Wie man mit „Pokémon Go“ gegen Pegida protestieren kann

Um die Montagsdemo von Pegida in München zu behindern, rief die Aktivist*innen-Gruppe Love, Beats & HappyBass zum Protest auf – mit einem ungewöhnlichen Hilfsmittel.

Fotos: Love, Beats & HappyBass

Pokémon auf der Pegida-Gegendemo. Fotos: Love, Beats & HappyBass

Alle reden über „Pokémon Go“, das Smartphone-Spiel, das zumindest unter Android-Nutzer*innen binnen kürzester Zeit beliebter war als Tinder. Es sorgte zudem für zig Schlagzeilen: US-Spieler*innen entdeckten auf der Pokémon-Jagd eine Leiche, Museen sahen sich gezwungen, Spielverbote auszusprechen und immer wieder kam es zu Massenaufläufen.

[Außerdem auf ze.tt: Von Null auf Fan! So geht Pokémon für Newbies]

Jetzt hat es das Smartphone-Spiel sogar zum Hilfsmittel für den politischen Protest gebracht. Love, Beats & HappyBass rief am Montag zur Gegendemo gegen Pegida auf – „Pokémon Go“ half der Gruppe dabei, noch mehr Menschen zum Protest zu locken. Wir haben mit den Organisator*innen der Aktion gesprochen, die anonym bleiben wollen.

ze.tt: Ihr müsstet es jetzt aus erster Hand wissen: Welche Pokémon hängen am häufigsten bei einer Pegida-Demo rum?

Alistration hat das ja perfekt zusammengefasst:

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Sehr viele davon waren auch gestern wieder zugegen, insbesondere Besorgbyrg, Pegidoof, Rykesbyrga – ein furchtbar unhöfliches, französisches Exemplar namens Stephane Simon – und EnPeDe – hier mit der Vorsitzenden Renate Werlberger sogar in der höchsten Entwicklungsstufe.

Ihr habt im Spiel Pokémon zum Odeonsplatz gelockt, um auf diese Weise auch die Pokémon-Trainer*innen der Stadt zur Demo gegen Besorgtbyrg und Co. zu holen. Wie seid ihr denn auf die verrückte Idee gekommen?

Das Ganze ist aus einer ersten Abneigung gegenüber dem Hype entstanden. Als Antwort auf einen, nennen wir es mal „Pokémon Go“-kritischen Tweet über unseren Twitter-Account meinte ein Follower: „Was glaubt ihr, was los wäre, wenn bei der Pegida-Kundgebung Lockmodule platziert würden …?“ [Anm. d. Red.: Mit Lockmodulen lassen sich in „Pokémon Go“ die virtuellen Tiere an einen bestimmten Ort lotsen.] Und so war die Idee geboren, obwohl zu dem Zeitpunkt keiner von uns wusste, was ein Lockmodul überhaupt ist. Mittlerweile sind wir leider auch alle schwerst „Pokémon Go“-abhängig und kaum noch in der Lage, unserem Broterwerb nachzugehen.

Ihr habt vermutlich auch Leute auf eure Gegendemo aufmerksam gemacht, die ausschließlich Pokémon fangen wollten. Könnt ihr prozentual einschätzen, wie viele zum Fangen und wie viele zum Buhrufen da waren?

Das lässt sich schwer abgrenzen. Die Leute, die tatsächlich wegen unseres Aufrufs kamen – und das war ja nicht der Einzige, hier möchten wir unbedingt auf Nobagidamuc hinweisen, die unermüdlich bei jeder Pegida-Kundgebung zum Gegenprotest aufrufen –, haben irgendwann in die Sprechgesänge eingestimmt oder gepfiffen. Und viele der „üblichen Verdächtigen“, die regelmäßig am Gegenprotest teilnehmen, haben gestern sowieso Smartphones gezückt.

Das Gute war, dass über die PegimonGo-Aktion viele miteinander ins Gespräch gekommen sind. Und sowieso, alles ist spannender, als den Reden von Pegida zuzuhören. Wir haben Pokémons gejagt, Seifenblasen versprüht und geratscht – friedlich und bunt, so wie München halt ist.

Ließen sich die Pokémon-Trainer*innen auch für eure Aktion gewinnen? Oder fühlten sich manche hintergangen?

Nein, wir haben nur positives Feedback erhalten. Wir hatten auch nur ein Lockmodul platziert, den Rest hat die Pokémon-Community im Alleingang geregelt.

[Außerdem auf ze.tt: Wie du sinnvoll und gefahrlos demonstriest]

Reicht ein klassischer Aufruf zur Gegendemo inzwischen nicht mehr aus, um die Leute zu begeistern? Sind wir Demo-müde geworden?

Jein. Durch die oft rigide Polizeigewalt und auch massive Polizeipräsenz während der kleinen Pegida-Demonstrationen trauen sich viele gar nicht mehr auf die Gegendemo, aus Angst vorverurteilt oder von der Polizei belästigt zu werden. Daher ist es immens wichtig zu zeigen, dass wir als Gruppe für friedliche, witzige und kreative Formen von Protest sind, bei denen auch Kinder und Familien willkommen sind. Schließlich brauchen wir ja Unterstützung beim Seifenblasenpusten und Konfettiwerfen! Demomüde ist, glauben wir, niemand, wir müssen nur aufzeigen, dass eine Demonstration keine klassische Frontalveranstaltung ist mit schlechtem Sound und vier Stunden Langweile, da ist Pokémon jagen, Glitter schmeißen, Einhörner verkörpern, Seifenblasen pusten und guten Sound hören wesentlich unterhaltsamer und zeigt auch viel eher die utopistische Richtung, wie wir uns eine ideale (Stadt-)Gesellschaft vorstellen. Die Pegida-Gruppierung in München neben Dresden und Leipzig ist halt leider die ausdauerndste. Und dieser Tatsache geschuldet ist der Gegenprotest von anfänglich bis zu 20.000 Teilnehmern auch auf wenige Hundert geschrumpft – gleichzeitig aber auch die Zahl der Teilnehmer bei Pegida von 1.800 beim ersten Auftreten auf unter 100. Es ist einfach eine dauernde Wiederholung des immer gleichen Schauspiels. Und wir unterbrechen das erfolgreich.

[Außerdem auf ze.tt: Wie du eine Demo organisierst]

Die Medien sind durch eure Unterbrechung auf jeden Fall euch auf aufmerksam geworden – aber was hat Pegida eigentlich gesagt?

Kein Plan, die sind doch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, oder? Wobei, wenn es sie richtig geärgert hat freut es uns natürlich! Spaß beiseite, bei allem Humor dürfen wir nicht vergessen, dass wir es hier mit einer gefährlichen rechtsextremen Bewegung zu tun haben, die insbesondere im München keinerlei Berührungängste hat. Hier laufen vermeintlich besorgte Bürger seit Beginn neben AfD, NPD, Nazihools und verurteilten Rechtsterroristen. Das, und die Tatsache dass ihre Agitation zu einer stark verschobenen Wahrnehmung in der Bevölkerung geführt hat, die mittelbar für die explodierende Gewalt gegen „die Anderen“ verantwortlich ist, dürfen wir nicht außer Acht lassen. Bei aller Liebe für Pokémon, wir brauchen momentan ganz dringend jede Menge Liebe für unsere Gesellschaft. Und egal was Pegida dazu sagt, wir sind lauter, lustiger, kreativer und haben Süßigkeiten für alle!