Wie du drei Wochen zucker-, gluten-, und tierproduktfrei isst. Ohne zu verzichten.

© Collage: Marieke Reimann © Einzelbildernachweis von links nach rechts: vegetarische Paella Ella Woodward/Instagram

Ella Woodward Ella Woodward/Instagram

Schokokuchen Ella Woodward/Instagram

Auf Zucker und Co. zu verzichten, heißt nicht, kein leckeres Essen mehr zu essen. © Collage: Marieke Reimann © Einzelbildernachweis von links nach rechts: vegetarische Paella Ella Woodward/Instagram Ella Woodward Ella Woodward/Instagram Schokokuchen Ella Woodward/Instagram

Essen ohne all die Dinge, die uns normalerweise schmecken – das kann doch auf Dauer gar nicht funktionieren. Ich habe es versucht. Und wurde überrascht.

Fünf Jahre nach meiner Krebsdiagnose samt erfolgreicher Behandlung will ich das mit dieser gesunden Ernährung jetzt endlich durchziehen. Gesund bleiben, fitter werden, bessere Haut bekommen. Bisher bin ich immer gescheitert – vorwiegend an Käse, Keksen und Willensschwäche. Für mich ist Nahrung Genuss und Lebensfreude und nicht bloß Benzin für meinen Körper. Aber genau der hat nach allem, was wir gemeinsam durchgemacht haben, gesundes Essen nötig und verdient.

Nur, was genau ist eigentlich gutes oder schlechtes Essen? Gibt es darauf neben all den Mythen und Meinungen überhaupt eine richtige Antwort? Aus allen Artikeln, Büchern und Texten, die ich gelesen habe, behalte ich: Industriezucker und Weizen sind weniger gut. Stark verarbeitete Produkte sind böse. Milchprodukte und rotes bzw. verarbeitetes Fleisch sind auch nicht so richtig knorke. Generell nichts im Übermaß. Obst und Gemüse sind hingegen super. Natürlich.

Buchweizenmehl, Medjoul-Datteln, Kokos-Öl, Chiasamen, Miso-Paste, Cashewmus – die Einkaufsliste bei einer Ernährungsumstellung ist lang und bisweilen exotisch. © Jessica Wagener

Also suche ich nach einer veganen, zucker- und glutenfreien Diät mit möglichst unverarbeiteten Produkten. Kein Brot, keine Kekse, kein Käse. Der Gedanke an derartige Freudlosigkeit lässt mein inneres Krümelmonster aufschluchzen. Kann ich so was überhaupt durchhalten?

Ella Woodward – britisches Model als Ernährungsvorbild

Dann finde ich das Blog von Ella Woodward. Und sehe Brownies, Kuchen, Pasta, Eis! Das könnte klappen. Ella Woodward ist ein britisches Model, bei dem Ende 2011 eine Nervenkrankheit diagnostiziert wurde. Mit der Wirkung der Medikamente war Ella unzufrieden.

 [Außerdem bei ze.tt: Mit diesen Ölen kochst du besser]

Sie fing an, ihre Ernährung radikal umzustellen, mit Zutaten und Rezepten zu experimentieren und darüber zu bloggen. Inzwischen hat sie nicht nur ein sehr beliebtes Blog, einen Instagram-Account und zwei Kochbücher veröffentlicht, sondern auch ein eigenes Deli in London.

Ellas Philosophie trifft einen Nerv – auch meinen: „Mehr als alles andere will ich, dass dieses Blog zeigt, wie einfach und lecker gesundes Essen ist – es gibt so viel mehr als nur öde Salate (…) Es geht um opulente Desserts, leckere Dips, rohe Genüsse und regenbogenfarbene Schüsseln voller Gemüse“, schreibt Ella. Desserts? Genüsse? Regenbögen? Klingt super!

Avocado in den Nachtisch? Rote Beete in die Brownies? Ernsthaft?

Ich lade ihre beiden Kochbücher auf mein iPad, suche mir Gerichte aus und plane fleißig meine Woche. Alle Rezepte sind glutenfrei, pflanzlich und mit Honig bzw. Ahornsirup statt Industriezucker gesüßt. Zum Frühstück gibt es Smoothies – zum Beispiel Mango-Honig – und Carrot Cake Muffins. Für Mittag- bzw. Abendessen koche ich Thai-Kokoscurry mit Kichererbsen und Linsen-Bolognese. Und zwar in so rauen Mengen, dass ich jeweils etwa drei Tage davon essen kann.

Selbstgemachter Mango-Honig-Smoothie zum Frühstück. © Jessica Wagener

Meine Einkaufsliste ist entsprechend lang und strotzt vor exotischen Produkten wie Buchweizenmehl, Medjoul-Datteln, Kokos-Öl, Chiasamen, Miso-Paste und Cashewmus für stolze 6,99 Euro pro Glas.

Schließlich stehe ich mit all dem Zeug in der Küche und Zweifel tauchen auf. Avocado in den Nachtisch? Rote Beete in die Brownies? Ernsthaft? Ernsthaft. „Ich verspreche euch, ihr werdet gar nicht merken, dass ihr Gemüse in eurem Dessert habt!“ schreibt Ella in ihrem Buch. Also gut.Ich schäle, schnipple, rühre, mixe, backe und brutzele stundenlang. Doch ich gewöhne mich schnell daran. Nach gut einer Woche merke ich, dass meine Haut besser wird: glatter, weniger Unreinheiten. Ich komme leichter aus dem Bett, habe mehr Energie und kann mich länger konzentrieren!

