Wie belastbar ist der erste Eindruck von fremden Menschen?

Nur wenige Sekunden und das Urteil steht fest: sympathisch oder nicht sympathisch. Wie viel können wir auf diesen Eindruck geben – und warum lässt er sich so schwer revidieren?

Was ist das für ein Mensch? © flickr I Matt McDaniel

Ich mochte sie nicht. Wie sie mit den Wimpern klimperte: voll affektiert. Wie sie sprach: so gekünstelt kleinmädchenhaft. Und diese Klamotten: von der Schaufensterpuppe abgeluchst. Sobald die Saison vorbei war, landeten die doch sicher in der Tonne. Trendopfer!

Mein erster Eindruck von Melanie war kurz und heftig: Die neue Kollegin war ganz klar eine Tussi. Dabei blieb ich auch, bis die Betriebsweihnachtsfeier mich dazu nötigte, meine Meinung zu revidieren. Wir kamen das erste Mal so wirklich ins Gespräch und ich musste überrascht feststellen: Die ist ja total lieb! Offenherzig, umgänglich, interessiert. Ich rügte mich für mein vorschnelles Urteil: Mensch, bist du oberflächlich, Henrike! Das kannst du besser.

Heute, einige Monate später, muss ich meinen Selbsttadel von damals zurücknehmen. Melanie IST aufgesetzt, fake und sehr auf Äußerlichkeiten fixiert. Mein erster Eindruck war richtig gewesen. Unterschätzen wir womöglich unser Bauchgefühl? Kann die Amygdala, unser Zentrum für schnelle emotionale Urteile, mehr, als wir ihr zutrauen?

Sind wir gute Menschenkenner?

Hans-Peter Erb, Sozialpsychologe und Professor von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, muss lachen, als ich ihm von meiner Vermutung erzähle: „Sie hätten wohl gerne, dass wir alle gute Menschenkenner sind, das stimmt aber nicht.“  Trotzdem wundert er sich nicht im Geringsten über meine Unsympathisch-sympathisch-unsympathisch-Historie mit Melanie. „Umgekehrt wäre das viel seltener zu erwarten, also erst positiv, dann negativ, dann wieder positiv“, meint Erb. Dass ich am Ende wieder bei meiner negativen Erstmeinung angekommen sei, habe etwas damit zu tun, dass negative Begebenheiten „diagnostischer“ und damit schwerwiegender seien. Aber eins nach dem anderen.

[Außerdem bei ze.tt: Aus diesen ersten Nachrichten wurde Liebe]

Zunächst einmal ist sich die Sozialpsychologie einig: Der erste Eindruck ist nichtssagend. Es ist unmöglich sich binnen weniger Sekunden ein fundiertes Bild über einen Menschen zu machen. Die Informationslage ist schlicht und ergreifend zu dünn. Auch Körperhaltung und Gesichtsausdruck geben keinen Aufschluss über den Charakter einer Person. Sie sagen lediglich etwas über die Situation aus, in der sich jemand befindet. Happy face – happy moment. Sad face – sad moment. So einfach ist das. Die ganzen Eigenschaften, die ich Melanie aus dem Bauch heraus zugeordnet habe, waren also reine Spekulationen.

Erb vermutet, dass sie wahrscheinlich daher rührten, dass ich schon mal eine Person gekannt haben muss, die ähnlich aussah wie Melanie und tatsächlich eine Tussi war. Halo-Effekt nennt man das in der Wissenschaft. Es wird ein Zusammenhang angenommen, wo keiner ist. Bestimmter Look gleich bestimmter Charakter. Oder zu Deutsch auch: Vorurteil.

Warum es schwer ist, den ersten Eindruck zu revidieren

Dennoch ist es nicht einfach, sich dem ersten Eindruck gegenüber zu verwehren. Er greift ganz automatisch und unbewusst. Und wenn wir einer Person erstmal den Stempel sympathisch/unsympathisch aufgedrückt haben, lässt er sich nur schwer wieder abwaschen. Dafür sorgen Erb zufolge drei Mechanismen, die uns allesamt glauben machen, unser Ersturteil sei wahrhaftig valide.

