Wie du lernst, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden

Vernünftig Prioritäten setzen ist eine Kunst. Aber einmal geschafft, macht es uns zufriedener und gesünder.

Zufriedensein geht – aber man muss was dafür tun. C0 / Pexels

In unserer Reihe „Wie du zu dir findest“ beschäftigen wir uns mit dem Klarkommen in dieser schnelllebigen Welt. Wie werde ich zufriedener? Wie werde ich schädliche Denkmuster los? Für die Tricks und Kniffe – wir nennen sie Psychohacks – beschäftigen wir uns mit gängigen Studien und Methoden und befragen Expert*innen.

Ich würde mich als waschechten Schluri beschreiben. Ich schiebe gerne und viele Dinge auf, später war ja immer noch genug Zeit dafür. Hauptsache ich kann dadurch Stress vermeiden. Dass ich mir damit oft mehr Stress mache als vorher, wird mir meistens erst dann bewusst, wenn zum Beispiel die dritte Mahnung mit Ankündigung der Vollstreckung hereinflattert.

Ich bin schlecht darin, Entscheidungen zu treffen. Und ich weiß, dass es genauso wie mir vielen anderen auch schwer fällt, Prioritäten so zu setzen, dass es ihnen gut tut. Dass sie im Alltag eher rotieren und nicht wirklich zufrieden mit sich sind.

[Außerdem auf ze.tt: Laut Harvard-Studien brauchen wir genau eine Sache für ein erfülltes Leben]

Ich habe mich lange gefragt, wie wir uns selbst besser managen und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können. Nicht um der Effizienz willen – sondern um freier und unbeschwerter zu werden. Die gute Nachricht: Es gibt tatsächlich ein paar Kniffe dafür.

Lass mich, ich prokrastiniere

Selbstmanagement bedeutet nichts anderes als die Fähigkeit, bessere Entscheidungen zu treffen. Besser heißt in diesem Fall klüger, vernünftiger, gesünder. Denn Fehlentscheidungen gibt es nicht, wie sich Psycholog*innen mittlerweile sicher sind. Höchstens die äußeren Einflüsse und Umstände, die zu einer Entscheidung führten, können falsch gewesen sein, da müsse man folglich reflektieren und anpacken.

Über die Art, wie unser Gehirn Entscheidungen trifft, gibt es zahlreiche Studien. Wir neigen zum Beispiel dazu, uns für das Vertraute zu entscheiden. Unter Angst und Stress treffen wir schlechtere Entscheidungen. Und emotionale Entscheidungen treffen wir schneller als rationale. Von den rund 20.000 Entscheidungen täglich treffen wir die meisten unterbewusst, beinahe automatisch. Das sind die Kleinen, wie etwa unsere Stehposition an der Haltestelle oder teilweise auch die Einkäufe im Supermarkt. Bei den größeren Themen kann uns das Gefühl, eine schlechte Entscheidung getroffen zu haben, regelrecht lähmen.

Das ist emotionaler Stress, der unser Immunsystem schwächt. Das kann bis zu einer regelrechten Angst vor der Entscheidungsfindung führen, ein Phänomen namens Decidophobie. Dann zögern und hadern Menschen mit jeder noch so kleinen Entscheidung, manchmal sogar für viele Stunden.

[Außerdem auf ze.tt: Warum es im Leben keine Fehlentscheidungen gibt]

Dies, in schwacher Ausprägung, ist womöglich einer der Auslöser für das Prokrastinieren, das Weg- und Verschieben wichtiger Entscheidungen, Probleme und Aufgaben. So verbringen wir mehr Zeit mit den eigentlich unwichtigeren Dingen.

Wir Menschen neigen außerdem zu Selbstbetrug. Wie der Harvard-Psychologe und Entscheidungsforscher Daniel Gilbert herausfand, nehmen wir die Welt so wahr, wie sie uns angenehm ist. Wir reden uns die Jobentscheidung schön, den Smartphonekauf, sogar die Partner*innenwahl, was in einer Art Faulheit resultiert, Probleme anzuerkennen und abzuarbeiten. Aber: Nichts bereuen wir im Nachhinein so sehr, wie nichts getan zu haben. Die wichtige Überweisung nicht rechtzeitig eingereicht zu haben, den wichtigen Anruf nicht getätigt zu haben. Wir drücken uns davor im Glauben, Stress vermeiden zu können. Aber natürlich wird der Stress durch das Nichtstun noch viel größer.

Wir haben uns Dynamiken antrainiert, die destruktiv wirken. Das muss man wissen, bevor man an einer gesunden Entscheidungsfähigkeit arbeiten kann.

Wie wir vernünftig Prioritäten setzen

Stefan Bergheim, Direktor des gemeinnützigen Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt in Frankfurt, sagt, Entscheidungen zu treffen würde durch den technischen Fortschritt noch schwieriger als ohnehin schon.

