Wie digital ist die Schule – und was ließe sich verbessern?

Schüler*innen zwischen 15 und 19 Jahren erzählen, wie groß die Wissenslücken bei ihren Lehrer*innen sind, wenn es um digitale Hilfsmittel geht.

© ze.tt/die Schüler*innen selbst

Eine Gruppe von Schüler*innen formuliert Forderungen, welche digitalen Kompetenzen sie vermittelt bekommen wollen. © ze.tt/die Schüler*innen selbst

Seit den Nullerjahren werden in Deutschland allmählich Tablet-Klassen eingeführt, Schulen ersetzen die grünen Kreidetafeln durch digitale Smartboards. Aber verbessert sich durch die technischen Hilfsmittel der Unterricht? Wie binden Lehrer*innen Smartphones, Tablets und PCs, all die neuen Plattformen und Apps in ihren Unterricht ein? Und was bringen sie ihren Schüler*innen über die digitale Welt bei?

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Eine Gruppe von 15- bis 19-Jährigen beschäftigte sich für die Youth Leadership Konferenz (#ylk16) mit diesen Fragen. In einem Workshop entwickelten die Schüler*innen Verbesserungsvorschläge, wie ihre Lehrenden den Unterricht mit Youtube-Videos, Prezi und Storify aufmotzen könnten. Ein Gespräch über verriegelte Computerräume und willkürliche Handyverbote.

Inzwischen ist immer wieder von Tablet-Klassen und Initiativen in den Bundesländern zu lesen, die die Schulen digital besser aufstellen wollen. Wie sind eure Schulen heute ausgestattet?

Lotte, 15 Jahre alt, 10. Klasse, Hamburg
Lotte, 15 Jahre alt, 10. Klasse, Hamburg

Lotte: Wir haben sogar zwei Computerräume, die aber auch meist abgeschlossen sind. Es gibt Ausnahmen und unter Lehreraufsicht darf man natürlich rein. Die meisten Lehrer kennen sich aber nicht aus und haben keinen Schlüssel, die Räume werden also nur benutzt, wenn sie in einzelnen Fächer wirklich gebraucht werden.

Daryoush: Die abgeschlossenen Räume sind aber auch sinnvoll: An meiner Schule ist schon zwei Mal eingebrochen worden.

Nele: Ansonsten haben wir in einer Klasse ein Smartboard, das maximal von den Schülern in der Pause benutzt wird, zum Musikhören oder für Powerpoint- und Prezi-Präsentationen.

Daryoush, 17 Jahre alt, 12. Klasse, macht sein Abi in Hamburg
Daryoush, 17 Jahre alt, 12. Klasse, macht sein Abi in Hamburg

Jasmin: Meine Schule hat W-Lan für uns Schüler, das wir in den Pausen benutzen können, außerdem Smartboards und Laptops – aber wir nutzen nichts davon wirklich sinnvoll im Unterricht.

Elif: Das ist bei uns ähnlich, was auch daran liegt, dass manche Lehrer zum Beispiel das Smartboard zwar einschalten können, aber da hört es dann auch schon auf. Vielen fehlt einfach das technische Wissen.

Das klingt ziemlich ernüchternd. Müssten eure Lehrer*innen nicht total auf die Möglichkeiten von Smartboards abgehen?

Katharina, 18 Jahre alt, 12. Klasse, Mainz
Katharina, 18 Jahre alt, 12. Klasse, Mainz

Katharina: Es gibt bei uns ein paar Lehrer, die ihre Unterrichtsmethoden ändern und modernisieren. Eine unserer Lehrerinnen zeigt inzwischen Youtube-Videos und Folien mit vielen Fotos, wodurch alles anschaulicher und interaktiver wird.

Sofia: Die meisten Lehrer setzen bei uns aber auch noch auf den guten alten Overhead-Projektor. Ein paar sind schon auf Powerpoint und Prezi umgestiegen, aber das ist die Ausnahme. Und manche sind längst nicht konsequent genug in ihrer Arbeitsweise: Manche Lehrer werfen ihre Arbeitsblätter in Word aufs Smartboard, schicken uns die Dateien aber nicht weiter, wir können also zuhause nicht digital damit weiterarbeiten.

Ihr habt euch für die Youth Leadership Konferenz (#ylk16) einen Tag lang mit neuen Lehrmethoden auseinandergesetzt und Verbesserungsvorschläge für die Vermittlung digitaler Kompetenzen überlegt. Was würde euch eine bessere Schule beibringen?

Linus, 18 Jahre alt, 12. Klasse, macht sein Abi in Berlin
Linus, 18 Jahre alt, 12. Klasse, macht sein Abi in Berlin

Linus: Ich hätte voll gerne gelernt zu lernen. Das klingt supergenerisch, aber es ist einfach so. In der Schule sollst du oben mitschwimmen, aber niemand zeigt dir, wie du schwimmst. Ich würde gerne wissen, wie man eine Steuererklärung macht. Da kommt dann immer der Vorwurf: Als ob du in einer Steuerklasse aufgepasst hättest. Aber ich glaube, ich hätte auf einen Block Mathe verzichtet, um mir das zu geben.

Jasmin: Ich würde wahnsinnig gern wissen, wie ein Computer funktioniert. Ich weiß, wie man ihn einschaltet und bedient, aber ich habe keine Ahnung von der Technik, wie er aufgebaut ist oder wie eine App funktioniert.

Elif: Das ist ohnehin das grundlegende Problem: Wir benutzen zum Beispiel das Web, aber wir wissen kaum was darüber. Das ist so, als würde ein Handwerker einen Tisch bauen, aber nichts über sein Material wissen.

