Wie mir Comedy half, zu meinen Depressionen zu stehen

Eine Depression ist nicht zum Lachen. Unser Autor erklärt, warum es ihm trotzdem geholfen hat, die Krankheit nicht immer ernst zu nehmen.

"Depression war ein besonderes Tabu in meinem Heimatdorf. Das Wort 'Depression' flüsterte man nur." © madochab / photocase.de

Ist eine Depression lustig? Nicht, wenn man mittendrin steckt. Wenn ich richtig depressiv bin, kostet es mich unvorstellbare Kraft, die einfachsten Dinge zu tun. Morgens aufzustehen, duschen, kochen, essen. An Arbeit brauche ich gar nicht erst denken. Den ganzen Tag bin ich gefangen in meinem eigenen Kopf, bin besessen von Gedanken daran, dass ich und alle die ich liebe eines Tages sterben werden und das Leben sinnlos ist.

Da sind aber auch die anderen Phasen. Die, in denen es mir besser geht. Dann sieht dasselbe Leben, das eben noch sinnlos und überfordernd war, ganz gut aus. Es fällt mir dann schwer, diese andere, pessimistische Version von mir zu verstehen. Dann sehe ich meine Depression so, wie andere sie von außen sehen: als Selbstsabotage, als würde mein Gehirn mir einen Streich spielen. Dann gibt es nichts Lustigeres für mich als meine Depression.

Mit anderen Worten: Es ist eine Frage der Perspektive. Was mir heute durch depressive Phasen hilft, sind kurze Augenblicke, in denen ich die Perspektive wechseln kann. Diese musste ich mir aber lange Zeit erarbeiten.

Die Macht von Humor

Ich hatte schon in früher Kindheit Wutausbrüche, die ein Therapeut später als frühes Symptom meiner Depression einordnete. Meine Eltern waren damals überfordert, auch wütend über ihr vermeintlich schwieriges Kind. Sicher verstärkte das meine Depression noch, aber der wirkliche Ursprung war wohl eine auf beiden Seiten der Familie vorhandene Veranlagung zur Depression. Die stellten wir aber erst viel später fest, als ich begann, mir Hilfe zu suchen.

In der Pubertät entwickelte ich die klassischen Symptome: Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit. Aber ich sprach mit niemandem darüber. Depression war ein besonderes Tabu in meinem Heimatdorf, das Wort Depression flüsterte man nur. Ich entwickelte starken Selbsthass. Ich war wütend auf mich, weil ich offensichtlich irgendetwas falsch machte. Ich war aber auch wütend auf die anderen, weil sie es anscheinend leichter hatten. Vielleicht merkten sie das und vielleicht war das der Grund, dass ich in meiner Jugend eine Zeit lang regelmäßig von Mitschülern verprügelt wurde. Vielleicht brauchten sie auch einfach jemanden, an dem sie ihre überschüssige Energie auslassen konnten.

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Natürlich hat auch das meinen Selbsthass und meine Depression verstärkt. Aber es hat mir auch zum ersten Mal gezeigt, welche Macht Humor haben kann. Wenn ich einen Witz machte, bevor die Idioten zuschlugen, wirkte ich nicht mehr wie ein Opfer. Der Schläger war der Schwache, der nicht mit ein paar treffsicheren Gags umgehen konnte und deshalb zuschlug. Der Rest der Klasse lachte. Und wer über deinen Witz lacht, ist zumindest für einen Moment auf deiner Seite. Auch die Angst und die Scham wurden weniger schlimm, denn jetzt war ich jemand, der sich zumindest mit Worten wehren konnte.

In der Grundschule ließ meine Klassenlehrerin mich oft zu Beginn der Stunde den neusten Witz für die Klasse vortragen. Doch in der Jugend begann ich, mich über meine Liebe zur Comedy zu definieren. Ich hörte Comedy-Alben wie andere Leute Musik, lernte sie auswendig, klopfte den Rhythmus von Setup und Punchline mit wie den Beat eines guten Songs. Später wandte ich eine ähnliche Taktik wie bei den Schlägern in meinem Kampf gegen Depressionen an. Aber darauf wäre ich nicht von selbst gekommen: Um über das Tabu Depression zu lachen, brauchte ich eine Erlaubnis – und ich bekam sie von Comedians.

