem deutschen Markt an.

Aufgrund der steigenden Relevanz solcher App-Dienste untersuchte eine Forschungsgruppe der University of Washington in einer Studie neun Menstruations-Apps für iOs und Android (Clue, Eve, Glow, Life, P. Tracker, Period Diary, My Days, Period Calendar und Pink Pad) auf ihre Funktionen, Aussehen und Zufriedenheit der Nutzer*innen.

Den Körper besser kennenlernen

Dazu zogen die Wissenschaftler*innen Daten und Informationen aus über 2.000 Menstruations-App-Bewertungen, befragten 687 Frauen und führten qualitative Interviews mit einem Dutzend durch. In den Interviews wollte die Forschungsgruppe herausfinden, wie und warum die Nutzer*innen Menstruations-Apps anwenden.

Fast die Hälfte der Befragten gab an, ihre Periode per App zu dokumentieren, um die einzelnen Zyklusphasen besser einschätzen und ihre Blutungen vorhersehen zu können. Zudem gaben viele an, mit den Apps Schwangerschaft einleiten oder verhindern und besser auf ihre Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen vorbereitet sein zu wollen.

Die Ergebnisse fassten die Wissenschaftler*innen in einem Paper zusammen. Insgesamt weisen die Apps einige Mängel auf. Besonders kritisierten die Nutzer*innen, dass die Apps keine Möglichkeiten bieten, Zwischenblutungen oder andere Unregelmäßigkeiten einzutragen, weshalb die Voraussagen oft falsch lägen. Die Dienste sind daher besser für Frauen geeignet, die eine regelmäßige Periode haben – und diese brauchen Menstruations-Apps in der Regel nicht.

Unanpassbare Einstellungen und zu pinke Designs

„Die Befragten hatten nicht das Gefühl, dass die Apps ihre persönlichen Bedürfnisse und Präferenzen unterstützen können“, sagt der leitende Autor Daniel Epstein, Doktorand an der Allen School of Computer Science & Engineering. Die Apps seien nicht anpassbar. Wollte eine Frau beispielsweise nicht schwanger werden, bräuchte sie detaillierte Informationen darüber, in welchem Zeitraum sie keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr haben darf. Auf solche Bedürfnisse gehen die meisten Apps nicht ein.

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Zudem kritisierten die Forschenden die Aufmachung der meisten Menstruations-Apps. Die Designs seien größtenteils in pink, rosa und blumig gehalten. Die kommerziell auf Frauen angepasste Aufmachung der Apps übertünchten gar die Funktionalität, so Epstein. Auch die Resonanzen auf die Designs fielen schlecht aus: „Eine der häufigsten negativen Reaktionen war: ‚Warum ist meine App pink?'“

Dabei bedienen sich die Apps heteronormativer Stereotypen und reproduzieren die binäre Geschlechterteilung in Mann und Frau. Dazu gehört auch, dass die Menstuations-Apps gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht kennen und Menschen, die sich nicht binär-geschlechtlich definieren ausschließen.

Fünf Verbesserungsvorschläge

Die Wissenschaftsgruppe arbeitete auf Grundlage ihrer Forschung fünf Vorschläge aus, die die Menstruations-Apps optimieren könnten: Erstens sollten die Apps besser individuell einstellbar werden, um spezifische Bedürfnisse zu erfüllen. Zweitens empfehlen die Wissenschaftler*innen, die pinken Designs zu überdenken. Drittens: schlichtere Designs. Viertens rieten sie zu einer Funktion, die es Nutzer*innen ermöglicht, die Daten auf andere Gesundheits-Apps zu übertragen. Und zuletzt empfehlen sie, die Apps besser auf Menstruationsschwankungen und somit kundengerechter einzustellen.