Wie du die Schlaflosigkeit besser erträgst

Der eine schläft nicht ein, der andere wacht viel zu früh wieder auf. Was ihnen gemeinsam ist? Beide machen sich selbst dafür fertig. Das sollten wir ändern.

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Nachts fernsehen? Da müssen wir wenigstens kein schlechtes Gewissen haben. © kallejipp / photocase.com

Derzeit wache ich gegen drei Uhr in der Nacht auf und schlafe kurz vor sechs wieder ein. Da ich in der Regel zeitig ins Bett gehe, ist das in Ordnung, noch leide ich nicht. Wirklich cool ist es aber auch nicht. Ich bin ein Tagmensch, ich mag die Sonne. Ich mag nicht: nachts rumliegen und darauf warten, dass die Nacht vorbei ist.

Meine Schlaflosigkeit begann im Teenageralter und begleitet mich mein ganzes Erwachsenenleben lang. Mal ist es schlimmer, dann wieder monatelang vorbei. Mal bin ich angespannt und deshalb schlaflos, mal bin ich schlaflos und deshalb verspannt. Meine Ernährung hat sehr viel damit zu tun, ohne Fleisch geht es mir besser und nach 19 Uhr essen hilft auf keinen Fall, der Roséwein auch nicht.

Und vielen Freunden geht es ähnlich, einer schläft seit vier Monaten kaum mehr als 12 Stunden – in der Woche. Was macht unser Gehirn in dieser Zeit? Es plant zum Beispiel schonmal den kommenden Tag und teilt uns dann mit, dass wir ja so müde sein werden, dass der ganze Tag super anstrengend wird und wir werden scheiße aussehen und schlecht arbeiten und Schuld daran ist nur: Was auch immer.

Hey, Gehirn. Was soll die Scheiße?

Eigentlich ist es doch egal, ob die Sonne scheint oder der Mond oder beides. My brain, my rules.

Es gibt jede Menge Techniken, mit denen wir besser einschlafen sollen. Langfristig hat keine bei mir funktioniert. Irgendwann kommt die Schlaflosigkeit wieder. Wieso bringt uns niemand bei, wie wir die Nacht besser aushalten?

Wer wach ist, der kann auch aufstehen

Ich habe mich bei meinen Freunden umgehört und war sehr erleichtert: Die machen sich nachts auch alle verrückt. Nur eine nicht. Die steht auf und guckt Game of Thrones. Das löst gleich zwei Probleme: Sie macht sich selbst nicht so fertig und sie kann eine Serie schauen, ohne dass sie sich eigentlich um andere Dinge kümmern müsste.

Total schlau. Tagsüber wissen wir gar nicht, wo wir die Zeit für alles hernehmen sollen, nachts hingegen liegen wir rum und beschäftigen uns mit dunklen, vollkommen irrationalen Gedanken? Dann lieber fernsehen.

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Unser Gehirn ist daran eigentlich unschuldig. Es ist dafür gemacht, auf uns aufzupassen. Ohne Gehirn hätten wir verweichlichten Wesen doch nie so lange überlebt. Wird unserem Gehirn langweilig, dann beschäftigt es sich halt selbst. Und zwar am liebsten mit Herausforderungen. Sind keine da, dann macht es sich welche. In der Nacht mag uns das den Schlaf rauben.

Denn Zeit, genauer: Freizeit ist etwas, das unsere Wahrnehmung nicht wirklich mag. Unserer Gehirne sind lieber beschäftigt. Der Autor Stefan Klein hat ein wunderbares Buch über die Zeit geschrieben, den Stoff aus dem das Leben ist. Darin schreibt er: „Das Gehirn verhält sich so ähnlich wie Angestellte einer Firma, die sich bei schwacher Auftragslage auch keine schöne Zeit machen können. Statt entspannte Tage zu genießen, fangen sie an, sich mit sich selbst zu befassen: Beliebt als Ablenkung vom Leerlauf sind Bildschirmspiele, eine kleine Umorganisation oder Intrigen.“ Und die freie Zeit? Die ist dahin.

Ich hab mal überlegt, in der schlaflosen Phase zu arbeiten. Leider sehe ich das überhaupt nicht ein und deshalb klappt es auch nicht besonders gut.

Der Autor Jesse Barron schreibt in der New York Times, dass er sich jetzt einen Wecker stellt. Nacht um Nacht weckte ihn sein Gehirn, nur um ihn am Morgen endlich schlafen zu lassen. „Wir betrachten unsere Schlafmuster als Teil einer natürlichen Ordnung“, schreibt er. Dabei sei die Schlafpause mitten in der Nacht früher völlig normal gewesen, für Franzosen oder Briten zum Beispiel. Sie schrieben in ihre Tagebücher, tranken Tee oder hatten Sex.

Was machen wir? Netflix oder Psychoterror.

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Früher habe ich versucht, positiv zu denken. Ich habe negative Gedanken beiseite geschoben und mir den psychologischen Effekt der Schlaflosigkeit bewusst gemacht: Du bist nur schlecht drauf, weil du zuviel nachdenkst. Morgen früh kommt dir alles unrealistisch vor. Mein Ziel war natürlich, besser zu schlafen. Und dann kommen sie trotzdem, diese Gedanken, dass ich am nächsten Tag nicht fit sein würde, mich aufgequollen und fahrig fühlen würde.

Die innere Selbstzerstörung ist totale Zeitverschwendung. Dieser Teil der Nacht ist der einzige, in dem wir wirklich Ruhe haben. Gestern früh habe ich ein Buch gelesen, von vier bis sechs Uhr, dann ging die Sonne auf und ich – haha – wurde müde und schlief ohne Vorwarnung ein.

Besser entspannt hätte ich mich im Schlaf wohl auch nicht. Warum? Es war einfach niemand anderes wach, mit dem ich mich hätte beschäftigen können. Am Mittag fand ich heraus, dass zwei Freundinnen von mir auch wachgelegen hatten, wir wussten aber nichts voneinander. Resultat: Mein Telefon blieb still. Ich habe zwei Stunden am Stück gelesen. Tagsüber kommt das nicht vor, egal ob ich Feierabend habe, egal ob Wochenende ist. Eigentlich ist die Nacht die beste Zeit des Tages.

[Auch bei ze.tt: Mit diesen Tipps bist du morgens nie mehr müde]

Ich wäre trotzdem lieber früh am Morgen wach. Und ich würde auch lieber nachts arbeiten, als tagsüber, wenn die Sonne scheint. Aber das ist das Gute an der Schlaflosigkeit: Meistens geht sie weg und ich habe sie vergessen, noch bevor ich die ultimative Gegenstrategie entwickelt habe. Auch gut.