Elif: 18 Jahre alt, 13. Klasse, macht ihr Abi in Kiel
Elif: 19 Jahre alt, 13. Klasse, macht ihr Abi in Kiel

Sofia: Ich hätte gerne von Grund auf den Umgang mit dem Digitalen gelernt. Meine kleine Schwester kommt jetzt langsam in das Alter, all diese Geräte und Apps und Websites zu entdecken, und der richtige Umgang mit Google und Co. ist da auf jeden Fall wichtig, sonst landet sie nachher auf Seiten, auf denen sie besser nicht landen sollte. Das hätten wir damals auch gebraucht, statt es uns selbst beibringen zu müssen.

Daryoush: Die Vielfalt an verschiedenen Geräten und Systemen hätte in der Schule gut beleuchtet werden können. Es wäre hilfreich gewesen, nicht nur mit einer Version von Powerpoint umgehen zu können, sondern dass wir uns auch mal Open Office angeguckt hätten. Eine Rechtsgrundlage wäre auch wichtig gewesen. Jeder von uns postet Fotos im Netz, aber was das rechtlich für uns und die bedeutet, die darauf zu sehen sind, wäre wichtig gewesen.

Gibt’s denn überhaupt keine Angebote, in denen solches Wissen vermittelt wird?

Lotte: Bei uns gibt’s einen Informatikunterricht, an dem jedes Jahr nur 20 von 300 Leuten teilnehmen können- Und die dürfen dann nicht mal darüber entscheiden, was in diesem Unterricht gelehrt wird. Es wäre viel sinnvoller, mehrere Kurse anzubieten zu Themen, die wir Schüler vorher festgelegt haben.

Ihr habt euch für die #ylk16 freiwillig mit Optimierungsmöglichkeiten auseinandergesetzt, weil ihr offenbar für das Thema brennt. Aber ist das für alle eure Mitschüler*innen von Belang?

Jasmin, 17 Jahre alt, 11. Klasse, Zell
Jasmin, 17 Jahre alt, 11. Klasse, Zell

Nele: Wenn die Schüler gefragt und mit einbezogen werden, kann ich mir gut vorstellen, dass viele ein größeres Interesse für digitale Themen entwickeln.

Daryoush: Der praktische Ansatz ist dabei wichtig, um die Schüler zu erreichen. Wir haben mal im Unterricht eine App entwickelt, um sie später in die Appstore zu stellen. Das hat viel mehr Schüler begeistert, als historisch anzufangen, wer die erste Codezeile geschrieben hat. Es gab auch mal ein Schüler*innenforum der Hamburger Schülervertretung zum Thema „Life Hacking“, da konnten wir zugucken, wie jemand im Nebenraum sich in die Geräte einer Person gehackt hat. Das hat uns wahnsinnig interessiert: Wenn du siehst, dass du dir einen Virus einfangen kannst, indem du eine Maus anschließt, realisiert man die Wichtigkeit des Themas erst.

Sofia, 17 Jahre alt, 12. Klasse, Mainz
Sofia, 17 Jahre alt, 12. Klasse, Mainz

Linus: Wenn man sich Schule anschaut, wie sie jetzt ist, dann ist man da vier Jahre und hat anschließend keine Lust mehr. Das kann ich total gut verstehen. Das könnte geändert werden, wenn man den jüngeren Jahrgängen jetzt spannende und an ihre Interessen angepasste Unterrichtseinheiten anbietet, dann kann das eine Strahlkraft haben, die die Schule wieder interessant macht, statt mit Handyverboten abzuschrecken.

Es herrscht tatsächlich ein Handyverbot an euren Schulen?

Daryoush: Ja, bei uns hat die Leitung das Handyverbot kürzlich mit einer Schulkonferenz durchgesetzt – und es gibt keinen Unterschied. Die Lehrer kontrollieren das nur teilweise und nehmen nur ab und an die Handys weg, das ist nicht konsequent und sinnlos. Auf der anderen Seite finde ich es nicht gut, wenn Leute auf der Toilette gefilmt werden, was ja als Extremfall auch immer mal vorkommt, aber das verhindert auch kein Verbot.

[Außerdem auf ze.tt: Hier liest die Zukunft der deutschen Literatur]

Lotte, 15 Jahre alt, 10. Klasse, Hamburg
Lotte, 15 Jahre alt, 10. Klasse, Hamburg

Nele: Bei uns gibt’s eine ganz komische Regelung. Ab der achten Klasse dürfen wir die Handys dabeihaben und dürfen sie in den großen Pausen auch im dritten, vierten und fünften Stock anhaben.

Linus: Das ist stellvertretend für den verqueren Umgang mit digitalen Medien: Es kann nicht die Lösung sein, die Geräte zu verbieten, sondern die Lösung wäre, uns den verantwortungsbewussten Umgang damit beizubringen. Vermutlich fehlt den meisten Lehrern die Qualifikation dafür.

Sprecht ihr auch mal Lehrer drauf an und erklärt ihnen, dass ihr zum Beispiel mehr über die Rechtelage bei der Verwendung von Bildern, Big Data oder auch Snapchat wissen wollt?

Katharina:
Manche Lehrer verstehen das alles nicht, haben noch nie WhatsApp benutzt und wissen überhaupt nicht, dass es Snapchat gibt. Da würde ich mir wünschen, dass sie sich mehr bemühen würden, mitzukommen. Sie unterrichten junge Menschen, also sollten sie auch Ahnung davon haben, was die jungen Menschen den ganzen Tag tun. Das wäre wichtig.


Wie digital ist oder war eure Schule?

Habt ihr noch an der Kreidetafel geschrieben oder seid ihr am Smartboard unterrichtet worden? Und welche digitalen Kompetenzen sind euch in der Schule vermittelt worden? Schreibt uns in die Kommentare oder tauscht euch mit uns per Mail zum Thema aus.