Die urkomische Welt der Depression

„[Depression] ist eine tödliche Krankheit, die Menschen todunglücklich macht“, sagt der Comedian John Moe. Aber dass unserer eigenes Gehirn uns so aus der Bahn werfen kann, ohne Einfluss von außen – das findet er doch lustig: „Letztes Jahr hat jemand bei NPR [dem Radiosender, bei dem Moe arbeitet] sein Kind zur Arbeit mitgenommen und das Kind hat ein paar Knöpfe auf einem Mischpult gedrückt. […] Das hat NPR im ganzen Land für über eine Minute unterbrochen. […] Das ist zerstörerisch, es ist peinlich, es sollte vermieden werden, aber es ist auch urkomisch. Depression ist genauso.“

Moe moderiert den Podcast The Hilarious World of Depression – Die urkomische Welt der Depression, in dem er mit Comedians über ihre Erfahrungen mit Depressionen spricht. Bei all seinen Gesprächspartnern hat er Gemeinsamkeiten festgestellt. Die Wichtigste: Die Krankheit verlief bei fast allen identisch. So fühlten sie die Depression zum ersten Mal in der Pubertät, ignorierten sie ein paar Jahre, in der frühen Erwachsenenzeit hatten sie eine Krise und von da an begann der langjährige Weg zur Besserung. Mir kommt das ziemlich bekannt vor.

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Es war kurz deprimierend für mich, diesen Musterverlauf einer Depression zu hören, aber dann war es beruhigend: Ich bin in guter Gesellschaft. Mit Moes Geschichte über das Kind, das ein paar falsche Knöpfe drückt, war es ähnlich. Erst war es unangenehm mir vorzustellen, dass ein spielendes Kind die Kontrolle über meinen Verstand übernimmt. Dann wurde es befreiend, mir meine Depression so vorzustellen: Als einen Teil von mir, den ich akzeptieren muss, vielleicht sogar lieben kann.

Für viele psychisch kranke Menschen ist das der erste, vielleicht schwierigste Schritt auf dem Weg der Besserung: Ihre Krankheit als einen Teil von sich anzunehmen, anstatt als ein Indiz dafür, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.“

So auch für mich. Die Normalisierung war ein schleichender Prozess, auf den viele Faktoren Einfluss hatten, der aber begann, als ich zum ersten Mal einen Comedian über Depressionen reden hörte. Das war mit etwa 16 Jahren und es war wohl Carrie Fisher, die nach ihrer Zeit als Prinzessin Leia unter anderem eine Stand-up-Karriere begann; mit witzigen, schonungslos ehrlichen Bühnenshows über ihr Leben. Sie sprach über ihre manischen und depressiven Episoden wie wir alle über einen Abend sprechen, an dem wir zu viel getrunken haben: Wir haben die Kontrolle verloren und es war ein bisschen peinlich, aber am Ende wissen wir, dass es jedem anderen auch hätte passieren können.

Zu hören wie Fisher und kurz darauf Robin Williams – zwei Persönlichkeiten, zu denen ich seit meiner Kindheit aufblickte – so offen mit ihren Depressionen umgingen, ließ mich zum ersten Mal denken, dass vielleicht doch nichts falsch an mir war.

Ich suchte nach mehr Comedy, die sich mit Depressionen beschäftigte, und fand sie in Podcasts wie WTF und The Mental Illness Happy Hour und in obskureren Comedians wie Paul F. Tompkins und Patton Oswalt. Menschen, die vor Hunderten in ein Mikrofon über Depression sprachen. Es war wichtig für mich, zu sehen, dass es auch so geht, dass man nicht zu einem Aussätzigen wird, wenn man über seine Depression redet, niemanden damit belastet, vielleicht sogar etwas zu geben hat.

Warum gerade Comedy?

Aber warum war es gerade Comedy, die Depression für mich normalisierte, und nicht zum Beispiel das Kino, dem ich als Kritiker immerhin die ersten fünf Jahre meines professionellen Lebens gewidmet habe?

Es hat sicher damit zu tun, dass Comedy ehrlicher mit Depression umging. Meine Filmleidenschaft begann mit Horrorfilmen und bei aller Liebe für dieses Genre war und ist die Art, wie es Menschen mit psychischen Krankheiten darstellt, gefährlich: In Filmen von Der Exorzist bis Split sind psychisch kranke Menschen Monster, mysteriöse und dämonische Gewalttäter.

