Wie der Feminismus die Pornografie rettet

Jede*r weiß, was Pornografie ist, aber kaum jemand weiß, wie vielseitig die alternative Pornoszene inzwischen geworden ist.

Rammeln, Stöhnen und viele schlechte Dialoge: So sieht ein Mainstream Porno aus. FemmeCurieuse/photocase.de

Pornografie ist schmuddelig, frauenverachtend und stumpf, oder? Falsch gedacht! Pornografie kann auch über Sexualität aufklären, Politik machen, Menschen empowern, kurzum: die Welt verbessern. Eine Expertin auf dem Gebiet ist Erika Lust. Sie produziert seit 2004 ethical pornography, startete mehrere Projekte für einen offeneren Umgang mit Sexualität – zum Beispiel The Porn Conversation – und hat als Feministin klare Positionen zu dem, was der Mainstream als Pornografie anbietet.

Pornografie wird ethisch

„Im Moment wird Pornografie durch einen spezifischen male gaze [Darstellungen, die durch eine männliche Perspektive geprägt sind; Anm. d. Red.] dominiert, der die immer gleiche Perspektive auf Sex wiedergibt: weiße Chauvinisten im mittleren Alter, die von Titten und Ärschen besessen sind“, erklärt Erika Lust. Das kommt nicht von ungefähr. Männer haben seit den 1930er Jahren Pornografie produziert, die vor allem ihnen selbst gefallen sollte. Das begann mit den Pin-up-Girls, über den Playboy als Lifestyleguide für Karrieremänner bis zu den heutigen Pornofilmen. Während die Produktionstechniken und Verkaufsmethoden immer ausgefuchster wurden, blieben die Geschlechterbilder in den 1930ern stecken. Beinahe ausschließlich werden weibliche Körper als etwas gezeigt, das Männer erobern und einnehmen können. Als ein Besitz, der ihren heterosexuellen Wünschen zur Verfügung steht.

Feministische Produzent*innen wie Erika Lust versuchen sich bewusst von dieser Art der Darstellungen abzugrenzen. Ethische Pornografie arbeite mit Szenarien, in denen vielseitige und verantwortungsvolle sexuelle Interaktionen stattfänden – unabhängig von Geschlechterklischees und sexuellen Normen. Der Sex soll möglichst natürlich sein, die Partner*innen in ihren Handlungen und ihrer Lust gleichberechtigt. Dass das von Männern innerhalb der Branche oft als „Frauenpornografie“ bezeichnet wird, findet Erika Lust eher zum Lachen: „Das witzige ist, dass 60 Prozent meiner Kundschaft tatsächlich Männer sind. Fantasien und Sexualität sind nicht durch das Geschlecht definiert“.

Achtung: kann Sexismus enthalten

Doch warum zieht es Feminist*innen wie sie überhaupt in eine Branche, in der Sexismus anscheinend zum Geschäft gehört?

Sexismus ist in allen Bereichen unserer Gesellschaft ein Problem. Nach wie vor verdienen Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Gleichzeitig leisten sie laut einer OECD-Studie von 2015 doppelt so viel Hausarbeit. Außerdem sind sie überproportional häufig Opfer von Beleidigungen und Gewalt im Netz und in öffentlichen Räumen.

Wenn Sexismus so tief in gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt ist, findet er Eingang in unsere Vorstellungen von Sex und Pornografie. Männer, die immer können und wollen, Frauen, die alles mit sich machen lassen. Die Welt der Mainstream-Pornografie reproduziert vor allem solche überholten Geschlechterklischees. Wer trotzdem wagt, solche Darstellungen anzuprangern, gilt als lustfeindlich und Spaßbremse.

Kein Wunder also, dass viele Menschen glauben Sex zu zeigen ginge nicht ohne eine Portion Sexismus gleich mit zu servieren. Basierend auf dieser Vorstellung entstand überhaupt erst die PorNo-Kampagne von Alice Schwarzer, mit der sie seit 1978 ein absolutes Pornoverbot forderte. Sie behauptet bis heute, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Pornokonsum und Vergewaltigungen gäbe.

Auf der anderen Seite der Debatte stehen – überwiegend männliche – Wissenschaftler wie der Hamburger Sexualforscher Kurt Starke, die die Wirkung von Pornografie auf die Sexualität der Konsument*innen komplett abstreiten oder zumindest infrage stellen. Ob und inwieweit Pornografie auf unser Verhalten und unsere Denkmuster Einfluss nimmt, konnte bisher nicht einwandfrei wissenschaftlich geklärt werden. Trotzdem bleibt die Vermutung, dass Sexismus im Mainstream permanent reproduziert wird, Kernpunkt der meisten Pornografiedebatten.

Denkt doch an die Kinder

Hitziger wird die Debatte nur noch, wenn es um die Wirkung von Pornografie auf Kinder und Jugendliche geht. Wer ein Handy und ein WLAN-Netz hat, ist nur ein paar Klicks von der ganzen Fülle des Mainstream-Angebotes entfernt. Studien belegen, dass Kinder in etwa mit zwölf Jahren ihren ersten Porno schauen. Ob der frühe Konsum einen negativen Einfluss auf ihre sexuelle Entwicklung hat, konnte bisher jedoch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Produzentinnen wie Erika Lust sind trotzdem davon überzeugt: „Fast 90 Prozent der Inhalte [der Mainstreampornografie; Anm. d. Red] zeigen verbale oder physische Aggressionen gegen Frauen mit unrealistischen Körpern, gymnastischen Sex, toxischen Darstellungen von Geschlecht, dem Vermischen von Erotik und Aggressionen … Was sagt das einer Generation, die so ziemlich alles, was sie über Sex weiß, aus Pornografie lernt?“

[Außerdem auf ze.tt: Eine Regisseurin dreht Pornos mit Sex wie im echten Leben]

Sollten die Bilder tatsächlich Einfluss auf Kinder und deren sexuellen Vorlieben und Geschlechterbilder haben, ziehen wir gerade eine Generation von jungen Erwachsenen heran, die kaum Werkzeuge haben um ihre Sexualität verantwortungsbewusst auszuleben. Das schafft nicht nur auf persönlicher Ebene Ängste, Hilflosigkeit und Frustrationen, es ist auch ein Armutszeugnis für uns, wenn wir ihnen keine anderen Bilder von Sexualität vermitteln wollen oder können.