Seiner Ansicht nach schieben Menschen Aufgaben vor allem deshalb vor sich her, weil gar nicht mehr die Zeit dafür haben, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Sie sind überfordert. „Das ist etwas, was uns alle betrifft, ob wir 20 Jahre, 40 Jahre oder 60 Jahre alt sind, privat und beruflich, arm wie reich. Ein Thema, das nicht verschwinden wird und wofür es nicht die eine alles lösende Antwort gibt“, sagt der ehemalige Volkswirt. Deshalb sei es umso wichtiger, inmitten der größer werdenden Entscheidungsfreiheit und Auswahlmöglichkeiten Prioritäten zu setzen. In seinem Zentrum erarbeitet er mit einem Thinktank neue Methoden, wie die Lebensqualität der Menschen verbessert werden kann. Gute Entscheidung treffe man vor allem dann, wenn man sich richtige Prioritäten setze.

Für eine Studie entwickelte Bergheim 2014 verschiedene Handlungsempfehlungen, die dabei helfen sollen, zufriedener zu sein. Darunter: die eigenen Gefühle reflektieren und dokumentieren, Ziele identifizieren. Anderen Menschen Anerkennung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenken, und gleichzeitig die Balance zwischen engen und losen Kontakten halten. Die Erreichbarkeit einschränken, Auszeiten und quality time planen, und diese vor allem offline verbringen, auch wenn das schwer fallen sollte. Gelassenheit in Bezug auf alles entwickeln, was keinen absoluten Vorrang für uns genießt und Perfektionismus zu reduzieren.

Um herauszufinden, welche Prioritäten für uns vernünftige sind, und diese dann entsprechend zu setzen, sollten wir laut Bergheim versuchen, folgende Techniken anzuwenden:

  • Routinen entwickeln: „Immer die gleiche Erdbeermarmelade kaufen oder die gleiche Zeitung lesen.“ Das sorge dafür, dass wir uns zumindest über diese Themen nicht täglich neu Gedanken machen müssen.“
  • Neues ausprobieren: Das ist kein Widerspruch zur Routine. Neues ausprobieren könnten wir vor allem bei Themen, die keine großen negativen Konsequenzen für uns oder andere haben, wenn es dann doch keine gute Idee war. „Das könnte ein neues Reiseziel für den Urlaub sein, eine neue Sportart, ein neuer Weg zur Arbeit oder zur Uni.“
  • Wissen, was uns wichtig ist: Dafür könnten wir allein oder gemeinsam, etwa mit Partner*innen darüber nachdenken, was zu uns passt: Was tut uns gut? Wo möchten wir gerne hin? Und wichtig: Was ist für uns ein machbarer Schritt in diese Richtung?
  • Weniger an anderen ausrichten: Was für andere Menschen – vermeintlich oder wirklich – gut funktioniert, das müsse nicht unbedingt zu uns passen. „Was alle machen, das muss für uns nicht richtig sein, auch wenn wir als Außenseiter mehr Kraft brauchen.“
  • Schwierige und wichtige Entscheidungen gut vorbereiten: Die Wahl des Studienfachs, den Autokauf, den Jobwechsel, die Wahl unserer Partner*innen sollten wir durch Gespräche und Informationen vorbereiten.
  • Öfter bewusst auf das Bauchgefühl hören: Fühlt es sich gut an? In der Regel entscheiden wir ja ohnehin aus dem Bauch heraus, aber dieses Bauchgefühl könnten wir durch die oben genannten Punkte in gewissen Maßen verändern.
  • Entspannt rangehen: Wir können in der Regel nicht vorab 100 Prozent genau wissen, ob etwas gut für uns ist oder nicht. Das solle und dürfe uns nicht in der Entscheidung lähmen. „Wenn etwas nicht funktioniert hat, dann haben wir immerhin Lebenserfahrung gewonnen und unseren Prioritätenkompass – also unseren Bauch – etwas besser kalibriert.“
  • Nichtstun als Kategorie im Kopf abschaffen: Wir tun immer etwas, selbst wenn wir vermeintlich nichts tun: Lesen, Fernsehen, im Netz surfen, Sport und so weiter. „Wir können uns dann gezielt fragen, was uns davon abhält, das zu tun, was eigentlich ansteht.“ Diese Aufgaben könnten wir dann auf einen geeigneten Zeitpunkt legen – etwa gleich früh am Morgen nach dem Aufstehen –, oder in kleinere, überschaubare Teile zerlegen, oder sie mit anderen gemeinsam erledigen.
  • Anstrengungen als Voraussetzung für Zufriedenheit akzeptieren und schätzen: „Ohne Schweiß kein Glücksgefühl auf dem Berggipfel, ohne Training keine neue persönliche Bestleistung, ohne Übung kein Verständnis der Matheaufgabe.“

Wer die richtigen Prioritäten setzt, wird laut Bergheim freier entscheiden und sein Leben sowie sein Umfeld besser gestalten können. Richard Koch, Autor des Buchs Das 80/20-Prinzip: Mehr Erfolg mit weniger Aufwand sieht das auch so. Er schreibt, dass ohnehin 80 Prozent der Dinge, die wir tun, fremdbestimmt sind, also von außen an uns herangetragen werden. Die restlichen 20 Prozent seien das, woran wir uns halten sollten: „Wenn wir den Unterschied zwischen dem wenigen Wesentlichen und dem vielen Unwesentlichen in allen Aspekten unseres Lebens erkennen und entsprechend handeln würden, könnten wir alles vermehren, was für uns einen Wert darstellt.“

Gelingt uns das, fällt es uns künftig leichter, auch unbeliebte Aufgaben zu erledigen – und werden in der Folge zufriedener.