Wie du Fragen so stellst, dass andere sich dir öffnen

Die wenigsten machen sich Gedanken darüber, wie sie Fragen stellen. Wer seine Methode ändert, bekommt nicht mehr nur Informationen, sondern schafft gegenseitiges Vertrauen. 

"Was war die wichtigste Lektion, die dir deine Mutter gelehrt hat?" © dpa

In der Artikelreihe „Wie reden wir eigentlich miteinander?“ beschäftigen wir uns mit verschiedenen Formen und Theorien der Kommunikation. Viele dieser Methoden werden in der Psychologie gelehrt – oft sind sie so simpel wie logisch. Sie lassen sich ohne Aufwand in unser tägliches Leben integrieren. Wir von ze.tt denken, dass eine vernünftige Debattenkultur wichtig für unser Miteinander ist.

Na, wie geht’s?“

Wir kennen diese Frage, sie ist erwartbar, alltäglich, banal, fordert uns nicht heraus und wirkt wie ein Füllsatz. So behandeln wir sie auch, wird sie uns gestellt; wir antworten meist ebenso erwartbar, alltäglich und banal.

Doch wie sähe es aus, würde uns stattdessen diese Frage gestellt:

Na, was war das Schönste, das du heute erlebt hast?“

Diese Frage löst etwas in uns aus: Wollen wir antworten, sind wir plötzlich dazu gezwungen, unseren Tag Revue passieren zu lassen. Wir müssen tatsächlich darüber nachdenken, was denn nun das Schönste war.

Der Unterschied zur Eingangsfrage: Wir wissen die Antwort darauf normalerweise nicht schon vorher, leiern keine automatisierten Antworten herunter. Sie ist viel mehr als nur eine Frage; sie ist eine Einladung, uns mit uns selbst zu beschäftigen.

Die Kunst des Fragestellens

Mit diesem Wissen als Grundstein können wir unsere Art und Weise, Fragen zu stellen, grundlegend ändern – und zwar in allen Lebenssituationen.

Wer andere Menschen mit einer Frage dazu bringt, sich tatsächlich mit dieser zu beschäftigen – statt einfach nur eine für sie und uns vorhersehbare Antwort zu geben –, öffnet sie. Für sich selbst vor allem, denn sie müssen dann in sich reinhören. Wir als Fragestellende hingegen bekommen viel mehr als nur Informationen; wir bekommen einen echten Einblick in die Gefühlswelt unseres Gegenübers.

[Außerdem auf ze.tt: Wie man aufrichtig zuhört]

Cal Fussmann ist Profi, was Fragestellen anbelangt. Der Autor und Journalist interviewte in seinem Leben Menschen wie den früheren sowjetischen Staatspräsidenten und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow und Muhammad Ali, als dessen Parkinson in einem fortgeschrittenen Stadium war. Fussmann war maßgeblich an der Kolumne What i’ve learned beteiligt, einem Projekt des US-Magazins Esquire, in dem über 300 Berühmtheiten in ihren eigenen Worten beschreiben, was sie vom Leben gelernt haben und wie sie es gelernt haben. Heute ist Fussmann vor allem als Speaker auf Bühnen unterwegs, er möchte mit seiner Erfahrung helfen, dass die Menschen und ihre Emotionen greifbarer füreinander werden.

In From the heart, dem Vortrag im eingebetteten Video, beschreibt er, wie er es 2008 schaffte, ein langes und tiefgründiges Interview mit Gorbatschow zu führen – obwohl ihm anfangs nur zehn Minuten Gesprächszeit zugesagt wurden. Aufgeregt sei Fussmann vorher gewesen, wütend, weil er sich sehr sicher darüber gewesen war, dass diese Zeit nie und nimmer ausreichen würde. Also, sagte er sich, müsse er das Beste daraus machen und zumindest eine Frage stellen, die zündet. Er schaffte es.

Statt Gorbatschow erwartbar über Ronald Reagan oder Nuklearwaffen auszufragen, schaute Fussmann ihm in die Augen und fragte ihn: „Was ist die beste Lektion, die Ihr Vater Sie je gelehrt hat?“ Gorbatschow sei überrascht gewesen, aber positiv. Dann begann er, zu grübeln. Schließlich erzählte Gorbatschow Fussmann eine Geschichte darüber, wie sein Vater die Familie in ein kleines Geschäft in der Stadt brachte, kurz bevor er aufbrach, um im zweiten Weltkrieg zu kämpfen.

Der Vater kaufte jedem Familienmitglied einen Eisbecher. Gorbatschow beschrieb es genau, hielt seine Hand auf, als würde er darin liegen. Zumindest Fussmann zufolge war dies der Moment, an dem beide realisierten, dass dieser Eisbecher der Grund dafür war, dass Gorbatschow Frieden mit Reagan machen konnte und so den Kalten Krieg beenden. In diesem Eisbecher lag einerseits die Erinnerung daran, wie schön es mit seinem Vater war und andererseits die Angst daran, ob Gorbatschows Vater je wieder vom Krieg zurückkommen würde.