Pornografie braucht Feminist*innen

Für Erika Lust und andere Feminist*innen ist es daher entscheidend, alternative Pornografie anzubieten. Hier kann alles gezeigt werden, solange es einvernehmlich zwischen Erwachsenen passiert. Zudem gibt es Details, auf die in der Darstellung geachtet wird, deren Fehlen einem im Mainstream oft gar nicht bewusst auffällt. Zum Beispiel, dass die Protagonist*innen Augenkontakt haben, sich berühren, streicheln, küssen. Oder, dass sie darüber sprechen, was sie miteinander tun wollen und durchaus verbalisieren, was ihnen gefällt. Zudem entwickeln sich solche Produktionen häufig nur grob an einem Drehbuch entlang, wodurch der Sex authentischer wird, weil er schlichtweg authentisch ist. Und auch die Produktionsmethoden unterwerfen sich einem ethischen Kodex. Darsteller*innen praktizieren Safer Sex, werden zu nichts genötigt, wozu sie nicht ihr Einverständnis erklärt haben und ein auffällig hoher Anteil von Frauen ist an der Produktion beteiligt.

In ethischen Pornos wird dabei nicht nur vielfältige und verantwortungsbewusste Sexualität gezeigt, durch die Darstellungen werden auch bestehende Klischees aufgebrochen und Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht als gleichberechtigte Partner gezeigt. Davon profitieren im Übrigen nicht nur Frauen, wie Erika Lust klarstellt: „Ich denke, auch viele Männer fühlen sich durch diese gesichtslosen Immer-bereit-fürs-Ficken-Sex-Maschinen, die sie in diesen Filmen sehen, nicht repräsentiert“.

Mit dieser Haltung erteilen die feministischen Produzent*innen auch eine Absage an den Sexismus, den Feminist*innen wie Alice Schwarzer verbreiten, wenn sie Männer pauschal zu Triebtätern erklären. Auch wenn Mainstream-Pornografie vor allem an ein heterosexuelles, weißes und männliches Publikum gerichtet ist, zeigt sie eben noch nicht, was dieses Publikum tatsächlich sehen will. Statt einen Graben zwischen den Geschlechtern zu ziehen, geht es um die grundsätzlichen Fragen: Wie wollen wir zusammenleben und welche Geschichte wollen wir über Sex als Teil unserer Kultur erzählen?

 

Erika Lust hat Politikwissenschaften studiert. Ihre Arbeit sieht sie auch als ein Resultat ihrer Studien. © LUST PRODUCTIONS S.L.

Porno ist Politik

Der Sexismus ist aber nur das prominenteste Problem in der Debatte um Mainstream-Pornografie. Auch ein tief verwurzelter Rassismus und eine feindliche Haltung gegenüber der LGBT-Bewegung findet sich in den Filmen und der gesamten Branche. Erika Lust weist beispielsweise auf die Einteilung der Kategorien hin, „die nach Herkunft und/oder Hautfarbe unterteilen und stigmatisieren“. So werden Pornos, in denen People of Color zu sehen sind, mit entsprechenden Tags gekennzeichnet und so indirekt als besonders exotisch klassifiziert.

Auf der anderen Seite erfolgt eine Stigmatisierung verschiedener Sexualitäten. Homosexuelle Männer werden von den regulären Plattformen auf eigene Sites verwiesen. Der Sex lesbischer Frauen wird direkt durch die heterosexuelle Perspektive vereinnahmt und für männliche Zuschauer inszeniert – so, wie diese es sich erträumen. Sex mit Transgender-Personen erscheint nie als gleichberechtigtes und lustvolles Zusammentreffen, sondern als abgefahrenes und einmaliges Abenteuer.

Mit solchen Darstellungen verletzt die Branche nicht nur die Gefühle vieler Betroffener, sie reproduziert auch ein Bild von Sex, Sexualität und Geschlecht, das einer pluralen Gesellschaft nicht angemessen ist.

Zeit für eine Revolution

Zum Glück gibt es inzwischen so einige Alternativen auf dem Pornografie-Markt. Die meisten alternativen Produzent*innen bieten ohnehin in eigenen Onlineshops ihre Filme an, wie Jennifer Lyon Bell  oder Petra Joy. Es gibt außerdem auch offene Netzwerke, die pornografische Inhalte anbieten. Plattformen wie I Shot Myself zeigen zum Beispiel ausschließlich Selfies, wenn auch leider nur von Frauen.

Um einen Überblick über die verschiedenen Produzent*innen, Darsteller*innen und Regisseur*innen zu bekommen, lohnt es sich außerdem, die Sieger vergangener Porno-Awards zu checken. Besonders aufschlussreich sind hier der PorYes Award, bei dem Laura Méritt alle zwei Jahre besonders gelungene Produktionen prämiert sowie das Pornfilmfestival Berlin. Inzwischen gibt es außerdem mit eroticfilms.com auch ein von Erika Lust gegründetes Streamingportal für alternative Pornografie, auf dem unterschiedliche Produzent*innen ihre Filme zum Leihen oder Kaufen zur Verfügung stellen.