Wie ein 25-Jähriger versucht, sein Leben mit Geschenken Fremder zu finanzieren

Pierre gibt Workshops und hält Vorträge, Geld nimmt er dafür nicht. Stattdessen versucht der 25-Jährige, sich durch ein sogenanntes beziehungsvolles Schenkeinkommen zu finanzieren, sich von Fremden unterstützen zu lassen. Doch das stößt nicht bei allen auf Verständnis.

Pierre bei einem Vortrag. Foto: Milli Leibfarth

„Du bettelst Menschen an unter dem Deckmantel der Philosophie, Kunst, eines Experiments – nur viel bequemer, als es all die anderen Hilfsbedürftigen jeden Tag auf der Straße tun müssen. An deiner Stelle würde ich mich so scheiße fühlen.“

Als Pierre Lischke diese Facebooknachricht eines Bekannten an ihn liest, werden seine Hände feucht, sein Herz hämmert. Zum ersten Mal hat den 25-Jährigen jemand so deutlich für seine Art zu leben kritisiert. Zum ersten Mal hat ihm jemand vorgeworfen, er würde Menschen anbetteln. Pierre versucht, ruhig zu bleiben – es funktioniert nicht.

Er will gerade den Laptop zuklappen, als er eine Mail von PayPal bekommt: „So fern und doch ganz nah hat Ihnen 200 Euro gesendet.“ So fern und doch ganz nah heißt eigentlich Claudia, sie hat Pierre noch nie getroffen, aber ein Video von ihm gesehen, das er auf Facebook geteilt hat. In dem Video trägt Pierre ein selbstgeschriebenes Gedicht vor, es geht um seine Herzenswünsche, um den Mut, ein Studium abzubrechen und stattdessen auf einem Bauernhof zu leben.

Von den 200 Euro, die Claudia Pierre überwiesen hat, kann er einen Monat lang seine Miete bezahlen. Das ist das Modell, nach dem Pierre seit dem 20. November 2016 versucht zu leben: davon, dass ihm andere Geld schenken. Pierre selbst nennt das Modell „beziehungsvollen Schenkeinkommen“.

[Außerdem auf ze.tt: Bedingungsloses Grundeinkommen: Diese drei Modelle gibt es]

Die Idee ist ähnlich wie die des bedingungslosen Grundeinkommens: Ein monatlicher Geldbetrag soll Pierres Existenz sichern und ihm eine freiere gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied: „Das Geld soll im Gegensatz zum bedingungslosen Grundeinkommen nicht irgendwie zu mir kommen, sondern über Menschen, die sich in irgendeiner Art mit mir verbunden fühlen“, erklärt Pierre. Freund*innen, Bekannte, Menschen, die wie Claudia gut finden, was Pierre macht und sich von ihm inspiriert fühlen, können ihm dafür über die Plattform Patreon Geld überwiesen.

Er will Menschen zu alternativen Lebenswegen inspirieren

Pierre gibt Seminare, Workshops und Coachings vor allem zum Thema Selbstfindung. Er möchte anderen dabei helfen, herauszufinden, was sie wollen und macht ihnen Mut, dabei alternative Wege zu gehen.

Er hat sein Studium abgebrochen, aktuell keinen festen Arbeitsvertrag und kein Dokument, das ihm seine Moderations- und Lehrfähigkeiten bescheinigt. Dabei hat er seit seinem Abitur 2011 nicht nur Workshops und Seminare gegeben, sondern auch Kreidestaub, ein Projekt zur alternativen Lehrpersonalausbildung an Universitäten, mitgegründet und entwickelt, sich in positiver Psychologie und gewaltfreier Kommunikation weitergebildet, Gedichte, Rapsongs und den Anfang eines Buches geschrieben.