  1. Der erste Mechanismus ist das sogenannte positive Hypothesen-Testen. „Menschen tendieren dazu, bestätigende Informationen zu suchen“, erklärt er. Das kommt mir in der Tat bekannt vor. Melanie hat den Pulli von letzter Woche an: Nehme ich nicht wahr. Sie trägt einen neuen: Wusste ich’s doch, ständig nur am Shoppen. Mechanismus eins geht aber noch weiter: „Mehrdeutige Informationen werden dann so verzerrt, dass sie die Anfangshypothese untermauern“, fügt Erb hinzu. Auch hier fühle ich mich ertappt, denn wenn Melanie sich hilfsbereit zeigte, interpretierte ich ihr Verhalten oft als Akt des Einschleimens. Es passte in mein Bild von der Kollegin, die fake ist.
  2. Mechanismus Nummer zwei ist der der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: „Wenn wir einen bestimmten Eindruck von einer Person haben, dann verhalten wir uns entsprechend“, erklärt Erb. „Dieses Verhalten wird vom Gegenüber wahrgenommen, wodurch es sich umgekehrt dann auch wieder so verhält, dass es dem ersten Eindruck entspricht.“ Es sei ein beidseitig unbewusster Vorgang, so der Sozialpsychologe. Gut möglich, dass es Melanie auch so geht. Vielleicht spürt sie meine Vorbehalte gegenüber ihrer Person. Das wiederum verunsichert sie so sehr, dass sie in meiner Anwesenheit nicht sie selbst sein kann. Also folgt sie in ihrer Orientierungslosigkeit einem Drehbuch, das ich für sie geschrieben habe. 
  3. Der dritte Mechanismus, der sicherstellt, dass wir unseren ersten Eindruck nicht anzweifeln, ist die Kontaktvermeidung: „Leuten, die man nicht mag, geht man aus dem Weg. Dadurch haben sie keine Chance, den negativen ersten Eindruck zu revidieren“, führt Erb aus. Hier fallen Melanie und ich aus dem Raster. Da wir zusammen arbeiten,  müssen wir zwangsläufig miteinander vorlieb nehmen. Genau dieser Umstand könnte jedoch erklären, warum ich den negativen ersten Eindruck über meine Kollegin kurzzeitig korrigiert hatte, glaubt Erb: „Wenn wir einem Urteilsobjekt über längere Zeit ausgesetzt sind, entwickeln wir automatisch eine positivere Einstellung.“  Da unerfreuliche Ereignisse erfreuliche aber in der Wahrnehmung überschatten, reichte eine – in meinen Augen – affektierte Geste Melanies aus, um mich wieder zu meinem Ersteindruck zurückzuführen: Hab ich’s doch gewusst, Tussi!

Lässt sich dagegen etwas tun?

Doch wie schafft man es, diese Mechanismen außer Kraft zu setzen oder den ersten Eindruck erst gar nicht entstehen zu lassen? Durch Bewusstwerdung, sagt der Sozialpsychologe Erb. „Wenn mir jemand auf Anhieb unsympathisch ist, muss ich mich fragen: Woran könnte das liegen? Vielleicht fällt mir dann auf, dass derjenige Tätowierungen hat und ich Vorurteile gegenüber Tätowierten habe. Also muss ich mir sagen: Du darfst dich von diesem Vorurteil jetzt nicht beeinflussen lassen. Gucke mal lieber auf andere Merkmale!“

Voreiligen Meinungsbildnern wie mir rät er: „Distanzieren Sie sich vom ersten Eindruck, warten Sie ab. Räumen Sie dem, der Ihnen negativ erscheint, eine Chance ein. Reagieren Sie aber auch nicht zu euphorisch, nur weil Ihnen jemand sofort sympathisch erscheint. Vielleicht ist die Enttäuschung dann umso größer.“ Der erste Eindruck sei eine fifty-fifty-Chance.