Wie befreiend es ist, nackt zu baden

Nudist*innen werden gerne als Spinner*innen abgestempelt. Dabei haben sie uns etwas voraus: Mit den Kleidern fallen Zwänge.

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Nacktbaden ist gefühlte Freiheit. © Gettyimages

Warum sind wir eigentlich nicht nackt, wenn wir an den See gehen? Das Nacktbaden ist in vielen Teilen der Welt verpönt, teils sogar streng verboten. Der Grund: unser Schamgefühl.

Davon profitiert insbesondere die Bademode-Industrie. Sie wächst und ist unglaublich umsatzstark – 2013 machte sie 336 Millionen Euro. Jährlich erscheinen neue Kollektionen, die unser Schamgefühl stärken: Was am Strand oder See getragen wird, beeinflusst stark, wie uns andere Menschen wahrnehmen. Haben wir Verständnis von Mode? Haben wir Stil, sind wir modern? Können wir das mit dieser Figur denn überhaupt tragen? Prominente Vorbilder wie David Beckham oder Heidi Klum zeigen, was und wie wir uns kleiden sollen. Was mitschwingt: Der Traumkörper dazu ist obligatorisch. Farben und Formen der Bademode haben der aktuellen Saison zu entsprechen. Andernfalls ist Frau oder Mann halt wahlweise out oder unförmig.

Müssen wir uns denn überhaupt dem Zwang zur Kleidung unterwerfen? In der Vergangenheit hat der Mensch schon mal unbeschwerter gebadet.

In der Antike waren sie einfach nackt

Bis ins Spätmittelalter gab’s solche Probleme nicht. Beginnend in der griechischen Antike, badete die einfache Bevölkerung sogar bis ins 19. Jahrhundert in Flüssen und Seen nackt, oft nach Geschlechtern getrennt. In den Badehäusern gab es aber immer wieder teilweise Verbote und Regeln in Badehäusern – immer befeuert durch die Kirche.

Im vierten Jahrhundert schon wurde Nacktheit nämlich zumindest kirchenamtlich verdammt. Wer sich widersetzte, war ein Ketzer. Nacktheit habe immer auch etwas mit Sexualität zu tun und dürfe nicht öffentlich zur Schau gestellt werden.

Trotzdem begann in Mitteleuropa die wirksame Tabuisierung der öffentlichen Nacktheit erst recht spät, im 18. Jahrhundert, wie Oliver König in seinem Buch „Die Nacktheit beim Baden“ schreibt. Grundtenor: Die Menschen haben sich sexuell zu beherrschen und sich daher auch nicht nackt an Stränden und Seen zu zeigen. Die soziale Erwartungshaltung stieg, sich in allen öffentlichen Situationen zu kleiden. Im frühen 19. Jahrhundert setzte sich dann auch die Bademode durch – und deren wirtschaftlicher Siegeszug konnte beginnen.

Damit einhergehend wuchs auch das Schamgefühl dem eigenen Körper gegenüber. Gipfel dieser Entwicklung markierte die Prüderie des viktorianischen Zeitalters. So verrückte sich langsam die Moralvorstellungen der Menschen: Wer nackt ist, tut etwas Falsches.

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Was Kirche und Politik aber nie begriffen hatten: Diese Nacktheit beim Baden war schon damals viel mehr. Sie war gelebter Liberalismus. Egal ob groß, klein, dick, dünn: Nackt sind alle gleich. Mit Sexualität und Exhibitionismus hatte das im Allgemeinen wenig zu tun.

1898 entstand die heutige Freikörperkultur (FKK) in Essen mit genau diesen Leitgedanken. Motto: „Wir sind nackt und sagen Du.“ Sie versucht außerdem aufzuklären: Scham bei Nacktheit ist falsche Scham, impliziert sie doch ganz offensiv, dass wir uns für irgendetwas an unserem Körper zu schämen hätten.

Nackt sein heißt frei sein

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Studien zufolge empfinden viele Menschen in Deutschland Nudismus als Spinnerei und Nacktbaden als „abstoßend“ (Spitzenreiter ist Bayern mit 31 Prozent). Immerhin: 17 Prozent der Deutschen geben an, schon einmal in ihrem Leben nacktgebadet zu haben.

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Nudist*innen, Naturist*innen, FKK-Fans und Menschen, die einfach gerne nackt ins Wasser springen, können bestätigen: Mit den Kleidern legt man auch Alltags-Zwänge ab. Denn plötzlich ist ja völlig egal, was man trägt. Nacktes Schwimmen ist ein unvergleichliches Gefühl von Freiheit.

Anhänger*innen der FKK berichten außerdem von einem starken Gefühl der Gemeinschaft, Achtung und Solidarität untereinander und der Umwelt. Der Respekt vor dem Körper der anderen steige, ebenso wird man sich selbst seines Körpers stärker bewusst. Schamgefühle verschwinden, was in der gesellschaftlichen Kommunikation enorme Vorteile bieten kann.

Auch ganz praktische Vorteile bietet das Nacktbaden: Umziehen nach dem Schwimmen entfällt, der Körper wird durchgängig braun. Vor allem aber: Eine Badehose oder einen Bikini brauchen Nacktbadende nicht zu kaufen.

Auch wenn es zumindest wirtschaftlich einer Katastrophe gleichkäme, würden plötzlich alle nur noch nackt baden: All diese Punkte sprechen doch dafür, es zumindest zu probieren. Und wenn es nur darum geht, einmal selbst auszutesten, ob es wirklich einen Grund für unser Schamgefühl gibt – oder ob es nicht doch mit der Kleidung abgelegt werden kann.

Nacktbadeseen in Deutschland finden Interessierte hier, Adressen im Ausland hier.