Comedians dagegen wissen, dass Depression oder andere psychische Krankheiten Menschen nicht zu Monstern oder Heiligen macht, sondern zu Menschen, die ein Problem haben, aber selbst keins sind. „Ich komme immer darauf zurück, dass Andy Richter sagte, eine Depression sei wie ein Rückenproblem“, sagt Moe. „Du machst Übungen dagegen, nimmst vielleicht Medikamente, an manchen Tagen ist es besser als an anderen. Vielleicht verschwindet es irgendwann. Vielleicht musst du auch einfach damit leben.“

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Einen anderen, vielleicht noch wichtigeren Grund, warum gerade Humor so hilfreich sein kann, fasst Professor Dr. med. Barbara Wild für mich in Worte. Sie ist Leiterin der psychiatrischen Fliedner Klinik Stuttgart und Autorin des Buches Humor in Psychiatrie und Psychotherapie. Sie bietet Patienten Humortraining an, bei dem sie lernen sollen, „auch schwierige Situationen mit Mut [und] Humor [zu] bewältigen.“ Denn Humor, weiß sie, „ist eine wichtige Fähigkeit, um sich mit Ängsten, Aggressionen und anderen negativen Gefühlen auf eine positive und meist sozial verträgliche Art auseinander setzen zu können. Er hilft bei der inneren Distanzierung.“

Innere Distanzierung: Das beschreibt genau, wie Humor mir heute gegen meine Depression hilft. Ich musste lernen, innerlich einen Schritt Abstand zu nehmen und die Situation von außen zu betrachten. „Um humorvoll zu sein, muss man etwas Distanz zu den Dingen, Menschen, Situationen haben [die einen beschäftigen]“, sagt auch Professor Wild. Wenn mir das in einer depressiven Phase gelingt, fällt es mir nicht nur leichter zu sehen, dass diese Phase nicht für immer andauern wird, ich bin dann auch empfänglicher für Hilfe, kann die Perspektive von anderen Menschen besser verstehen und ihre Ratschläge eher annehmen.

Humor reicht allein nicht aus, um Depression zu bekämpfen

Natürlich war das nicht alles, was ich gegen meine Depression tat. Ich hatte in meinen frühen 20ern die bereits angesprochene Krise. Ich wusste, dass es ohne Hilfe nicht mehr weitergehen konnte. Ich führte also einige Gespräche mit meinen Eltern und bat sie, mir bei der Suche nach einem Therapeuten zu helfen. Ich probierte es mit mehreren Therapeuten und Psychiatern, eine Zeit lang ohne nennenswerten Erfolg. Erst, als ein Psychiater mir Antidepressiva verschrieb, ging es aufwärts und erst das ermöglichte mir, mich auf eine Therapie einzulassen.

Ich habe meine Depression also nicht mit Humor überwunden. Aber er hat mir bei vielen Schritten geholfen: vom ersten Gespräch mit meinen Eltern über jede einzelne Therapiesitzung bis hin zur Entscheidung, Medikamente zu nehmen, was mit einem neuen Stigma verbunden war. Immer war es beruhigend für mich, nach jedem Eingeständnis meines Problems einen Witz zu machen oder zu wissen, dass Carrie Fisher, Patton Oswalt oder Robin Williams schon genau den richtigen gemacht haben. Es fiel mir immer leichter, schmerzhafte Wahrheiten auszusprechen, wenn ich sie in Humor verpacken konnte.

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Ich habe auch im Gespräch mit anderen psychisch kranken Menschen festgestellt, dass Humor wichtig für das Leben mit diesem Problem ist. Und nie habe ich so viele psychisch kranke Menschen auf einem Haufen gesehen wie in den Impro-Comedy-Kursen, die ich in den letzten Jahren besucht habe. Am Ende ist es auch eine persönliche, bewusste Entscheidung, seine Depression mit Humor zu nehmen. Vielleicht ist es für andere wichtig, dass ihre Depression stets ernst genommen wird, auch von ihnen selbst. Wieder andere wollen vielleicht gar nicht viel daran denken.

Ich persönlich sehe es wie der Komiker Marc Maron auf einem seiner Stand-up-Alben: Auf eine Geschichte über seine Mutter, die in seinen Augen die Wurzel seiner psychischen Probleme war, reagiert ein Teil des Publikums mit einem mitleidigen „Ohhh …“ Maron äfft das Publikum nach und sagt: „No. This has to be funny.“ Das muss lustig sein. Sonst ist es traurig.


Hilfe holen

Falls du unter Depressionen leidest und dich Suizidgedanken plagen, findest du bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen. Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.