Wie du den richtigen Menschen findest, um ein Unternehmen zu gründen

Die richtige Person für die berufliche Zusammenarbeit zu finden, ist nicht einfach. Aber es lohnt sich.

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Über die Firmengründung des Eiscreme-Unternehmens Ben & Jerry’s weiß man so einiges. Auf der Unternehmenswebsite können Besucher*innen nachlesen, dass sich Ben Cohen und Jerry Greenfield einst beim Schulsport kennengelernt und angefreundet haben, angeblich weil sie die langsamsten Kinder waren. Er*sie lernt, dass sie 1978 einen Fünf-Dollar-Fernkurs zum Thema Eisherstellung machten und sich schließlich entschlossen, ihren ersten Eisladen in einer umgebauten Tankstelle in Burlington, Vermont, zu eröffnen. Für einen Bagelladen – der ursprüngliche Plan – reichte das Geld nicht.

Wovon dort allerdings nichts zu lesen ist: In welchem Moment haben die beiden festgestellt, dass sie als Businesspartner zusammenpassen wie Eis auf Waffel? Der Moment, in dem ihnen klar wurde, dass sie als Team etwas Großes schaffen könnten? Vielleicht aßen sie in diesem Moment Fischbrötchen, vielleicht schlenderten sie gerade über ein Sonnenblumenfeld. Wir wissen es nicht. Dabei ist das ist doch gerade die Frage, die wir uns bei Geschäfts- genauso wie bei romantischen Beziehungen stellen: Wie finden wir den*die richtige*n Partner*in? Und vor allem: er*sie uns?

Warum überhaupt eine*n Businesspartner*in?

Wer ein Unternehmen gründen möchte und das nicht allein, der braucht eine Person an seiner*ihrer Seite, mit der er*sie auf beruflicher Ebene harmoniert. Noam Wassermann, Professor an der Harvard Business School, glaubt, dass ein gutes Team essenziell für den Erfolg eines Start-ups ist. Er fand in einer Studie mit 6.500 Start-ups heraus, dass sie häufig nicht an finanziellen Problemen scheitern, sondern zu 65 Prozent an Konflikten im Gründungsteam.

Würde es sich da nicht eher lohnen, einfach allein zu gründen? „Die klassischen freiberuflichen Dienstleistungen werden immer noch häufig alleine angegangen, weil die Rechtsform recht unkompliziert ist und ein schnelles Gründen ermöglicht“, erklärt Lea Vogel, Life-Coach in Berlin. „Bei klassischen Unternehmensstrukturen und Start-ups kann ich einen Partner immer nur empfehlen – es ist schön und erleichternd, wenn man jemanden mit anderen Kompetenzen im Team hat!“

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Der größte Vorteil, zusammen an den Start zu gehen, liegt also darin, dass sich mehrere Stärken vereinen lassen. Was der*die eine nicht so gut kann, kann der*die andere bestenfalls ausgleichen. „Es ist herausfordernd bis unmöglich, als Individuum alles abzudecken, was ein gutes Business braucht. Mal braucht es Extraversion, mal Strategie, mal Empathie und Feinfühligkeit“, erklärt Lea Vogel und weist gleichzeitig darauf hin, dass sich Leute als Team auch gegenseitig motivieren und so schneller nach vorne bringen kann. Allerdings bedeute ein Gespann aus zwei oder mehr Leuten auch immer, mit Kompromissen leben zu müssen. „Mehrere Personen bedeutet: mehrere Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen.“

Ganz alleine gründen sollte aus Lea Vogels Sicht nur, wer wirklich niemanden findet, der die eigenen Werte, Vorstellungen und Visionen teilt. „Und natürlich würde ich auch dann die Finger davon lassen, wenn ich nicht bereit bin, mich auf Kompromisse einzulassen.“

Wenn ich Harmonie liebe und jede kritische Auseinandersetzung scheue, dann ergibt es Sinn, genau das zu wissen und es sich einzugestehen.“ – Coach Lea Vogel

Bevor jemand sich allerdings auf die große Suche nach dem*der Businesspartner*in begibt, sollte diese Person erst mal für sich selbst feststellen, was er*sie kann und will – auch wenn er*sie seine*ihre Schwächen nicht so gern zugeben möchte. „Je besser man sich selbst kennt, desto leichter wird es, den richtigen Businesspartner zu finden“, meint Lea Vogel. Wichtig sei aber auf jeden Fall, dass man seine Wünsche und Kompetenzen im Blick behalte, sein eigenes Tempo kenne und verteidige sowie sich über seine eigenen Schwachstellen bewusst sei: „Wenn ich Harmonie liebe und jede kritische Auseinandersetzung scheue, dann macht es Sinn, genau das zu wissen und es sich einzugestehen.“