 [Außerdem bei ze.tt: Indien: So isst Deutschland: Acht Fakten aus dem Ernährungsreport]

In Woche zwei und drei gibt es unter anderem cremiges Kokos-Porridge (aka Haferschleim), Bananenbrot, Süßkartoffel-Eintopf, vegane Paella. Ich habe Spaß an den Experimenten, meine Gesamtstimmung wird zunehmend besser – dem tristen Februarhimmel über Berlin zum Trotz. Obwohl das auch an der Begeisterung darüber liegen könnte, dass ich tatsächlich durchhalte. Und darüber, wie leicht es mir fällt.

Kokos-Porridge © Jessica Wagener

Vorkochen rockt und reicht ewig

Obwohl das auch an der Begeisterung darüber liegen könnte, dass ich tatsächlich durchhalte. Ich habe plötzlich null Interesse mehr an Törtchen, Kuchen, Schokobons, Pizza oder Currywurst. Selbst, wenn sie sich direkt vor mir rekeln. Allein bei der Vorstellung des künstlichen Geschmacks schüttelt es mich. Bei jedem meiner vorherigen Versuche waren immer Schokolade und Käse mein Kryptonit, jetzt fällt mir der Verzicht total leicht. Bin das wirklich ich?

Besonders praktisch finde ich die Vorzüge des Vorkochens. Eintopf aufwärmen ist kein großer Aufwand und klappt auch nach einer Party nachts um 4 Uhr (ja, getestet). Außerdem schmeiße ich keine Lebensmittel mehr weg, sie wandern einfach in skurrile Smoothie-Kreationen (Spoiler: Grünkohl-Kakao ist widerlich).

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Frischgebackenes Bananenbrot © Jessica Wagener

Und ich lerne täglich Neues: Welche gängigen Zutaten sich wodurch ersetzen lassen, dass Quinoa einfach nicht mein Ding ist und man Avocado im Dessert echt nicht schmeckt (finden auch meine Freunde). Einige Rezepte mache ich beim zweiten Mal anders – mehr Honig (ja, ich weiß, der gilt nicht als vegan, schmeckt aber trotzdem) oder Nüsse, weniger Cayennepfeffer oder Tomatenmark.

Wer viel kocht, braucht viel Geschirr: Riesen-Nachteil sind die Abwaschberge, die sich in meiner Küche türmen. Alles frisch zuzubereiten, bringt eben mit sich, auch viel abwaschen zu müssen. Die einzige Spülmaschine, über die ich verfüge, sind leider meine Hände. Und die müssen bis zu fünf Mal am Tag ran. Das kostet Zeit und außerdem verabscheue ich abwaschen einfach. Besonders die Reinigung meiner mehrfach täglich eingesetzten Küchenmaschine nervt kolossal. Nun gut.

Mein Fazit nach drei Wochen: Ernährungsumstellung ist Arbeit. Man muss planen, Zeit und Geld investieren. Aber all das lohnt sich.

Du solltest nur Dinge essen, die dir auch schmecken

Wer sich grundsätzlich nur auf Partys gern in Küchen aufhält, der ist mit Ellas Lifestyle nicht gut beraten. Diese Art der Ernährung ist auch nichts für Nuss-Allergiker und Menschen, die weder Hülsenfrüchte, Kokosmilch, Avocados noch Bananen mögen – eins davon kommt in fast jedem Rezept vor. Außerdem muss man viel einkaufen und braucht vor allem zum Start teure Produkte wie Nussmus und Kokos-Öl. Die allerdings halten eine ganze Weile.

Gesunde Ernährung bringt viel Abwasch mit sich. © Jessica Wagener

Ich persönlich fühle mich damit super und habe gelernt: Damit Ernährungsumstellung dauerhaft klappen kann, sollte man nur Dinge essen, die einem wirklich schmecken und nicht zu streng mit sich sein. Wenn man zwischendurch unbedingt Bacon braucht: nur zu. Sich permanent zu etwas zu zwingen oder sich etwas krampfhaft zu versagen, kostet Kraft und macht keinen Spaß – Scheitern vorprogrammiert. Es wie mit der Liebe: Wenn’s passt, ist es gar nicht kompliziert.

 [Außerdem bei ze.tt: Diese 6 Gemüsesorten kennst du nicht – solltest du aber!]

Das grundsätzliche Bewusstsein dafür, was wir in unseren Körper füllen, was das mit uns anstellen kann und dass es Alternativen gibt, ist ein guter Anfang. Ich, die ich mir mal einen ganzen Laib Parmesan kaufen wollte, bin inzwischen großer Fan von Cashewmus als Käse-Ersatz in Pastagerichten geworden. Ja, das hätte ich auch nie gedacht.

Essen „ohne alles“ ist also tatsächlich alles andere als freudlos, ich werde definitiv weiter machen. Da wartet nämlich noch mindestens ein neues Dessert-Rezept mit Avocado auf mich.