Wie Baumwolle aus Kamerun als deutscher Stoff auf dem afrikanischen Markt landet

In sogenannten Ethnoläden in Deutschland hängen überall buntbedruckte Stoffe. Für uns ganz klar: Die kommen aus einem afrikanischen Land. Schlendert man wiederum über einen Markt in Westafrika, bekommt man die selben Stoffe als deutsche Ware angeboten. Was stimmt denn nun?

© Nikolas Schall

Niederländische Wachsstoffe werden in einem Geschäft in Kamerun verkauft. © Nikolas Schall

Nikolas Schall studiert Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Für seine Masterarbeit hat er sich die Baumwollproduktion im Norden von Kamerun angeschaut und kennt die Antwort.

ze.tt: Nikolas, kommen die Stoffe nun aus Afrika oder Europa?

Nikolas Schall: Auf dem örtlichen Markt werden Stoffe, die auf europäischen Märkten als typisch „afrikanische“ Stoffe bekannt sind, als deutsche oder holländische Stoffe gehandelt, da die kamerunische Baumwolle in Deutschland und den Niederlanden weiterverarbeitet wird.

Was heißt weiterverarbeitet, was sind das für Stoffe?

Die Stoffe basieren auf einem Wachsdruckverfahren, das in den Niederlanden angewendet wird. Bereits in der Kolonialzeit waren die in Holland bedruckten Stoffe in West- und Zentralafrika beliebt. Sie besitzen heute immer noch eine zentrale Bedeutung in der westafrikanischen Modelandschaft. Dann gibt es noch sogenannte Bazin-Stoffe, glänzende handgefärbte Damaststoffe, die im deutschsprachigen Raum produziert, in Mali gefärbt und unter dem Namen des malischen Importeurs mit dem Zusatz „bazin allemand“ verkauft werden. Im kamerunischen Maroua werden dann daraus Gewänder geschneidert, die in verschiedenen Regionen Afrikas von muslimischen Männern getragen werden.

Baumwollfelder in Djalingo im Norden von Kamerun. © Issouf Sanogos /AFP /Getty Images
Baumwollfelder in Djalingo im Norden von Kamerun. © Issouf Sanogos / afp /Getty Images
© Issouf Sanogo /AFP /Getty Images
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Wie kann ich mir die Baumwollproduktion in Kamerun überhaupt vorstellen?

Die Baumwollproduktion in Kamerun ist stark von der staatlichen Baumwollgesellschaft abhängig. Die vergibt Produktionsmittel wie Samen, Dünger und Pestizide auf Kredit an die Baumwollproduzenten und legt zu Beginn der Saison genaue Verkaufspreise fest. Der Baumwollanbau ist eine extrem harte körperliche Arbeit. In der Erntezeit wird den ganzen Tag über mit der Familie auf dem Feld gearbeitet. Am Anfang des Jahres wird festgelegt, wie viel die Produzenten für die Baumwolle bekommen. Und das ist ein Problem.

Eine Frau arbeitet auf einem Baumwollfeld in Djalingo im Norden von Kamerun. © Issouf Sanogo /AFP / Getty Images
Eine Frau arbeitet auf einem Baumwollfeld in Djalingo im Norden von Kamerun. © Issouf Sanogo / afp / Getty Images

Warum ist das ein Problem? 

Beispielsweise führte eine schwere Überschwemmung in Pakistan, einem der größten Baumwollanbaugebiete der Welt, im Jahr 2010 dazu, dass die Weltmarktpreise für Baumwolle extrem in die Höhe schnellten. Die Produzenten in Kamerun konnten, wegen der im Vorfeld festgelegten Preise, nicht an der gesteigerten Nachfrage mitverdienen, sodass ein inoffizieller Baumwollhandel mit dem Nachbarland Nigeria entstand.

Also quasi Baumwollschmuggel. Wie funktionierte der genau?

Die kamerunischen Transporteure bringen die Baumwolle auf dem Motorrad über die Grenze nach Nigeria und verkaufen sie dort weiter. Da es dort keinen festen Preis für die Baumwolle gibt, können die Händler einen höheren Gewinn erzielen. Durch Interviews habe ich herausgefunden, dass der informelle Baumwollhandel 2011 enorme Dimensionen angenommen hat. Nach Schätzungen der staatlichen Baumwollgesellschaft in Kamerun wurden so alleine bis März 2011 zwischen 26.000 und 30.000 Tonnen Baumwolle nach Nigeria verkauft. Das ging sogar soweit, dass die staatliche Baumwollgesellschaft in dem Jahr die Gefahr sah, nicht auf die circa 60 Prozent der bereits zuvor per Termingeschäft verkauften Baumwolle zu kommen.

© Raphael Ngueko
So sehen die Motorräder aus, wenn sie beladen sind. © Raphael Ngueko
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Die Baumwolltransporteure auf ihrem Weg zur Grenze. © Raphael Ngueko

Und in Nigeria landeten die Stoffe dann auf dem heimischen Markt, oder wurden sie dort auch wieder weiterverkauft?

Die Baumwolle ist auch in Nigeria nicht für den heimischen Markt gedacht. Sie ist dort in dieselben globalen Netzwerke eingebunden wie in Kamerun. Sie wird zum Beispiel nach China weiterverschifft.

Wie ist denn die Lage heute, wird immer noch geschmuggelt? 

Heute ist die Lage eine andere, denn auch im Norden Kameruns ist der Terror der nigerianischen Boko Haram angekommen. So ist es in manchen Gegenden verboten, nach 18 Uhr Motorrad zu fahren. Die Sorge vor Anschlägen ist groß. Außerdem haben viele nigerianische Flüchtlinge Zuflucht in Kamerun gesucht. Ich glaube, dass daher aktuell kein informeller Handel stattfindet. Die Region hat vor allem mit dem Flüchtlingszuwachs und der Terrorangst zu kämpfen.


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