Student beantwortet Notrufe von Flüchtenden in Seenot

Ein Student aus Berlin nimmt Anrufe von in Seenot geratenen Flüchtenden im Mittelmeer entgegen. Wie geht es einem, der regelmäßig am Telefon mit der Not von Menschen kurz vor dem Ertrinken konfrontiert ist?

Nur wenige Menschen werden Zeuge der Geschehnisse auf dem Mittelmeer. Die freiwilligen Aktivisten von „Watch the Med – Alarmphone“ nehmen täglich Anteil an den dramatischen Szenen, die sich dort abspielen. Die Mitarbeiter des Alarmphone sind über ganz Europa verteilt und kommunizieren während einer Schicht untereinander über Messenger-Programme.

In einem Drei-Schichtensystem betreuen sie eine Hotline, die Menschen in Notsituationen auf ihrer Flucht anrufen können. Bis zu einhundert Mal wird die Hotline in der Woche gewählt. Die meisten Schlepper legen ein Satellitentelefon mit ins Boot. Von diesem rufen die Passagiere, die unter Flüchtenden bekannte „Watch the Med“-Hotline an. Oft machen sie das jedoch erst, wenn eine Bedrohung schon unmittelbar bevorsteht. Das heißt, dass der Motor kaputt und das Boot, auf dem sie sich befinden, manövrierunfähig ist. Deshalb ist die Zeit oft knapp. Wenn dann die See noch rau ist und Wasser ins Boot läuft, geraten die Menschen in Panik.

Hilferufe durchs Telefon

Jonas Rudolph ist eine der Personen, die solche Anrufe dann entgegennehmen. Er studiert Sozialwissenschaften und will sich in seiner Freizeit engagieren. Zu Beginn des Telefongespräches versucht er, die Betroffenen zu beruhigen und Informationen zu sammeln. Wenn Jonas die Position des Bootes kennt, kann er die Küstenwache oder das private Rettungsboot „SeaWatch“ über den Vorfall informieren, um eine Rettung einzuleiten.

Meistens glückt eine Rettungsaktion. Manchmal kommt die Hilfe aber auch zu spät. Dann ist auch Jonas machtlos. „Wir können die Leute begleiten und sie unterstützen. Viel mehr können wir nicht machen, wir sind nur am Telefon“, sagt er. Die Geschichten, die sich im Mittelmeer abspielen und Jonas durch den Telefonhörer erreichen, beschäftigen ihn auch außerhalb seiner Schichten. Es ist nicht einfach, die panischen Stimmen, die teilweise den Tod vor Augen haben, zu verarbeiten. Deshalb wird das Team von „Watch the Med“ von Psychologen betreut.

Manchmal kommen Notrufe auch per WhatsApp:

GPS-Position 1, 02.09.2015

16:41 help
16:41 Sos
16:41 Aloooii
16:42 Please Help us
16:42 We have Children
16:43 Help us =-(
16:43 We die
16:43 Hurry Up
16:44 Okay, my friend
16:45 is your engine still working?
16:45 Can you move?
16:45 No
16:46 Okay.
16:46 How many people on board?
16:46 45
16:46 How many are children?
16:47 15
16:48 Have you called 112 for Help?
16:49 Please come

In ihrer Arbeit sehen sie auch eine politische Message. Und durch die Dokumentation der Anrufe und Boote, sowie der Aufarbeitung der Daten, möchten sie Kritik an der europäischen Grenzpolitik ausüben. Deshalb will Jonas auch trotz der psychischen Belastung in Zukunft weitermachen. Nach seinem Studium möchte er nur halbzeitig als Sozialarbeiter tätig sein, um auch weiterhin Flüchtigen über das Alarmphone auf ihrer Flucht zu helfen.