Hat man einmal eine*n potenzielle*n Partner*in im Blick, ist es hilfreich, wenn man die Person bereits etwas besser kennt. So waren die Gründerinnen von Edition F, Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann, vor der Gründung schon etwa sechs Jahre locker befreundet und hatten bereits ein halbes Jahr bei einem Unternehmen zusammengearbeitet, wie Nora in einem Artikel des Onlinemagazins berichtet: „Ich kannte ihre Arbeitsmentalität, sie meine.“ Sie habe damals trotzdem auch gegrübelt: „So richtig weiß man es nicht: Passen wir zusammen? Wenn die erste Krise kommt? Was passiert, wenn man eine andere Idee hat, oder nur eine andere Meinung?“

Lea Vogel rät – egal ob Bekannte*r oder neue Person – immer transparent zu sprechen, Visionen und Ziele freizulegen und zu schauen, ob man an einem Strang zieht: „Ich würde außerdem auf mein Bauchgefühl hören, weil ich glaube, dass die Intuition uns weit mehr verrät, als wir rational erfassen können.“ Andere wiederum müssten es innerhalb von Projekten ausprobieren, einfach mal machen und erfahren. Was immer wichtig sei: klare Absprachen und Regeln für die Zusammenarbeit. Den Gründerinnen von Edition F hat es beispielsweise geholfen, einen Businessplan zu schreiben, wie Nora berichtet: „Es machte deutlich wie wir ticken, ob wir zusammenpassen, uns fachlich differenzieren, aber gemeinsam eine Vision für Edition F haben.“

Finger lassen von Freund*innen und Familie?

Bei Freund*innen und Familie als Gründungspartner*in weiß man zumindest schon, auf welche Personen man sich einlässt. Doch steht hier bei einem Scheitern der Geschäftsbeziehung gleichzeitig das persönliche Verhältnis auf dem Spiel. Coach Lea Vogel findet trotzdem, dass ein*e Gründer*in enge Freund*innen und Familie nicht per se ausschließen sollte: „In diesem Fall braucht es aber vorab noch klarere Absprachen und Vereinbarungen. Man darf nicht annehmen, dass schon alles harmonisch laufen wird, weil es ja bisher auch immer so war.“ Auch hier gelte: Transparenz ist der Schlüssel.

Detaillierte Zahlen zu Firmengründungen von Brüdern und Schwestern gibt es zwar nicht, doch sie bilden laut etlicher Studien die dauerhaftesten Bindungen, die Menschen überhaupt entwickeln, wie der Spiegel schreibt. Bestes, wenn auch nicht beliebtestes Beispiel: die Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander, mit Rocket Internet die wohl berühmtesten Unternehmer-Boys unserer Generation.

Alle, bei denen der*die potentzielle Businesspartner*in nicht schon im näheren Umfeld herumspringt, könnten auf Veranstaltungen, Meet-ups, Netzwerktreffen oder in Coworking Spaces fündig werden. Lea Vogel sagt aber auch hier deutlich: „Wenn wir sie finden wollen, müssen wir bewusst suchen und auch die Augen geöffnet haben. Ansonsten vergehen vielleicht Chancen.“

Wir Menschen neigen dazu, zu glauben, dass das, was wir erwarten, der Maßstab ist.“ – Coach Lea Vogel

Nora von Edition F vergleicht gemeinsames Gründen mit eheähnlichen Verhältnissen. Habe man sich einmal füreinander entschieden, käme man aus der Sache nicht einfach heraus. Wer einmal den Schritt gegangen und tatsächlich ein Unternehmen gegründet hat, muss deshalb vor allem ehrlich miteinander umgehen. Coach Lea Vogel rät, regelmäßig zu reflektieren: „Ziehen wir noch an einem Strang, fühlen wir uns noch abgeholt, läuft es noch rund?“

Gerade wenn in der Gründungsphase alles schnell ginge, käme dieser Punkt häufig zu kurz. Sich hier Zeit zu nehmen, sei der langfristige Erfolg, sagt sie. Unterschiedliche Erwartungen und Intransparenz können sonst zum Aus der Geschäftsbeziehung führen. „Wir Menschen neigen dazu, zu glauben, dass das, was wir erwarten, der Maßstab ist. Deshalb setzen wir es als Gegeben voraus und sind schnell von unserem Gegenüber enttäuscht.“ Wenn man etwa erwartet von dem*der Partner*in immer in alles einbezogen zu werden und das übergangen würde, sei der Konflikt vorprogrammiert.

Gutes Gründerteam, mehr Erfolg

Ben und Jerry sind mit ihrem Unternehmen erfolgreich geworden – als Team. „Es ist eine inzwischen mehrfach bewährte Erfolgsregel, dass ein gutes Gründerteam in der Anfangsphase wichtiger ist als die Geschäftsidee“, heißt es auf Karrierebibel.de. Das deckt sich in etwa mit den Erkenntnissen von Noam Wasserman. Wenn es mit dem*der Businesspartner*in funktioniert, lohnt es sich also wirklich. Wenn nicht, lernt man vielleicht auf der nächsten Fuckup-Night jemanden kennen.