Pierre kann gut auf der Bühne sprechen, anderen zuhören, Ratschläge geben. Kreidestaub ist mittlerweile ein eingetragener Verein, ein soziales Start-up, das sich in der Lehrerausbildung an den Berliner Universitäten etabliert hat. Warum will Pierre für seine Arbeit kein Geld oder zumindest nicht, dass Geld auf dem konventionellen Weg zu ihm kommt? „Es hat sich für mich immer falsch angefühlt, einen fixen Teilnehmerbetrag für meine Workshops festzulegen. Wie lege ich den Preis für etwas fest, das für jede Person, die daran teilnimmt, einen individuellen Wert hat?“, fragt sich Pierre und beschließt im November 2016, seine Workshops, seine Gedichte, seine Arbeit für Kreidestaub zu verschenken.

[Außerdem bei ze.tt: Wie ein Leben mit bedingungslosem Grundeinkommen aussieht]

Seitdem haben ihm Freund*innen und Bekannte, aber auch Unternehmen, auf deren Konferenzen er Vorträge zu alternativen Lebens- und Finanzierungsmodellen gegeben hat, insgesamt 3.500 Euro überwiesen. Einiges davon hat er selbst weiterverschenkt an Freund*innen, die das Geld laut Pierre aktueller dringender brauchen als er selbst. „Ich verstehe die Art und Weise, wie Geld zu mir kommt, nicht als Geld einnehmen“, sagt Pierre. „Wenn ich neue Leute treffe, habe ich nicht den Gedanken im Kopf, dass sie mir vielleicht irgendwann mal Geld schenken.“

Er möchte durch sein eigenes Leben zeigen, dass unkonventionelle, alternative Lebenswege und -konzepte okay sind. „Wir brauchen eine vielfältigere Gesellschaft, in der viele Wege richtig sind. Wer sagt denn, dass Geld nur durch eine feste Anzahl von geleisteten Arbeitsstunden zu mir kommen kann?“ Pierre sagt, dass sein Leben die Chance berge, glücklicher zu werden, obgleich es nicht einfacher sei als das seines Bruders, der 40 Stunden in der Woche arbeitet, verheiratet ist, Kinder und ein Haus hat.

Zu viel Kritik an der Idee

Pierre glaubt an das, was er sagt – bis zum 15. Februar 2017, als er auf seiner Facebookseite postet: „Das beziehungsvolle Schenkeinkommen funktioniert so nicht. Ich ziehe momentan mehr Kritik an meiner Lebensweise als erwartungsfreie beziehungsvolle Geschenke an.“ Seine Lebensweise sei naiv, übertrieben radikal, trotzig, bekommt er zu hören und kann seine Miete nicht bezahlen von dem, was ihm andere schenken. Dennoch hält er am Schenkeinkommen fest. Anstelle sich einen festen Job zu suchen, beschließt er, sein Zimmer zu vermieten und sich auf nomadische Wanderschaft zu begeben. Seit Ende Februar reist er durch Deutschland, hält auf Konferenzen Vorträge, schläft bei Freund*innen auf der Couch. Ob er in seine Heimatstadt Berlin zurückkommt, weiß er noch nicht.

[Außerdem bei ze.tt: Warum das bedingungslose Grundeinkommen eine gute Idee ist]

Doch Pierre kann zu einem großen Teil nur so leben, wie er lebt, weil andere mit geregelten Arbeitsverträgen und einem festen finanziellen Einkommen ihn unterstützen. Würden alle, denen er auf seinen Vorträgen vom Schenkeinkommen erzählt, sich ebenfalls dafür entscheiden, würde es nicht mehr funktionieren. Pierre weiß das, aber er sagt: „Ich würde es toll finden, wenn sich mehr Leute für alternative Finanzierungsmodelle entscheiden würden.“

Natürlich entständen dadurch neue Herausforderungen, aber die könnten dann gemeinsam in einer Community gemeistert werden. „Alternative Konzepte scheitern so oft an der Angst, nicht zu wissen, ob sie gelingen. Für mich ist diese Unsicherheit eine Art Kick“, sagt Pierre. Er kann sich auch vorstellen, in absehbarer Zukunft komplett geldfrei zu leben.