Wie Krieg Gesichter verändert

Über einen Zeitraum von sieben Monaten porträtierte Lalage Snow britische Soldat*innen. Sie schoss jeweils ein Foto vor, während und nach ihrem Einsatz – und zeigt damit, wie Krieg das Gesicht verändert.

Das Zweitausend-Yard-Starren – so nennt man den erschöpften Gesichtsausdruck von traumatisierten Soldat*innen, wenn ihr Blick erahnen lässt, wie schrecklich die Dinge waren, die sie im Krieg erlebt haben. Benannt nach einem Gemälde des Kriegsmalers Thomas C. Lea aus dem Jahr 1944, gilt der Begriff heute als Symptom für eine posttraumatische Belastungsstörung.

Ob die porträtierten Soldat*innen von Lalage Snow an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, ist zwar nicht dokumentiert. Allerdings zeigt die physische Veränderung ihrer Gesichter, wie tiefgreifend sich Erlebnisse mit Furcht, Verletzungen und Heimweh auswirken können. Über sieben Monate hat die britische Fotografin Fotos von schottischen Soldat*innen gemacht: ein Foto vor, während und eines nach deren Teilnahme an der Kriegsoperation Herrick 12 in Afghanistan im Jahr 2010. Das Ergebnis ist das Fotoprojekt We Are The Not Dead.

Sie selbst lebte bereits sechs Jahre in Kabul und kam als Fotografin immer wieder in Berührung mit Soldat*innen, als Snow bemerkte, dass sich deren Gesichter im Laufe ihres Kriegseinsatzes physisch verändern. Im Jahr 2010 begann sie, genau das mit der Kamera festzuhalten. „Zu der Zeit gab es eine Menge Berichterstattung in der Presse, aber kaum etwas über das subjektive Befinden der Soldaten“, erzählt Snow. Daher habe sie die Soldat*innen zusätzlich zu den Fotos auch um persönliche Worte gebeten.

Sie sollten erzählen, wie sie sich zum Zeitpunkt der Aufnahme fühlten. Einige der Soldat*innen konnten es kaum erwarten, ihren Dienst in Afghanistan anzutreten. Andere hatten von Anfang an Angst davor. Danach allerdings waren sich alle einig: Sie waren froh, überlebt zu haben. Die Erfahrungen im Kriegsgebiet, die vielen Verletzten und Toten, haben die Soldat*innen nach deren eigenen Angaben verändert – sowohl auf psychischer als auch auf physischer Ebene.

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Den Kontakt nahm Snow über das britische Verteidigungsministerium auf, das ihr wiederum den Zugang zu einem Bataillon schottischer Soldat*innen ermöglichte. Um sie besser kennenzulernen und ihr Vertrauen zu gewinnen, trainierte Snow einige Monate mit ihnen. Ein Tag bevor sie nach Afghanistan abreisten, improvisierte Snow ein Mini-Fotostudio in einem Lagerraum. Sie hatte kein Equipment außer ihrer Kamera, einem Notizbuch und schwarzem Stoff, um den Hintergrund abzudecken.

Nach etwa 50 Porträts und drei Monate später reiste sie den Soldat*innen in die afghanische Provinz Helmand nach, um sie noch einmal zu fotografieren und zu interviewen. Manche der Kämpfenden waren zu diesem Zeitpunkt in nicht zugänglichen Gebieten unterwegs, daher konnten sie das Projekt nicht zu Ende führen.

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Snow begleitete einen Trupp auf eine Mission. „Es war ziemlich gefährlich, sowohl mental als auch physisch anstrengend, aber gleichzeitig auch sehr stimulierend. Ich fotografierte sie wo auch immer ich konnte“, erzählt sie. So lange, bis ein landender Helikopter ihren schwarzen Stoff verwehte und sie stattdessen einen schwarzen Müllsack verwenden musste.

Wegen dieser Umstände hatte Snow Schwierigkeiten mit der Belichtung: „Das Licht im Juni in Afghanistan ist völlig anders als im März und Oktober in Schottland.“ Einige Leute würden daher glauben, Snow hätte mit der Belichtung im Nachhinein getrickst, um die Gesichter noch dramatischer aussehen zu lassen. „Dabei benutze ich immer nur natürliches Licht“, sagt sie.

Es habe lange gedauert, bis sie mit der Gefahr und Intensität ihres Arbeitsumfelds klarkam. „Man lebt eine seltsame Realität, die man letztendlich sogar vermisst. Das klingt verrückt, ist aber wahr. Mit den meisten der fotografierten Soldaten bin ich heute noch befreundet und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass sie das genauso sehen. Krieg bleibt Krieg, aber am Ende vermisst du ihn.“

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