[Außerdem auf ze.tt: Michail Gorbatschow: „Es sieht so aus, als bereite die Welt sich gerade auf Krieg vor“]

Eine Mitarbeiterin war in den Raum gekommen, um das Ende des Interviews anzusagen. Gorbatschow aber sagte: „Nein. Ich möchte mit diesem Mann sprechen.“ Und so gelang es Fussmann, einen der erfolgreichsten Texte der Esquire-Kolumne zu schreiben.

In diesem Moment sei Fussmann etwas klargeworden, erzählt er in seinem Vortrag: Das alles sei nur deshalb passiert, weil seine erste Frage Gorbatschow dazu brachte, in sein Herz zu horchen. Nicht in den Kopf.

Wie man Herz-Fragen statt Kopf-Fragen stellt

Diese Technik perfektionierte Fussmann über die Jahre. Das geht weit über gängige Fragestile hinaus, etwa offene, geschlossene, rhetorische, suggestive. Allzu oft wird bei solchen Fragen nur der Kopf aktiviert. Die Fragen folgen alle einem logischen Muster, zielen auf eine logische Reaktion ab und fühlen sich eher wie ein Verhör an.

Doch Fussmanns Herz-Fragen haben nicht zum Ziel, eine gewisse Auskunft über einen Sachverhalt zu bekommen oder eine Person auszuhorchen. Sie sind aus einem großen empathischen Verständnis und Interesse für das Gegenüber geboren und vermitteln diesem so die Sicherheit, sich vollkommen öffnen zu können. Wer seine Fragetechnik ändere, werde laut Fussmann eine tiefere Verbindung zu allen Menschen um sich herum gewinnen. Und nicht nur das: „Wer seine Fragetechnik ändert, wir die Kunst der Kommunikation meistern.“

Gute Fragen, richtig gestellt, helfen dir dabei, besser in allem zu werden, was du tust.“ – Cal Fussmann

Daraus resultiere eine tiefe Einsicht in die Mitmenschen, aus der beide nur gewinnen können. Weil sich dadurch ein Gespräch auftun könnte, das niemand erwartet hat. Hier ein paar Tipps, die sich aus Fussmanns Erfahrungen herausfiltern lassen:

  1. Bevor du fragst, höre auf dein Herz, erst danach auf den Kopf: Wie fühlt sich die Situation an? Entspannt oder liegt Spannung in der Luft? Versetze dich für einen Augenblick in dein Gegenüber.
  2. Frage keine Fragen, die ständig gestellt werden: Wie fühlst du dich, wenn du immer wieder mit der gleichen phrasenhafte Frage konfrontiert wirst? „Alles gut?“, „Wie war dein Tag?“ Gelangweilt? Eben. Die Kunst, gute Fragen zu stellen, ist vor allem eine davon, besondere Fragen zu stellen. Solche, die nicht alle jeden Tag gefragt werden. Solche, die herausfordern. Solche, die spannend sind, für die Fragenden – und Antwortenden.
  3. Stelle keine unangenehmen Fragen: Wer unangenehme Fragen stellt und damit das Gegenüber in eine Ecke drängt, wird keine angenehmen und interessanten Antworten bekommen. Die Person wird sich viel eher in eine Verteidigungshaltung zurückziehen und knapp antworten. Wer Personalverantwortung in einem Unternehmen trägt, sollte sich diesen Punkt besonders zu Herzen nehmen. Aber das gilt auch im Alltag: Fühlt sich das Gegenüber sicher, öffnet es sich.
  4. Stelle erst deine Frage, dann bleib bei diesem Thema: Manchmal braucht es einige Nachfragen, um zum emotionalen Kern vorzudringen. Erwarte nicht, gleich mit der ersten Frage das Eis zu brechen, sollte eines da sein. Achte sehr gut darauf, wie das Gegenüber reagiert, nimm die Stimmung auf. Versuche subtil nachzuhaken und bleibe beim Thema der Frage. So nähern sich beide Parteien langsam einem nahrhaften Gespräch an.
  5. Spare dir harte Fragen bis zum Schluss auf: Musst du etwas schwerwiegendes in Erfahrung bringen, etwa von Freund*innen oder Arbeitskolleg*innen, ist es besser, sich erst mit empathischen Fragen warm zulaufen – und erst dann die harten Fragen zu stellen, wenn gegenseitiges Vertrauen da ist. Du wirst dann nämlich schon in Erfahrung gebracht haben, in welcher Tonalität und mit welchen Worten du sie stellen kannst und minimierst das Risiko, gegen eine Wand zu laufen. Das gilt auch für Gespräche mit den Chefs, wenn es etwa um mehr Gehalt geht.
  6. Sei bereit für unerwartete Antworten: Manchmal erwischst du Menschen auf dem falschen Fuß. Manchmal antworten sie ganz anders, als du es erwartest. Nimm das an, reagiere darauf und passe deine Fragen an.

Wenden wir Fussmanns Erfahrungen auf den Alltag an, könnte eine banale Frage viel öfter zu einer besonderen werden.

Statt „Wie war’s bei der Arbeit?“ könnten wir ja einmal die Frage „Wie hast du die Stimmung zwischen dir und den Kolleg*innen heute wahrgenommen?“ versuchen.

Wer weiß, was sich daraus ergeben wird.